H.C. Andersen: Märchendichter mit Zahnschmerzen

Hans Christian Andersen (1805-1875) - BjarteSorensen
Hans Christian Andersen (1805-1875) - BjarteSorensen
Andersen quälten lebenslang Zahnprobleme. Er erwähnte sie in Briefen, Tagebüchern, schrieb ein Märchen zum Thema. Ein kleiner historischer Einblick.

Der dänische Dichter Hans Christian Andersen (2.4.1805-4.8.1875) ist weltweit berühmt für seine Märchen wie "Die kleine Meerjungfrau", "Des Kaisers neue Kleider" oder "Das häßliche junge Entlein". Was viele Leserinnen und Leser nicht wissen, ist, daß ihn fast lebenslang schlimme Zahnschmerzen quälten. Seine Tagebücher sind voll von Leidensbeschreibungen. In seinem letzten Märchen "Tante Zahnschmerz" wird ein Student mit schlimmen Zahnschmerzen nachts von einer Erscheinung des personifizierten Zahnschmerzes gemartert. Die lang ersehnte öffentliche Anerkennung konnte Andersen wegen seiner schlimmen Zahnschmerzen oft nicht genießen.

H.C. Andersens Zahnschmerzen beginnen um 1825

Leif Marvitz, ehemaliger Chef einer Kopenhagener Zahnklinik und Mitarbeiter des medizinhistorischen Museums der Universität schrieb das Buch "H.C. Andersens Tandkvaler" (H.C. Andersens Zahnschmerzen), Kopenhagen 1992, in dem er Andersens entsprechende Tagebuchnotizen und Zitate aus seinen Briefen auflistet und analysiert.

Zum ersten Mal erwähnte Andersen Zahnschmerzen in seinem Tagebuch, während er im Alter von 17 Jahren vier Jahre lang die "gelehrte Schule" in Slagelse besuchte. Er war bettelarm aufgewachsen. Schlaksig, linkisch und häßlich wollte er in Kopenhagen mit 14 Jahren Ballettänzer werden, versuchte es schließlich mit dem Schreiben, lernte einflußreiche, nette Menschen kennen und erhielt eine vom König bewilligte, öffentliche finanzielle Unterstützung für den Schulbesuch in Slagelse.

Dort steckte er sich, um nachts schlafen zu können, gegen die Zahnschmerzen Ingwer ins Ohr. Der Distriktchirurg zog ihm damals seinen ersten Zahn. Seine Zahnprobleme waren im Vergleich mit gleichaltrigen Jugendlichen damals nichts Ungewöhnliches.

Andersens Zahnschmerzen bei seinen Reisen durch Deutschland, Frankreich und Italien 1830-40

Mittlerweile waren seine ersten Bücher erschienen. Er erwähnt in Tagebuchaufzeichnungen, daß sich seine Zahnschmerzen durch Zugluft verschlimmern und meist wetterabhängig sind. Er bekommt sie beim Trinken von warmem Tee und Kakao, Branntwein hilft. Manchmal hat er sogar Fieber, nennt sie "Gicht-Zahnschmerzen", verbringt die Nächte mit Zähneputzen und -spülen. Das Zahnbürsten war damals gleichbedeutend mit sozialem Aufstieg. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wird es in Dänemark zusammen mit "Zahnpulver" zur Reinigung in verschiedenen Schriften wärmstens empfohlen. Jeder Zahnarzt und Apotheker hatte sein eigenes Zahnpulver-Rezept.

Andersen vergleicht seine Zahnschmerzen oft mit Musik, die auf seinen Nerven spielt. Einmal war seine Wange geschwollen. Er versuchte die "Spanische Fliege", die er als Pflaster außen auf die Haut auftrug, wo es zu "zerrissener Haut" führte. Das ist erwünscht, denn laut Anweisung sollen sich Hautblasen bilden, die die schädliche Körpermaterie enthalten, die man dann entfernen kann.

Senfpflaster wurden auf seine Handgelenke aufgetragen, die tatsächlich durch die Hautreizung gegen verschiedene Leiden wirksam waren.

Andersen versuchte auch russische Bäder, und schließlich half nur Opium. Doch er fühlte es trotzdem in allen Zähnen "kochen". Er verlor mit 34 einen Vorderzahn und war ganz verzweifelt deswegen. Aus einer Zahnfleischgeschwulst floß Eiter. Im Februar 1839 begann die nie endenwollende Reihe seiner Zahnarztbesuche, bei der der Zahnarzt die Pulpareste des Zahns mit einem glühenden Kupferdraht fünfzehnmal verbrannte, um sie zu devitalisieren. Dann wurde ein Stift eingesetzt, dessen Krone aus Elfenbein oder Porzellan bestand, das in Dänemark gerade auf den Markt kam, oder es wurde der Zahn eines anderen Menschen verwendet.

