Die neue Leitung des Badischen Staatstheaters unter Generalintendant Peter Spuhler traut sich was. Hat das Schauspiel mit Premieren und der Eröffnung neuer Spielstätten ein Feuerwerk gezündet, hat die Oper am Samstag, 15. Oktober 2011, mit der kompletten Aufführung von Hector Berlioz’ Großer Oper „Les Troyens – Die Trojaner“ auf Sieg gesetzt und gewonnen. Das Mammutwerk mit eineinhalb Dutzend Solorollen und großem Orchester zeigt selbst großen Häusern ihre Grenzen. Die Karlsruher haben die ihren jetzt gewaltig verschoben. Damit wurde das Antrittsmotto der neuen Generalintendanz „Du musst Dein Leben ändern“ einmal mehr eindrucksvoll umgesetzt, und auch das Spielzeitmotto „Von Helden“ passt auf Berlioz' Oper in zwei Teilen, fünf Akten und acht Bildern.

Die Trojaner – Mythologische Heldinnen und Helden

Wie in der griechischen Mythologie üblich wimmelt es nur von todessehnsüchtigen Kämpen, die sich für die Ehre in die nächstbeste Schlacht stürzen. Dabei liefert das kriegerische Geschehen in den Trojanern nur den Hintergrund für die Aktion zweier starker Frauen, Kassandra, der trojanischen Königstochter und Dido, der Gründerin und Königin Karthagos. Beide sind umständehalber unglücklich verliebt und mit seherischen Gaben ausgestattet: Während ganz Troja den Abzug der Griechen feiert und das riesige Holzpferd bewundert, das diese am Strand zurückgelassen haben, warnt Kassandra eindringlich vor der vermeintlichen Opfergabe. Und Dido sieht im Todeskampf den Rächer ihrer verschmähten Liebe, Hannibal, Rom angreifen und gleichzeitig die folgende Vernichtung ihrer Stadt. Doch bis dahin sollte noch ein gutes halbes Jahrtausend vergehen.

Der lange Marsch der Trojaner auf die Bühne

„Les Troyens“ sind Berlioz’ gewaltigstes Werk. Er wollte, ganz im wagnerschen Sinne, ein Gesamtkunstwerk schaffen, Libretto und Komposition aus einer Hand. Als frei verwendete Vorlage diente ihm Vergils „Aeneis“, in der der Zeitgenosse des Augustus den Gründungsmythos Roms um den Halbgott Aeneas und seine geflohenen Trojaner in staatstragende Verse goss. Von 1856 bis 1858 entstehen Libretto und Komposition. Doch so schnell Berlioz seine einzige Große Oper schrieb, so lange dauerte es, bis sie erstmals in Gänze aufgeführt wurde: 1890 im Großherzoglichen Hoftheater Karlsruhe unter Felix Mottl an zwei Abenden. Auch danach war die Lanze für die Trojaner noch nicht gebrochen. Es dauerte noch einige Jahrzehnte bis sie die Spielpläne der großen Häuser eroberten. Jetzt hat es Karlsruhe 120 Jahre nach Felix Mottl wieder gewagt und gewonnen.

Regisseur David Hermann hält die Trojaner in Bewegung

David Hermann, Regie, und Christof Hetzer, Bühne und Kostüme, haben das Geschehen einfallsreich illustriert und zwar ohne auf Pluto komm raus Zeitbezüge zu suchen. So stellt im ersten Teil die steil sich neigende Rundbühne das befestigte Troja dar. Um diese Rundbühne bewegt sich ein weiterer Bühnenkreis, der immer wieder neue Perspektiven eröffnet. So auch im zweiten Teil, wenn der Palast der Königin Dido in Karthago auf mehreren Ebenen stilistisch irgendwo zwischen Wright’s Haus am Wasserfall und japanischem Kirschgarten mit Olivenbaum durch sich hebende und senkende Quader vielfältig wandelbar die Bühnenmitte ziert. In diesem Bühnenbild nutzt der Regisseur alle Freiheiten, die Protagonisten zu bewegen. Statt sich statuarisch anzusingen, gehen die Liebenden Dido und Aeneas zum Beispiel im Garten des Palastes, d.h. auf der sich drehenden Bühne, spazieren, derweil die Dämmerung die Farben von Didos Mantel reflektiert. Während aber oben friedliche Eintracht herrscht, erscheinen unten im Hades die Geister der trojanischen Toten in düsterem Graublau. Sie erinnern den Held Aeneas an seine Pflicht, nach Italien aufzubrechen.

