HAU 3 Berlin: "Alles" von Showcase Beat Le Mot

Bild zur Performance - Showcase Beat Le Mot
Bild zur Performance - Showcase Beat Le Mot
Die 1997 gegründete Performancegruppe absolvierte sinnenfreudig ihre Berliner Premiere, bevor sie dann nach Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg weiterzieht.

Nicola Duric, nebenberuflich Schwabe, steht vorm Publikum und hat ein Fläschchen der pflanzlichen Universal-Arznei Klosterfrau Melissengeist in der Hand. In einem beigen Dress steckend, preist er die Pflanzenextrakte als Duftmittel. Anschließend hält er ein Flakon von 4711 in die Höhe. Wie man hört, handelt es sich hierbei um einen Geruch, den viele noch von ihrem Opa kennen. Nicht so Duric: er hat das Duftwässerchen als Mittel eingenommen, was bei etwa 70 % Alkoholgehalt vermutlich seine Spuren hinterlassen hat. Nach einem kurzen Exkurs über die Herkunft des Namens 4711 – ein französischer Brigadegeneral ließ die Kölner Häuser durchnummerieren – und der nüchternen Präsentation des großen Kölner Geschenks an die Welt wird eine klebrige grüne Masse aus Ton und Plasteline auf eine Tafel gelegt. Die teigige Masse wird mit Kölnisch Wasser besprengt – und siehe da, sie hüpft auf dem Untergrund wie ein Frosch. Ein kleiner Spritzer reicht aus und ein Zucken läuft durch den Brei, als habe man eine kleine Echse mit einer Nadel gestochen.

„Wir lieben euch alle“

Als dieses Hüpf-Experiment über die Bühne geht, sind schon etwa neunzig Minuten der Performance bewältigt. Den Beginn macht ebenfalls Nicola Duric, der zu seiner – gelassenen - Bestürzung einige freie Plätze entdeckt, um dann von Körperhaltungen gemäß einer kunsthistorischen Diagonale der Laokoon-Gruppe zu sprechen. Aber im Grunde sei das nur „Männerkram“, zustande gekommen durch aufgeladene Sexualität. Das Motto dieses Abends wird sogleich klargemacht: „Wir lieben euch alle“, lieben euch wie die Sonne, den Mond, das Universum...Bei so viel Liebe kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, deshalb wandern die Zuschauer bereitwillig in Richtung Hinterbühne, wo sie ihre freie Platzwahl auf Couchen, Tischen und dem Boden genießen können. Allerhand bekommt man hier zu sehen, bis hin zu einer leichten Überreizung des Wahrnehmungsapparats: ein Panoptikum aus Skeletten, technischen Geräten, Musikinstrumenten und hölzernen Maschinen. Dass der Umweltschutz nicht spurlos an diesen internationalen Performern vorübergezogen ist, beweist die Attrappe einer stromerzeugenden Windmühle, die als etwas bizarrer Blickfang direkt vorm Publikum postiert ist.

Zungentanz vor psychedelischer Kulisse

Ganz in dunkles Khaki gehüllt, bricht nun der Auftritt von Thorsten Eibeler an, der mit einer über den Kopf gestülpten halben Discokugel herumläuft und mittels Overhead-Projektoren Bilder auf Papierbahnen wirft. Links ist eine Art Gestirn zu sehen, in der Mitte ein lilafarbenes Psychedelic-Bild und rechts ein gelber Kasten, der sich vorzüglich als kurioses Firmen-Logo eignet. Eibeler hantiert mit Küchensieben, Glasschalen und dünnen Strickfransen und projiziert damit surreale Bildverzerrungen an die Wand. Da das Minispektakel anscheinend nicht ausreicht, geht Eibeler zu einem Zungenspiel über, bei dem Schatten auf das lilafarbene Bild geworfen werden. Ein wahres Freudenfest für Flower-Power-Freunde, die ihr Farbgemisch aus Protestzeiten wiedererkennen und die Bewegungen einer Zunge verfolgen können, die sich tief in eine phantastische Landschaft eingräbt. Dazu ertönen Keyboardklänge und ein dumpfer Bass, in deren betäubenden Sound sich mitunter ein Gesang mischt. Glück haben vor allem jene Zuschauer, die mit dieser Art von Musik etwas anfangen können, beispielsweise Kritiker, die nicht vorzeitig in die Flucht geschlagen werden.