So ging es weiter mit H.C. Andersens Zähnen bis zu seinem Tod 1875

Wollte man aufzählen, wie sehr und woran Andersen alles litt im Zusammenhang mit seinen Zähnen, würde es Seiten füllen. Abszesse, die aufgeschnitten werden mußten, Fisteln, abgebrochene Zähne, Zahnschmerzen ohne erkennbare Ursache, Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, rheumatische Schmerzen. Vorgenommen wurden außerdem Füllungen und Extraktionen und zahlreiche Prothesenanpassungen. 1873 verlor er seinen letzten Zahn, sein künstliches Gebiß trug er nur in der Öffentlichkeit, weil häufig wunde Druckstellen entstanden. Auf seinen letzten Fotografien ließ er seine Eitelkeit sausen und sich zahnlos ablichten.

Nach Ansicht von Marvitz litt Andersen aber nicht schlimmer an Zahnproblemen als seine Zeitgenossen, er sei auch kein Hypochonder, nur ein mitteilsamer und ehrlicher Erzähler. Er meint, man solle Andersens Qualen rund um die Zahnbehandlungen nicht als zu wesentlichen Faktor in dessen Leben betrachten.

1870 schrieb Andersen in einem Brief von dem Schreibbeginn des Märchens "Tante Tandpine" (Tante Zahnschmerz): "Es dreht sich um Zahnschmerz und falsche Zähne. Ich muß ja sehen, daß ich etwas aus den Plagen mache, die mir auferlegt werden."

Zahnbehandlung im Dänemark des 19. Jh. durch Barbiere, Zahnärzte und Ärzte

Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden die meisten Zahnbehandlungen durch die Barbiere vorgenommen. Die Anforderung an ihre Ausbildung wurde im Lauf der Jahrhunderte verschärft: Ein Lehrling mußte Dänisch, Deutsch und Latein lesen und schreiben können. Bis 1785 mußten werdende Chirurgen bei Barbieren in die Lehre gehen.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts konnte man Arzt und Chirurg gleichzeitig sein, und seit dem neuen Barbiergesetz 1861 durften Babiere keine Zahnbehandlungen mehr vornehmen, doch alte Zulassungen galten weiter.

Zahnärzte gab es Mitte des 19. Jahrhunderts nur 69 in Dänemark. Diese Bezeichnung war normalen Ärzten vorbehalten, um deren Arbeitslosigkeit zu senken, bis 1873 ein spezielles Zahnarztexamen eingeführt wurde.

Ärzte durften immer Zähne behandeln, hatten daran aber kein besonderes Interesse und meist auch nicht die Fertigkeit, zumal sie in den seltensten Fällen über die nötigen Instrumente für eine konservative Zahnbehandlung verfügten. Ausnahme: Instrumente zur Zahnextraktion, die sie bei den Soldaten und im Krankenhaus vornahmen.

Andersen wurde vom Arzt-Zahnarzt Lorentz Bertelsen Bramsen (1808-1898) behandelt, der ausschließlich als Zahnarzt praktizierte. Seit 1867 suchte er Professor Christian Ludvig Voss (1801-1871) auf, eine in Paris ausgebildete Berühmtheit in Kopenhagen.

Die Hausmittel bei Zahnschmerzen im 19. Jahrhundert in Dänemark

In dem weit verbreiteten zeitgenössischen Handbuch Mangors "Land-Apothek" finden sich viele Mittel und Behandlungsvorschläge, die aus heutiger Sicht nicht wirksam scheinen und höchstens durch "Glauben" funktionieren. Gegen Zahnschmerzen in hohlen "wurmstichigen" Zähnen soll man Pillen hineinstecken, die u.a. aus geschmolzenem Bor und zerstoßenem Kirschenreisig bestanden. Amulette und Anrufungen der St. Apollonia waren verbreitet, doch obwohl Andersen sehr abergläubisch war, findet man für einen derartigen Glauben bei ihm keine Hinweise.

Aber auch nachvollziehbare Mittel werden angeführt wie Zimt-, Hopfen- und Nelkenöl oder Kampfertropfen auf Baumwollwatte, die an bzw. in den Zahn gesteckt wurde. Oder man soll zur Linderung von Schmerzen ohne sichtbaren Schaden am Zahn das Zahnfleisch kneten und so lange mit einem Zahnstocher pieksen, bis es blutet. Auch das Kauen von Tabaksblättern kann helfen, oder ein mit Kampferbranntwein getränktes Stück Stoff an den Zahn zu legen oder das Zahnfleisch mit Salbeiblättern oder Terpentinöl zu massieren.

Verena Abraham, Verena Abraham

Verena Abraham - Ich bin Sängerin, Musikerin, Songwriterin und wissenschaftliche Autorin. Eigentlich schreibe ich nur zum Spaß und über ...

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