
- Heike Groos, Bundeswehrärztin in Afghanistan - Krüger Verlag
"Ein schöner Tag zum Sterben“ – mit diesem fatalistischen Motto machten sich Heike Groos und ihre in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrkameraden oft gegenseitig Mut und stärkten halb ironisch, halb fröhlich die Moral der Truppe. Sie hatten es nötig, sich seelisch über Wasser zu halten, um nicht zu verzweifeln angesichts täglicher Gefahren, der durch Terroranschläge und Minenunfälle umgekommenen Kollegen, der schwierigen Umstände eines erzwungenen Lagerlebens, des Heimwehs nach der Familie, der trostlosen Verhältnisse der zu betreuenden Bevölkerung.
Auslandseinsätze der deutschen Bundeswehr
Zehn Prozent der 250.000 Bundeswehrsoldaten gehören dem zentralen Sanitätsdienst an. Rund 3.800 deutsche Soldaten sind in Afghanistan eingesetzt, davon 200 Frauen. Insgesamt arbeiten 7.400 deutsche Soldaten auf dem Balkan, in Afghanistan, vor den Küsten von Somalia und des Libanon, am Horn von Afrika und in weltweiten UN-Beobachtermissionen. Seit 1993 kamen mehr als 80 deutsche Soldaten bei Auslandseinsätzen ums Leben. Etwa 100 Soldaten wurden verwundet (Stand: Frühjahr 2009, Quelle: Heike Groos).
Auswandern nach Neuseeland
Zum ersten Mal ergreift eine Soldatin, die „dabei war“, öffentlich das Wort. Heike Groos musste sich dazu erst einmal innerlich selbst befreien von ihren eigenen Traumata, von den schrecklichen Erinnerungsbildern vor ihrem geistigen Auge, von Verfolgungsängsten und vielen deprimierenden Folgen der Auslandseinsätze für ihr Privatleben. Sie musste nach Neuseeland auswandern, um Abstand zu gewinnen und einen erfüllenden neuen Lebensweg zu finden.
Frauen in der Bundeswehr
Das Buch "Ein schöner Tag zum Sterben“ ist kein Buch über Afghanistan. Es ist ein Bericht über den geistig-moralischen Zustand der deutschen Bundeswehr. Es ist auch ein Buch über und für Frauen, die in einer männlichen dominierten Berufswelt Karriere gemacht haben. Heike Groos war in ihrem zweiten Einsatz am Hindukusch bereits Kompaniechefin und trug hohe Verantwortung für ihre Leute, Sanitäter, Fahrer, Techniker und andere Ärzte. Die Bundeswehr gibt für das Thema Frauen in Führungspositionen ein ganz besonders drastisches Exempel ab, das aber gerade wegen der klar definierten und somit leichter durchschaubaren Organisationsstrukturen einer Befehlskultur gut auf Hierarchien in der freien Wirtschaft oder in Verwaltungsbehörden übertragbar ist.
Schlaflos, hoffnungslos seit Kabul und Kundus
Die Autorin versucht gar nicht erst, ihre manchmal überbordende und sicher für manchen Leser schwer zu ertragende Emotionalität zu unterdrücken. Ihr Stil muss für die sachbetonte und in Gefühlsdingen vermutlich verkümmerte soldatische Arbeitswelt einen ziemlichen Störfaktor darstellen, ein als subversiv deutbarer Angriff von innen heraus, den abzuwehren kaum möglich sein wird, außer man zeigt der abtrünnigen Ex-Kameradin einen Vogel und stempelt sie als psychiatrisch bedürftig ab. Genau um dieses Problem aber dreht sich dieses erschütternde Dokument: Um den "Sumpf der Hoffnungslosigkeit“, in den eine große Zahl der aus Kabul, Kundus, Kandahar heimkehrenden Soldaten abrutschten, aus dem sich viele weder allein noch mit medizinisch-psychiatrischer Hilfe herausziehen konnten.