Auch bei der Bewegung des Chores hat die Regie eine glückliche Hand. Der ist, wie das Übrige in dieser Oper, vom Komponisten ausgesprochen groß gedacht. Fast 90 Sängerinnen und Sänger bringen Staatsopernchor samt Extrachor auf die Bühne. Doch nicht nur dort tummeln sich die singenden Scharen, sie kommen aus dem Publikum, singen auf der Empore oder huldigen den Orchestergraben säumend zu Beginn des dritten Aktes ihrer Königin Dido, die den Lobgesang nebst Gefolge in majestätischer Entrückung vom Rang aus entgegennimmt. Sehr gelungen auch die Einholung des Trojanischen Pferds in die Stadt. An mehreren Strippen gehalten wird ein seegurkenähnliches Luftschiff erfolgreich auf die Bühne verfrachtet. (Wie das trojanische Pferd entlassen übrigens auch Seegurken ihr Innerstes bisweilen nach außen, allerdings zur Verteidigung.)

Dabei ließ die sängerische Disposition der Chöre nichts zu wünschen übrig. Berlioz hat dem Volk im Chor eine Stimme gegeben, und der Badische Staatsopernchor und der Extrachor haben sie unter Ulrich Wagner bravourös erklingen lassen.

Musikalisch bestens aufgestellte Antike

Auch die Badische Staatskapelle zeigte sich unter Justin Brown von ihrer guten Seite. Facettenreich wird romantisch geschmachtet, unheildrohend gedonnert und siegestrunken geschmettert. Und die Protagonisten, wo auch immer sie singen, dürfen sich sicher fühlen. Dabei kommen auch Teile des Blechs der Badischen Staatskapelle im Haus herum. Mal klingt es aus den Fluren, mal von der Empore. All das macht, so hätte man es wohl früher genannt, Effekt. Aber es ist keine Effekthascherei, sondern Teil einer in sich durch und durch stimmigen Inszenierung.

Auf der gelungenen Szene vor dem vielseitigen Klangteppich der Staatskapelle kann sich das Sängerensemble bestens entwickeln. Herausragend die beiden Frauen, die Unglück prophezeiende Kassandra, von Christina Niessen mit schneidender Schärfe versehen, und die erst liebende dann ihr Schicksal sowie Aeneas und seine Trojaner verfluchende Dido, für die Heidi Melton mit dramatischem Sopran stets die richtigen Nuancen findet. Nichts zu wünschen übrig lassen Armin Kolarczyk als Kassandras nach Heldentaten dürstender Verlobter Chorèbe, und Konstantin Gorny als Narbal, getreuer Minister der Dido. Beide glänzen kraftvoll. Und unter den vielen Nebenrollen lassen die Tenöre Eleazar Rodriguez, als lyrisch gestimmter Iopas, und Sebastian Kohlhepp, ein elegisch angehauchter Hylas, aufhorchen. Wohl nicht ganz auf der Höhe war John Treleavens Aeneas, die knapp vier Stunden setzten ihm hörbar zu. Im Publikum gab es viele Buhs für den Neuling im Ensemble. Ob zu Recht, muss sich weisen. Eines sei noch kritisch vermerkt. Selbst wer das Libretto im Original kannte, es war nur passagenweise zu verstehen. Oder, wie es eine des Französischen kundige Besucherin ausdrückte: „Sie könnten auch Chinesisch singen.“

Mit „Les Troyens“ sind die Karlsruher ein Risiko eingegangen, das sich gelohnt hat. Das Premierenpublikum applaudierte ausgesprochen freundlich. Die nächsten Aufführungen im Badischen Staatstheater finden am 21. und 29. Oktober sowie am 20. November 2011 statt. Die knapp dreieinviertel Stunden Musik vergehen wie im Flug und werden zur Regeneration der Aufnahmekräfte von zwei Pausen unterbrochen.