Vorweg sei gesagt, es geht an dieser Stelle nicht darum, ein Buch zu bewerten. Das ist in letzter Zeit und an anderer Stelle ausführlich geschehen. Die Frage lautet: Was ist passiert? Helene Hegemann schreibt mit 17 Jahren ein Erstlingswerk, noch dazu ein von den Medien und insbesondere der Literaturkritik viel beachtetes, hochgelobtes Buch. Hegemanns Hauptperson spricht im schnoddrigen Ton über „ihre“ Drogenprobleme, den Alltag und damit auch über Sexualität. Die Geschichte ist banal, da sind sich alle einig, doch ein neuer Stern am Himmel der jungen, deutschen Literatur scheint geboren: Ausdruck, Stil und Wortrebellion – diese kraftvolle Sprachkunst im Vulgären. Abermals ein neuer Salinger?
Entschuldigung ohne Schuldbewusstsein
Doch dann muss Hegemann nach mehreren Anschuldigungen öffentlich zugeben, dass sie viele Formulierungen, ja ganze Textpassagen abgeschrieben hat. Sie entschuldigt sich dafür, dieses teils paraphrasierende, teils wortwörtliche Übernehmen nicht angegeben oder wenigstens kenntlich gemacht zu haben. Seltsam scheint es deshalb, warum etwa Iris Radisch auf die Idee kommt, diese Vorgehensweise als „recht ausführliches Zitieren“ zu bezeichnen. Doch heutzutage, so ist zumindest Hegemann überzeugt, gehe es ja sowieso nicht mehr um Originalität, sondern um Authentizität. Niemand schaffe mehr etwas Neues. Auch diese Entschuldigung ist natürlich nicht neu. Anzumerken bleibt jedoch, dass Hegemann sich kaum von der Lektüre des Werthers oder dem Steppenwolf hat inspirieren lassen – sie hat schlichtweg kopiert und das aus aktuellen Werken.
Einen in der Diskussion anscheinend wichtigen Punkt habe ich übrigens noch nicht erwähnt: Hegemann ist ein Mädchen. Wichtig ist diese Tatsache nicht nur deshalb, weil ihr Buch eine mittlerweile klischeehaft moderne Frauengeschichte erzählt. Von zweifelnder Unsicherheit, selbstzerstörerischer Alltagsrebellion und davon, dass man selten ehrlich über Liebe sprechen kann, ohne auch mal vom "Ficken" zu reden. Ihre so hoch gelobte Sprachlichkeit entstammt dabei auffälligerweise meist dem Werk junger, männlicher Autoren. All das war schon da, genau wie von Hegemann behauptet. Wozu also ihr Buch und wer fand es so bahnbrechend?
Literarische Leitkultur und das Balzverhalten alter Männer
Darauf hatte der Leitartikel des Feuilletons der "Zeit" leider auch keine Antwort. Lediglich wurde eine These formuliert, die ebenfalls etwas damit zu tun hat, dass Hegemann weiblich ist. Der patriarchale Literaturjournalismus habe in bloßer Altersgeilheit dieses junge Mädchen zuerst in den Himmel gelobt, um sie hernach bei erster Gelegenheit in die Gosse zu werfen. Denn dass Hegemann Textpassagen geklaut hat, mache sie zur Rebellin wider den „Machtbereich der alten literarischen Leitkultur“, weswegen diese alten Herren nun „auf sie einschlagen, als gelte es, die Roten Khmer noch einmal abzuwehren“. Verhandelt würden also nicht nur das Urheberrecht, Plagiate und der ansonsten recht einfallslose Versuch, mit Hilfe des eigenen Vaters vor seinem 18. Geburtstag unbedingt einen Skandalroman zu veröffentlichen – es gehe einzig um den ewigen Kampf zwischen Mann und Frau. Letztere habe diesen Kampf im Feuilleton übrigens verloren, müssen sie wissen, und jede Postenvergabe an Frauen sei bloß „eine Art erweitertes Balz- und Brutpflegeverhalten.“ Wenn man das glaubt, muss man sich allerdings fragen, wessen Balz oder Brutpflegeverhalten die weibliche Autorin des genannten Arikels (Iris Radisch) selbst es zu verdanken hat, dass sie an dieser und anderer Stelle veröffentlichen durfte.
Nichts Neues, trotzdem lukrativ
Es ist ja meist sinnvoll, Sachverhalte auf ein einfaches Prinzip herunter zu brechen. Wo man sich allerdings nicht zu schade ist, jede sachlich noch so gerechtfertigte Kritik (anders als in punkto „Feuchtgebiete“, die wohl im wahrsten Sinne des Wortes eher eine Geschmacksfrage sind) zum bloßen Chauvinismus, ja Verteilungskampf abzuwerten, dann geht es um die Sache selbst offensichtlich zuletzt. Vielmehr stellt sich die Frage, ob solche Meinungsäußerungen nicht bloß getan werden, um den vermuteten Verteilungskampf zum eigenen Vorteil entscheiden zu können. Auch wenn genannte Literaturkritikerin ihn eigentlich längst gewonnen hat. Glückwunsch dazu. Mit dem 3. oder 4. Skandalroman über das Vorhandensein von weiblicher Lust an Drogenkonsum und erweiterten Formen der Sexualität scheint dieses Ziel dagegen nur schwer erreichbar, denn die wurden bereits Dekaden zuvor von alten Männern geschrieben. Zu spät, Frau Hegemann. Aber es geht ja schließlich weder um Originalität noch Neuheiten. Wenn also auch ein Großteil des Literaturbetriebes entsetzt reagierte – Hegemanns Publicity hat es letztlich nicht geschadet. Den Verkaufszahlen ebenfalls nicht und das mag, Authentizität hin oder her, zumindest die Autorin und ihren Verlag zufrieden stellen.
