Hat der biblische Mose wirklich gelebt?

Mose - Schnorr von Carolsfeld
Mose - Schnorr von Carolsfeld
Ist Mose ein erfundener Held der Bibel? Gab es ihn? Die überraschende Antwort: Mose gab es zweimal. Es gab einen Religionskritiker und einen Gruppenführer.

Während man bis ins 17. Jahrhundert noch geglaubt hatte, dass Mose der Schreiber der ersten fünf Bücher der Bibel war, geht man heute überwiegend davon aus, Mose war keine historische Gestalt. Die Bücher, die seinen Namen tragen, sind keinesfalls von ihm geschrieben worden. Martin Noth hatte 1948 aufgezeigt, dass der Pentateuch (5 Bücher Mose) aus mehreren, unterschiedlichen Bestandteilen zusammengesetzt wurde. So bleibt nach einer textkritischen Analyse die Frage, ob Mose eine Sagengestalt oder eine historische Person war? Worauf gründet sich der Ruhm eines Mose?

Der Religionskritiker Mose

Für die Priester der Ägypter gab es keinen Anlass, die Erinnerung an Mose zu bewahren. Was ihnen heilig war, hatte jener in den Dreck gezogen. Vor dem Pharao als göttlichem Repräsentanten hatte er alles als wirkungslos bezeichnet, was den Priestern verehrungswürdig und heilig war. Mit den "Plagen" bewies er dies. Doch den Hebräern, die nach einem neuen Gottesbild suchten, war diese Einschätzung der Religion willkommen. Zwar lässt sich eine Person, die gegen religiös Gültiges opponiert, auch erfinden und erdichten. Doch spricht genau so viel historische Plausibilität dafür, dass es den Religionskritiker Mose gegeben hat. Und es gab in Ägypten ein großes Vorbild für Religionskritik: Pharao Echnaton. Der war ein religiöser Revolutionär auf dem Königsthron. Er hatte von 1364-1347 v.Chr. Ägypten regiert, und niemand würde anzweifeln, ob er überhaupt gelebt habe. Die Verehrung vieler Götter hatte Echnaton verboten und nur einen einzigen Gott zugelassen: die Sonne, als Quelle allen Lebens. Das Pendel der Religion schlug nach seiner Regentschaft vom Monotheismus wieder zur Vielgötterei zurück. Der Nachfolger auf dem Königsthron schaffte den monotheistischen Kult wieder ab. Die Priester des Sonnenkults wurden nach dieser Wende sogar verfolgt. Wollten sie überleben, mussten sie sich ins Niemandsland der Wüste zurückziehen, z.B. auf den Sinai. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat in seinem Buch „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939) die These vertreten, Mose habe auf dem Sinai zur monotheistischen Lehre der Sonnenverehrer gefunden. Folgt man dieser Spur, dann müsste man die Lebenszeit für Mose nach dem Jahr 1347 v.Chr., Echnatons Todesjahr, ansetzen.

Aus den Angaben der Bibel lassen sich weder das Geburtsjahr noch das Todesjahr für Mose bestimmen. In der Überlieferung über die Geburt wird Mose als hebräisches Kind von priesterlichen Eltern eingestuft. Vater und Mutter sind namenlose Angehörige des Priestergeschlechts Levi (2.Mose 2,1). Das klingt nicht nach historischer Angabe. An anderer Stelle wird berichtet, der Vater hieß Aram, er ehelichte seine Tante Jochebed, die ihm Mose und Aaron gebar.

Mose ein Ägypter

Andererseits wird Mose im 2. Buch Mose schlichtweg als Ägypter bezeichnet, was nichts anderes bedeutet, als dass er ägyptischer Abstammung war, und erst durch eine dichterische Erzählung zum Hebräer gemacht wurde. Fehlende historische Angaben überdeckt der biblische Erzähler mythologisch. Singulär ist die biblische Darstellung, nach der Gott selbst den Leichnam Mose begraben hat. Daher kennt niemand sein Grab (5.Mose 34,6). Heiligenverehrung kennt ein Todesjahr und einen Begräbnisort, an dem man sterbliche Überreste zu verehren pflegt. Fehlanzeige im Fall Mose.

