
- HeadFeedHands - Fischen ohne Helm - Pressebild: Markus Frietsch/HeadFeedHands
Wer Geschwister hat, kennt das: Man neckt sich und man liebt sich, und ab und zu gibt’s eins auf den Deckel – selbst, wenn es aufgrund des erwachsenen Alters längst nicht mehr um das Lieblingsspielzeug, sondern eher um das bequemste Plätzchen vor dem Fernseher oder ein entspanntes Wannenbad geht.
HeadFeedHands: Spiel mit Mitteln des Nouveau Cirque, Tanz und Theaters
Die 2006 von Günter Klingler gegründete Kompanie HeadFeedHands greift diese Tatsache auf, beleuchtet eingefahrene Verhaltensmuster in der höchst dynamischen Produktion „Fischen ohne Helm“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Gespielt wird gleichberechtigt mit Mitteln des Nouveau Cirque, Tanz und Theaters, die unter der Regie und Choreografie von Gary Joplin zu einer rasanten Achterbahnfahrt der Gefühle verwoben werden. Was im echten Leben häufig für Konfliktpotenzial sorgt, verwandelt sich hier in einen kurzweiligen, häufig schwarzhumorigen, teils auch nachdenklich machenden Abriss der Befindlichkeiten von fünf Protagonisten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der ewige Geschwisterzwist, in „Fischen ohne Helm“ dynamisch aufbereitet
Da ist das aufgerüschte Quotenmädel (Marion Dieterle), der dynamische Sportler (Florian Patschovsky), der ruhige Bücherwurm (Tim Behren), der verschmitzte Softie (Emmeran Heringer) und der aalglatte Business-Typ (Günter Klingler). Quasi eine ganz normale deutsche Familienkonstellation, die nach Jahren wieder in Originalbesetzung zusammenfindet und bei der jeder einzelne der starken Charaktere – sehr zur Freude des Publikums, das sich im Tollhaus Karlsruhe prächtig amüsiert – eben nicht aus seiner Haut kann.
Während an vielen Stellen der komische, unterhaltsame Aspekt des ewigen Geschwisterzwists durch HeadFeedHands betont wird, beleuchten andere die Abgründe, die sich aufgrund der plötzlichen körperlichen wie emotionalen Nähe auftun können. Es sind kleine, nahezu beiläufig eingestreute Momentaufnahmen, wie etwa wenn einer der Brüder derart stark gereizt wird, dass er das Gepäck seiner Geschwister anzünden will.
Einmal, gegen Ende des Stückes, werden die Risse im Gefüge sogar noch deutlicher. Aus den Lautsprechern schallt Peggy Lees „I Love Being Here With You“ – eine beschwingte, kleine Jazznummer über die Freuden des Zusammenseins. Doch die musikalische Glückseligkeit, die den Saal flutet, steht im Kontrast zum Bild, das sich auf der Bühne ergibt. Es ist eine seltsam entrückte, zeitlupenartig aufgezogene Szenerie, die sich den Zuschauern bietet: Mit allerhand Alltagsgegenständen (Kleiderbügel, Schuhlöffel, Rührbesen) bewaffnet, gehen die fünf Protagonisten aufeinander los.
HeadFeedHands überzeugen mit intensiver Körperarbeit
Auch wenn HeadFeedHands das Rad – zumindest hinsichtlich des gewählten Themas – nicht neu erfinden, ist „Fischen ohne Helm“ dennoch eine einzigartige, originelle Produktion, die besonders durch ihre buchstäbliche Mehrdimensionalität überrascht.
Als sei es das Normalste der Welt, auch in Schieflage, kopfüber oder ineinander verknotet zu spielen, beturnen die Darsteller den originellen Bühnenaufbau (alte Badewanne, Schrägwand, Reckstange, Schreibtisch) und sich gegenseitig. Immer wieder erinnert das an die ursprünglich aus Frankreich stammende Extremsportart „Parkour“, eine Verbindung aus Technik und Bewegungskunst, die dafür eingesetzt wird, den kürzesten Weg von A nach B zu nehmen – wobei Hindernisse ganz einfach mit in die Fortbewegung einfließen, anstatt dass man um sie einen Bogen machen würde. Zudem beziehen HeadFeedHands Artistik, Jonglage und Slapstick mit ein, die das klassische Feld des Tanztheaters deutlich in Richtung „Physical Theatre“ und Neuer Zirkus erweitern.
Nominiert für den Stuttgarter Theaterpreis 2010: HeadFeedHands „Fischen ohne Helm“
Die rasante Produktion „Fischen ohne Helm“ von HeadFeedHands ist für den renommierten Stuttgarter Theaterpreis 2010 nominiert, der am 11.12.2010 in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs vergeben wird. Im jährlichen Wechsel werden hier besonders gelungene Stücke aus den Bereichen „Sprechtheater“ und „Tanztheater“ ausgezeichnet.
Die Nominierten für den diesjährigen Stuttgarter Theaterpreis (Sparte: Tanztheater) im Überblick: Fabian Chyle „Re-Inventing Nijinsky“, Stuttgart; Katja Erdmann-Rajski „C------H. Jandls Zunge“, Stuttgart; HeadFeedHands „Fischen ohne Helm“, Freiburg; Nina Kurzeja „Aeneas Entscheidung“, Stuttgart; Nicki Liszta/backsteinhaus produktion „avatar“, Stuttgart; Iris Tenge „My Road Movies“, Mannheim; urbanReflects „unrestricted exploitation“, Freiburg.
