
- Haydamaky - Kobzar - www.eastblok.com
Die orange Revolution der Ukraine liegt über drei Jahre zurück. Die Fernsehbilder von den aufregenden Tagen auf dem Maidan-Platz in Kiew sind fast aus der Erinnerung getilgt, zu viel hat sich in der Ukraine zwischenzeitlich politisch getan. Von der damals größten Kulturbotschafterin der Ukraine, Ruslana, hört man nun zwar, sie habe mit "Wild Energy" eine neue Show am Start. Doch nachdem sie 2004 den Eurovision Song Contest gewonnen hat, mochte sie ihre leicht kitschig anmutende Masche mit Pop im Military Look und Karpaten-Folklore kaum weiterentwickeln. Wer sind aber nun die wahren musikalischen Erben der ukrainischen Öffnung, die klingenden Kinder der Revolution?
Das Label Eastblok
Aufschluss gibt das Label Eastblok in Berlin. Der kleine Verlag wurde von Alexander Kasparov und Armin Siebert gegründet. "Wir sehen unseren Auftrag darin, die neuen Bürger aus Osteuropa in ihren Kulturbedürfnissen zu bedienen, als auch den Deutschen mehr bequeme Möglichkeiten zu eröffnen, osteuropäische Musik zu entdecken", ließen sie damals verlauten. Sie starteten unter anderem mit einem "Ukraina"-Sampler, der die ungezügelte Energie der Novembertage 2004 in Kiew akustisch abgebildet hat: Vom Headbanger-Rock und cleverem Reggae-Folk mit Balkantrompeten oder Akkordeon schwenkt der Querschnitt über harten, von Gitarrengewitter gestützten Rap bis zum braven Folkpop für Kinder.
Quicklebendige Folkrocker
Bis heute veröffentlicht das Label regelmäßig ungewöhnliche Ost-Sounds. Und liefert damit den Beweis, dass sich die musikalischen Kinder der orangen Revolution beständiger zeigen als politische Auswirkungen. Vor allem quicklebendige Folk-Rock Bands sind hier federführend – und deren Aushängeschild sind zweifelsohne Haydamaky, die nun ihr zweites Album namens "Kobzar" vorlegen.
Die Band hat sich nach den aufständischen Bauern und Kosaken benannt, die sich im 18. Jahrhundert den Feudalherren zur Wehr setzten. Ähnlich aufmüpfig ist auch ihr Sound: Sie bedienen sich beim Folk des Karpaten-Volkes Hutzul, kombinieren jede Menge traditionelle Instrumente mit Rock'n'Roll-Attitüde.
Handgemachter Balkan Beat
Ihre Klangpalette haben die erklärten Rocktroubadoure im Vergleich zum recht folkigen Debüt noch erweitert: Haarsträubender, rauer Frauengesang geht mit Dub einher, Akkordeon, Trompete und Flöte kreisen wild zum fast punkigen Riff, das klingt wie eine Art Augsburger Puppenkistenmusik auf Speed. Kurz rutscht der Sound auch mal in etwas eintönigen Dudelsack-Metal ab oder in ein internationales Rockvokabular ohne ausgeprägtes Eigenformat. Umso schöner die vielen transparenten Passagen, in denen die Hirtenflöte aus den Karpaten und kristallklares Hackbrett die Chance haben, ans Ohr des Hörers zu treffen, mal instrumental, mal als Hintergrund für eine mit sonorer bis pathetischer Stimme vorgetragene Ballade. Und wohltuend ist, dass – ob laut oder leise – alles sehr handwerklich daher kommt – im Osten gibt es noch loop- und loungefreie Zonen. Haydamaky machen einen Balkan Beat, der definitiv ohne DJ-Alüren und Computer auskommt.
aktuelle CD:
Haydamaky: Kobzar (Eastblok/Indigo)