Vom Filibustern und Ermüden

Es herrscht ein reger Laufbetrieb, während der gesamten Performance ist die Bar geöffnet, die den Bierzugriff sichert und damit auch die heitere Ausgelassenheit. Offensichtlich hat man im HAU ein innovatives Besucherzufriedenheitskonzept erarbeitet, mit dem positiven Effekt, dass zu den jährlich zugestandenen 7,1 Millionen Euro noch eine minimale Einkommensquelle hinzukommt. Auf der Vorderbühne findet eine Filibusterrede statt, bei der nicht der Inhalt entscheidend ist, sondern die Ermüdung des Gegners. Von Ausnahmen abgesehen sind aber die Theaterzuschauer Verbündete – deshalb hat Veit Sprenger seine Anstrengungen darein gesetzt, sein Filibustern möglichst kurz und originell zu halten. Das fängt schon bei der Optik an: er trägt ein weinrotes pyjamaähnliches Gewand nebst Pantoffeln, was den häuslichen Charakter der Veranstaltung hervorhebt. Zu kraftvoll für einen Pantoffelhelden, liest er aus einem riesigen Buch, das auf einem Ständer liegt, und schwadroniert über Austernrezepte, ohne allerdings auf die in derartigen Gerichten enthaltenen sinnlichen Stimulanzien einzugehen. Mitunter scheint es sinnvoll, ein ohnehin angeregtes Publikum nicht noch weiter aufzupuschen. Vielsagend, aber dunkel sind Sprengers vorläufige Schlussworte: „Erwarten Sie sich nicht zu viel vom Untergang.“

Satan für Kinder

Die Truppe wird übrigens ergänzt von Dariusz Kostyra, der eine grüne Arbeitskleidung trägt, wie sie beim Krankenhaus-Personal im OP-Betrieb üblich ist. Für Leute, die sich wie kurz vor einer Operation fühlen wollen, setzt Kostyra in Abständen einen kühlen Sezierblick auf, der nichts Gutes verheißt, aber bald durch mildere Züge aufgelöst wird. Immerhin existieren für glaubensabtrünnige Kinder auch Wunschzettel und Fragen, die, wenn etwa eine Sternschnuppe gefunden wurde, an den Satan höchstselbst gerichtet werden können. Nicht nur das, ein Kind kann auch einen versehentlichen Kirchenbesuch beichten und mit ungewöhnlichem Verständnis rechnen. Für weitere Entspannung sorgt Blasmusik, zu der Eibeler und Sprenger Glaskästen über ihre Köpfe legen, um die visuelle Wucht ihrer Performance zu erhöhen. Ein durchaus bunter Abend also, sofern eine höhere Altersstufe noch in weiter Ferne liegt und man Geschmack an alchemistischen Märchenzaubereien findet. Hierfür reicht ein Ei im Weinglas, das zu einem Weltenei mutiert und unter Beimischung von Phosphor in einer Metallflasche zum Stein des Weisen wird. Dann beginnt die Selektion: Gold oder kein Gold. Nach einem von Schleiern verhüllten Skelett geht es nahtlos über zu den Kochkünsten des Performer-Teams. Ans hungrige Publikum werden selbst zubereitete Gemüsesuppen verteilt, in denen trotz schwäbischer Beteiligung keine Maultaschen herumschwimmen. Nach dieser Stärkung geht es weiter, wer Mammut-Projekte schätzt, bleibt bis zur Mitternacht.

Alles

von Showcase Beat Le Mot

Mit: Veit Sprenger, Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra.

Musik: Albrecht Kunze, Künstlerische Mitarbeit: Florian Feigl, Manuel Muerte, Alexej Tscherny, Tobias Euler; Bauten: Atia Trofimoff, Choreographie: Can Pestanli, „Realisatör“: Stefan Rüdinger, Produktionsleitung: Olaf Nachtwey.

HAU 3 - Hebbel am Ufer Berlin

Bildnachweis: © Showcase Beat Le Mot

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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