
- Heidi Kabel: Nicht ohne das Ohnsorg-Theater - Simone Heiland
Wenn sie jemand fragen würde, wie man denn leben solle, dann würde sie sagen: "Für alles Neue offen bleiben und den Blick für das Schöne niemals verlieren", sagte Heidi Kabel 1999 in einem Fernsehinterview. Und fügte nach einer kurzen Pause noch hinzu: "Und nicht alles so tierisch ernst nehmen." Heidi Kabel ist 95 Jahre alt geworden. Mit 84 hatte sie sich von der Bühne verabschiedet. Dort, wo sie zuhause war, im Ohnsorg-Theater in Hamburg. Seit 1954 wurden die Produktionen des wohl bekanntesten deutschen Volkstheaters im Fernsehen übertragen. In mehr als 65 Jahren stand Heidi Kabel in über 160 Stücken auf der Bühne.
Heidi Kabel, die seute Hamburger Deern.
Sie machte das Plattdeutsch gesellschaftsfähig. Die waschechte, seute Hamburger Deern verkörperte mit ihren Frauenrollen die Durchschnittsfrau von nebenan. Ob große Dame, betrogene Ehefrau, abgearbeitete Hausfrau, besserwisserisches Tratschweib oder keifender Hausdrachen – was sie spielte, spielte sie aus vollem Herzen. Immer geradlinig, immer echt. In ihren Rollen war sie resolut im Auftritt, oft respektlos anderen gegenüber, wunderbar komisch mit ihrem Ham-se-schon-gehört-Verschwörungsblick und immer echt. Mit Mutterwitz, Rasanz und und großer Wandlungsfähigkeit zog sie vom Leder, das es nur so krachte. Männer sahen immer ganz alt aus neben ihr. Zum Beispiel Henry Vahl, der legendäre Fernseh-Opa, der immer seinen Text vergaß, und mit Heidi Kabel das Traumpaar der deutschen Theater- und Fernsehunterhaltung war. Vahl kam erst mit 68 Jahren ans Ohnsorg-Theater und starb 1977 im Alter von 79 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.
Heidi Kabel kam anstelle ihrer Freundin ans Theater
Heidi Kabel wurde am 27. August 1914 in Hamburg geboren. Sie wuchs im Zentrum der Stadt auf, wo ihr Vater, selbstständiger Buchdrucker und zeitweilig Vorsitzender des „Vereins geborener Hamburger", niederdeutsche Abende veranstaltete und wo sie Plattdeutsch lernte. Mit 18 begleitete sie eine Freundin zum Vorsprechen bei der „Niederdeutschen Bühne", die 1902 der Bibliothekar Richard Ohnsorg gegründet hatte. Anstelle ihrer Freundin wurde Heidi Kabel 1932 quasi vom Fleck weg ins Ensemble aufgenommen und agierte 1933 erstmals in „Ralves Carstens" auf der Bühne.
"Heidis Tod ist ein großer Verlust", so der Hamburger Schauspieler Jan Fedder
Heidi Kabels Kodderschnauze blieb unerreicht. "Viele glauben ja, Muddi ist zuhause die gleiche Brabbelschnute wie auf der Bühne", sagte ihre Tochter Heidi Mahler, ebenfalls Schauspielerin, einmal. Doch das sei sie nicht. "Wie sie spricht und wie sie sich gibt, das ist die Rolle, die sie aber natürlich in sich trägt", so die Tochter, die in vielen Aufführungen neben ihrer Mutter auf der Bühne stand. "Heidis Tod ist ein großer Verlust", sagt Jan Fedder, Hamburger Schauspieler, bekannt ganz besonders von seiner Rolle in der Vorabendserie "Großstadtrevier". "So was wie Heidi, das gibt's in der Art nicht mehr." Und in der Tat: Mit Heidi Kabel und Henry Vahl in Hamburg, Willy Millowitsch in Köln, Willy Reichert in Stuttgart, Walter Sedlmayr in München und den beiden Königen vom Ku'damm, Harald Juhnke und Günther Pfitzmann in Berlin war das Volksschauspiel viele Jahrzehnte lang bundesweit flächendeckend vertreten. Mit dem Tod von Heidi Kabel geht eine Ära unwiederbringlich zu Ende.
Heidi Kabel: "In Hamburg sagt man Tschüss"
Ihren letzten großen öffentlichen Auftritt hatte Heidi Kabel bei der Bambi-Preisverleihung am 18. November 2004 in Hamburg. Nach 1989 und 1990 erhielt sie das goldene Reh nun für ihr Lebenswerk. Sie wohnte die letzten Jahre auf eigenen Wunsch in einem Hamburger Altenstift. Hätte sie der Welt noch einmal etwas zurufen können, dann vielleicht den Satz, den eine ihrer CDs im Titel trägt: "In Hamburg sagt man Tschüss!"
ARD überträgt Trauerfeier für Heidi Kabel live aus dem Hamburger Michel
Am 25. Juni 2010 findet im Hamburger Hauptkirche St. Miachelis (Michel( die offizielle Trauerfeier für die beliebte Volksschauspielerin statt. Neben Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) werden Ohnsorg-Theater-Intendant Christian Seeler, NDR Intendant Lutz Marmor und Hamburgs früherer Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) sprechen. Kabels Tochter Heidi Mahler wird ein Gedicht vortragen. Den musikalischen Rahmen bilden Chor und Orchester von St. Michaelis sowie der Kinderchor der Finkwarder Speeldeel. Unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener werden Teile aus Mozarts Requiem aufgeführt. Durch die rund eineinhalbstündige Feier führt Alexander Röder, Hauptpastor der Kirche. Die Andacht hält der ehemalige Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen.
Info: Die ARD überträgt die Trauerfeier live von 9.55 Uhr bis 11.30 Uhr. Zudem überträgt der NDR die Feier auf einem Großbildschirm vor der Kirche.
