
- Johanna Wokalek - Bernd Uhlig
Die Hochzeit ist bereits vollzogen, nun muss auch die Ehe vollzogen werden, damit die Herzen auf Dauer einen gleichmäßigen Rhythmus erhalten. Johanna Wokalek trägt ein weißes Brautkleid und einen bunten Blumenstrauß. Der frische Gemahl, in solchen Angelegenheiten noch nicht recht bewandert, ist nervös und zappelig. Hans-Michael Rehberg spielt den Vater, bei dem sich eine siegreiche Kombination aus väterlicher Erhabenheit, Zynismus und Gelassenheit durchgesetzt hat. Die von Andrea Claußen gespielte Mutter agiert mit zurückgehaltener Hysterie und wird, nachdem das Brautpaar endlich ins Zimmer geschoben wurde, sogleich von der erregten Braut angerufen. Anstatt das libidinöse Geschäft hinter sich zu bringen, wird lieber Rücksprache mit der Mama gehalten. An Ende entsteht eine solche Konfusion, dass alles auf halben Weg stehen bleibt und das nicht sichtbare Liebeslager wegen mangelnder vaginaler Dynamik als Telefonzelle genutzt wird.
Die Leichtigkeit des Versagens
Die Regisseurin Andrea Breth zeigt über fünfzig kleiner Szenen, die die Absurdität des Daseins darstellen sollen, aber oftmals nur harmlose Randzonen des Lebens berühren. Von Weltdurchdringung keine Spur, dafür allerdings humoristische Streiflichter aus einem erdachten Panoptikum. Die kürzeste Szene ist wohl die, als Andrea Claußen aus einen unerfindlichen Tatendrang heraus Corinna Kirchhoff ins Hinterteil beißt. Immerhin versteht es Andrea Breth, derartigen Kleinigkeiten den Charakter von Kuriositäten zu verleihen und sie mit Bedeutung aufzuladen. Weil sie aus den Nichtigkeiten des Alltags etwas schafft, ist sie diesmal eine Meisterin des Marginalen, das quasi im Vorübergehen mitgenommen werden kann. Angesichts der Wucht tragischer Ereignisse, die von der Welt auf die Bühne gezogen werden, ist das amüsierwillige Publikum jederzeit bereit, sich der Leichtigkeit des Versagens hinzugeben. Denn versagt wird viel an diesem Abend, beispielsweise auch in der Musik, die einmal von allen zehn Schauspielern beigesteuert wird. Jeder Akteur spielt ein Instrument und dabei kommt eine Kakophonie heraus, die den Charme des Dilettantismus transportiert und vom Publikum trotzdem honoriert wird.
Man spricht badisch und schwitzerdütsch
Johanna Wokalek, Spezialistin für tränenreiche Sequenzen, übernimmt in dieser Inszenierung einige Rollen, wo ihre Fähigkeit zur Empathie bei kleinen Mädchen hindurchschimmert. Sie wird zum widerspenstigen Rotkäppchen, das beim Wolf nicht die richtigen Stichworte fürs Gefressenwerden herausbringt, und verwandelt sich in eine naive Ehefrau, die neben dem kleinwüchsigen Pykniker Udo Samel in einem hängenden Bett liegt und ein aufkeimendes Kuschelbedürfnis abwürgt. Sie kann aber auch ganz anders: mit umgelegtem Schmerbauch und künstlichem Hängebusen steht sie auf einem Tisch und palavert in badischer Mundart, die mit den Worten „jetzt hamma’s“ abschließt, was so viel bedeutet wie: „jetzt haben wir es“. Aus Freiburg, einer Hochburg des Dialekts entsprungen, liefert sie angesichts ihrer Jugend einen regionalen Nachgeschmack, der nur noch vom fast nicht mehr verständlichen Schwitzerdütsch eines Roland Koch überboten wird. Immerhin beweist Johanna Wokalek, zu der in manchen Passagen ein Schnuller passen würde, dass sie auch scheinbar entlegene Facetten ihres Handwerks beherrscht.
Leben als Provisorium
Einmal spielt Roland Koch einen auf seine Partnerin wartenden Opernbesucher, der durch einen Mann (Peter Simonischek) mit unbekannter Sprache völlig aus dem Konzept gebracht wird. Aufgestachelt durch das verworrene Gebrabbel, fühlt sich die Koch-Figur immer unwohler in ihrer Haut, bis sich reflexionsbeladener Ärger anstaut. Gespielt wird zumeist vor beigen Wänden, in die Türen eingelassen sind, zuweilen auch größere Löcher, als seien spontane Abrissarbeiten unvermittelt abgebrochen worden. Die Zwischenfälle sind im Grunde Momentaufnahmen und Zwischenstadien, die das Leben als Provisorium markieren. In einer Szene steht fast das gesamte Ensemble in schicken Anzügen nebeneinander, manche sitzen auf Koffern, die allerdings eher nach Stagnation, nicht nach Aufbruch aussehen. Corinna Kirchhoff trägt die ganze Zeit über eine blonde Perücke mit nach innen laufenden Spitzen und erinnert mit ihren wie geschmierten Stimmbändern an eine hochgestylte Barbiepuppe, die sich gern maskulin geriert und eine erstaunliche Biegsamkeit an den Tag legt.
Von Suppen und Nudeln
Besonders heiter wird es, als Elisabeth Orth und Udo Samel sich zum gemeinsamen Suppe-Essen zusammenfinden. Frau Orth erklärt sich sogleich als Prinzessin, so dass angesichts der Hybris sich der Mahlzeitkombattant dazu veranlasst fühlt, ihr in die Suppe zu spucken. Es entspinnt sich ein mürrischer Disput mit Minimalwortgefechten, bei dem am Ende nur herauskommt, dass Samel ihr immer noch in die Suppe spucken möchte. Anschließend wird beim Italiener gegessen: der agile Simonischek und Rehberg als unkalkulierbarer Tattergreis sitzen über Spaghetti-Hügel, die es zu bewältigen gilt. Rehbergs Kopf hängt unmittelbar über dem Teller, lange Teigfäden ziehen sich in seinen Mund, der alle zugleich einzusaugen und hineinzustopfen versucht. Im Laufe des Gesprächs versinkt das Gesicht des Senilen leblos im Teller. Insgesamt liefert Andrea Breth einen leichten, heiteren Abend, der gerade in Zuständen geistiger Saturiertheit zu erholen vermag. Allerdings finden keine Grenzüberschreitungen statt, bei denen sich eine Steigerung der Absurditäten, ein grandioses Finale feststellen lässt. Es sind nur kleine Desaster, die hier aufbereitet werden, Ausschnitte peripherer Lebenssektoren, die, abgesehen vom erheiternden Effekt, keinen Mehrwert erzeugen und einer Abbildung von Realität nicht näher rücken als eine Inszenierung mit „wahrer“ Handlung.
Zwischenfälle
Szenen von Daniil Charms, Georges Courteline und Pierre Henri Cami
Regie: Andrea Breth, Bühnenbild: Martin Zehetgruber, Kostüme: Moidele Bickel, Dorothee Uhrmacher, Musik: Bert Wrede, Dramaturgie: Wolfgang Wiens.
Mit: Johanna Wokalek, Hans-Michael Rehberg, Andrea Clausen, Corinna Kirchhoff, Peter Simonischek, Elisabeth Orth, Gerrit Jansen, Roland Koch, Markus Meyer, Udo Samel.
Premiere vom 9. Januar 2012, weitere Termine: 10.-12. Januar
Bildnachweis: © Bernd Uhlig