Sonnenkult auf dem Sinai?

Mose fand seine Religion auf dem Sinai. Als Schwiegervater und priesterlicher Lehrer tauchen zwei Namen auf: Reguel und Jethro. Über deren Kult überliefert die Bibel keine Details. Der sinaitische Gott spricht zu Mose aus einem brennenden Busch. Sonne und Feuer gehören zusammen, wie es aus der Religion des Zarathustra bekannt ist. Das stützt die Meinung Sigmund Freuds, auf dem Sinai habe sich die Tradition der Verehrung des ägyptischen Sonnengottes erhalten. Wann der ägyptische Religionskritiker Mose, der am Pharaonenhof aufgewachsen war, genau gelebt hat, das ist aus den biblischen Quellen heraus nicht zu klären sein. Doch sein Ruhm reichte über seinen Tod hinaus.

Der Verfasser des zweiten Buches Mose verbindet die Person des Mose mit einem weiteren Themenkomplex. Das spätere Gottesvolk braucht einen Gesetzeskodex für sein Zusammenleben.

Mose und die Gesetzgebung

Dieser muss göttlich legitimiert sein, möglichst von Gott selbst gegeben. Im Zentrum der Gesetze des Gottesvolkes steht ein Verhaltenskodex von 10 Geboten. Es wird erzählt, Mose habe diese aus Gottes Hand empfangen.

Für diese Geschichte lässt sich eine zeitliche Zuordnung finden. Ramses II. (1290-1224 v.Chr.) hatte Ägypten eine reiche Bautätigkeit beschert hat und brauchte dazu viele Gastarbeiter. Die Bibel berichtet, dass hebräische Arbeiter, die an der Erbauung der Stadt Ramses mitgearbeitet hatten, von dort geflohen waren. Unter Ramses Herrschaft reichte der ägyptische Machtbereich bis nach Palästina. Einer kleinen Gruppe von Geflüchteten blieb kein anderer Weg, als sich durch das Wüstengebiet des Sinai durchzuschlagen. Dass sie ihr Überleben als göttliche Fügung ansehen, überrascht weniger. Doch müssen sie einen Verhaltenskodex eingehalten haben, ohne den die Flüchtlingsgruppe nicht überlebt hätte. Dieses Ruhmesblatt haftet an ihrem Anführer Mose. Theoretisch könnte diese Geschichte frei erfunden sein. Doch spricht eben so viel Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Gruppenanführer Mose in eben dieser Führerrolle eine historische Person war. Ähnliche Erscheinungen hat es in der Geschichte immer wieder gegeben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Es spricht nichts dagegen, dass der Religionskritiker Mose gelebt hat. Ebenso glaubhaft ist, dass ein Gruppenanführer Mose eine historische Person war. So erfährt die Frage, ob Mose gelebt habe, die unerwartete Antwort: es hat Mose zweimal gegeben.

Die Verknüpfung beider Personen in der Bibel als eine einzige Person bleibt unter historischem Gesichtspunkt zweifelhaft. Der ägyptische Religionskritiker Mose kann zu einer anderen Zeit gelebt haben als der Anführer Mose. Hier sind Zweifel an der Historizität der biblischen Darstellung angebracht.

Literatur:

  • Evangelisches Kirchenlexikon, Göttingen 1962, S.1458, Stichwort Mose
  • Martin Noth, Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stuttgart 1948
  • Sigmund Freud, Der Mann Mose und die monotheistische Religion, 1939
  • Jochen Rabast, Engel im Gepäck, Spuren zum Alten Testament, Frankfurt 2010
Dr. Jochen Rabast, eigenes Foto

Dr. Jochen Rabast - im Hauptberuf Psychotherapeut mit staatlicher Approbation Studierter Theologe. Ehemals Mitübersetzer im Alten Testament "Gute ...

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