Junge Veteranen der Bundeswehr
Deutschland hat ein vor der Öffentlichkeit offenbar weitgehend verborgenes Veteranenproblem. Die Depressionen, die teils lebenslange psychische Arbeitsunfähigkeit vieler noch junger Männer, ihre permanente Schlaflosigkeit, ihrer familienzerstörende Gefühlskälte, ihre Absonderlichkeiten – zum Beispiel nur noch im Freien übernachten zu können –, ihre Gewaltneigung, die tiefe Traurigkeit und Haltlosigkeit teils bis zum Selbstmord geht einher mit Sprachlosigkeit. Diese desillusionierten Soldaten verstummen einfach und erleichtern es ihrer Umwelt dadurch, sie als Fremdkörper in einer normierten Welt zu behandeln und sogar auszusondern. Sechs Monate Schonfrist unter psychologischer Betreuung, mit diesem Rezept müssen die seelischen Veteranen den Weg zurück in ein normales Leben finden. Es scheint so, als klappe dies oft nicht.
Krankes System oder kranke Menschen?
Was ist krank – ist es das System, das junge Menschen unter dem Schild einer Friedensmission in einen Krieg schickt, oder sind es die Männer und Frauen, die nach ihrer Rückkehr an diesem Widerspruch zerbrechen? Diese Kernfrage des Berichtes von Heike Groos zieht sich durch das ganze Buch. Ihre Antwort liegt auf der Hand, sonst hätte sie die suggestive Frage gar nicht gestellt.
Biografie einer Ärztin, Mutter und Ehefrau
Heike Groos wirkt auch deshalb so überzeugend, weil ihre Kraft und Energie aus Normalität gewachsen ist, wie ihre biografischen Daten bezeugen. Ihr medizinisches Examen war "nicht gerade das beste“. Statt ihre Doktorarbeit zu beenden, bekam sie ihr zweites von insgesamt fünf Kindern. Um Geld für ihre Familie zu verdienen, nahm sie eine Stelle als Assistenzärztin für Anästhesie in einem Bundeswehrkrankenhaus an, die es ihr ermöglichte, vor der Arbeit die Kinder in die Tagesstätte zu bringen. Die Bundeswehr war in den zivilen Rettungsdienst integriert, von Auslandseinsätzen keine Rede. Ganz nebenbei, fast unbemerkt, wurde Heike Groos durch diese Tätigkeit Soldat, nicht etwa "Soldatin", weibliche Funktionsbezeichnungen wurden bislang in der Bundeswehr nicht akzeptiert. Drei Väter und Ehemänner, Scheidungen, alleinerziehende Mutter und ökonomische Ernährerin – anstrengende Normalität. Dann Afghanistan. Heute arbeitet Heike Groos in einem neuseeländischen Krankenhaus, lebt mit den jüngeren Kindern in einem gemieteten Strandhaus am Meer.
Beklemmende Realität eines Politkrimis
Das Buch von Heike Groos liest sich spannend wie ein Politkrimi, es ist voller erzählerisch professionell aufbereiteter Anekdoten, ein autobiografisch schonungsloses, sehr persönliches Lebenszeugnis, dicht geknüpft, tief schürfend. Es malt keinesfalls ein oberflächliches Horrorszenario der Bundeswehr-Auslandseinsätze, sondern handelt auch von Kameradschaft, Freundschaft, Loyalität und von den Möglichkeiten, aus Krisen Kraft zu schöpfen. Wer die Lektüre bis zum Schluss durchhält, wird es nicht bereuen und vielleicht sogar Lebensmut daraus schöpfen können. Man ist froh, diese sperrige und lebensfrohe Medizinerin gewissermaßen kennen gelernt zu haben und wird sie so schnell nicht vergessen.
Heike Groos: Ein schöner Tag zum Sterben. Als Bundeswehrärztin in Afghanistan. Mit Farbfotos und Schwarz-Weiß-Karte. Krüger Verlag 2009. Hardcover, 272 Seiten. Euro 18,95.
