
- Normale Aufnahme mit schwacher Dynamik - Klaus Franken
Jeder Fotograf kennt die Enttäuschung: Papierabzüge, Ausdrucke oder die Bilder auf dem Schirm zeigen kaum Details. Der Himmel ist weiß, die Schatten saufen im Schwarz ab oder die Wiesen sind grün lackierte Flächen. Das schmälert zwar kaum den Erinnerungswert solcher Fotos. Der fotografische Gourmet wünscht sich doch mehr. Technisch gesehen fehlt es diesen an Details arg reduzierten Aufnahmen an Dynamikumfang. Der Begriff Dynamik bezieht sich in diesem Fall nicht auf den Bewegungsausdruck des Bildthemas. Gemeint ist vielmehr der Unterschied zwischen dem hellsten und dunkelsten Punkt des Bildes. Der Dynamikumfang beschreibt die notwendigen Graustufen dazwischen, um die Fotosituation realistisch wiederzugeben.
Die Fotografie hat noch einen weiten Weg vor sich
Eine digitale Spiegelreflexkamera aus dem semi-professionellen Segment schafft es auf gut 500 Graustufen. Die meisten Wiedergabemedien schneiden noch schlechter ab. Entgegen den Zahlen so mancher Spezifikationsblätter kommen einfache LCD-Monitore auf gerade mal 300 Graustufen. Da der mittlere Grauwert der Kamera meist nicht dem des Monitors entspricht, beschränkt sich der nutzbare Dynamikumfang auf dem Bildschirm in ungünstigen Fällen auf magere 250 Graustufen oder richtiger: auf einen Dynamikumfang von 250:1. Fotografen drücken diesen Wert gerne logarithmisch in Blendenstufen aus. 250:1 sind knapp acht Blendenstufen. Ein Papierabzug mit gewöhnlichem Fotopapier erreicht 50:1, mit einer sehr hochwertigen Papierqualität höchsten 100:1. Das menschliche Sehen im Tageslicht liegt hingegen in der Größenordnung von 10.000:1.
Mit High Dynamic Range zum perfekten Bild
Für Foto-Begeisterte liegt der Wunsch nahe, Bilder mit deutlich höherem Dynamikumfang zu schaffen, als es die üblichen Kameras aufnehmen können. Wenn möglich sollte es auch an Bildschirmen und mit Druckern so darstellbar sein, dass die tollen Ergebnisse auch bewundert werden können. Und genau das erlaubt die HDR-Fotografie.
Zur Erzeugung eines solchen Wunschbildes nehme man eine Belichtungsreihe auf. Wenn es geht, ein normal belichtetes, eines, was wenigsten um 2 EV unterbelichtet ist und ein weiteres, das wenigstens um 2 EV überbelichtet ist. Dabei stellt ein EV oder Exposure Value eine Verdoppelung oder Halbierung der Lichtmenge – je nach Sichtweise – dar, die zur Belichtung gebraucht wird. Zwei EV mehr sind beispielsweise der Schritt von Blende 11 auf Blende 5.6 oder von einer tausendstel Sekunde zu einer zweihundertfünfzigstel Sekunde Belichtungszeit. Auch eine Reihe mit fünf Bildern ist möglich. Wiederum mit über- und unterbelichteten Einzelaufnahmen. Auch diese Serie sollte wenigsten 4 EV, aber besser mehr abdecken. Die einzelnen Bilder können im Anschluss von einer Software zu einem HDR-Bild verrechnet werden. Dabei steuern die unterbelichteten Aufnahmen zu einer höheren Detailinformation in den hellen Zonen des Motivs bei und die überbelichteten umgekehrt in den Schattenbereichen. Das Ergebnis ist eine Grafikdatei mit einer Bildinformation für einen - je nach Motiv - extrem hohen Dynamikumfang.
Tone Mapping bringt das Ergebnis an den Tag
Nur betrachten lässt sich dieses virtuelle Bild nicht – jedenfalls nicht mit gewöhnlichen LCD-Bildschirmen. An dieser Stelle kommt das Tone Mapping ins Spiel. Die zur Verfügung stehenden Grau- und Farbabstufungen des Low Dynamic Range-Mediums, also die des LCD-Monitors, werden auf die vielen verschiedenen Grau- und Farbwerte des nur als Datei existierenden HDR-Bildes verteilt. Das erfolgt so, dass die kritischen Hell- und Dunkelbereiche eine vielschichtige Zeichnung erhalten.
Aus den weißen Flecken der Wolken werden so zum Beispiel interessante Gebilde mit einer fast greifbaren Gestalt. Der Akt des Tone Mappings ist in jedem Fall ein ausgesprochen kreativer Vorgang. Der Anwender der HDR-Software gestaltet das Bild jetzt nach eigenem Geschmack. So entstehen natürliche oder auch surreal wirkende Bilder. Die Stellschrauben der Software heißen Gammakorrektur, Tonverschiebung, Lichtradius, Oberflächenglätte und so weiter. Erste Versuche mögen nicht gleich auf Höchstniveau liegen, dürften doch jeden Anwender spontan begeistern.
Dynamik-Tuning hat seine Grenzen
Dann nämlich, wenn ein Motiv sich bewegt. Der Grund liegt in der notwendigen Überlagerung der Einzelbilder. Selbst wenn eine Software in der Lage ist, leichte Kamerabewegungen auszugleichen, ist die Eigenbewegung des Motivs doch entscheidend. Ein matschiger Gesamteindruck, ausgefranste Kanten und Geisterbilder können die Folge sein. Selbst eine leichte Brise kann den Fotografen vor ein unlösbares Problem stellen.
Der erfahrene „Hochdynamiker“ fotografiert daher mit dem Stativ und löst per Fernbedienung aus. Das muss jedoch nicht zwangsweise sein. Bei sehr gutem Licht und kurzer Brennweite lassen sich auch mal schell drei Schuss aus sicherer Hand mit guter Aussicht auf ein passables Bildergebnis abfeuern. Völlig sinnlos ist es dagegen, ein Motiv, das selbst kaum Dynamikumfang aufweist, also eine Situation ohne auffällige helle und dunkle Zonen, mit HDR-Technik verewigen zu wollen. Das Ergebnis wirkt gequält und im Vergleich zur Einzelaufnahme oft kitschig. Wo genau die Grenzen liegen, sollte am besten von der Experimentierfreude des Fotografen ausgelotet werden, ist doch die HDR-Fotografie eine empirische Methode.
