Der indische Ayurveda wirkt auf Anhieb nicht unbedingt verständlich. Ayurveda ist verflochten mit der uralten Medizin, den Fabeln und Mythen, feinsinnigen Beobachtungen und nicht zuletzt Brahma, dem Schöpfer, der den Ayurveda am Anfang aller Zeiten hervorgebracht hat, so heißt es. Ayurveda ist eine Lebensweisheit, nicht nur eine Methode der Heilung. Das Wort geht auf die Sanskritwurzeln ayur = Leben und veda = übersinnlich wahrgenommene Weisheit, Wissen, hervor.
Krankheit wird im klassischen Indien deutlich weiter gefasst als bei uns: Das Leben ist eher ein Leiden, es ist ein dukka, ein Unbehagen, nicht im Sinne des körperlichen Schmerzes, sondern im Sinn der vielen Mühen und Plagen. Dukka umfasst die ganze Problematik des Seins. Die Ursache dessen liegt im karma (Tat). Als universelles Gesetz gilt, dass jede Tat ihre Folge hat und liegt sie noch so viele Leben zurück. Die Ansammlung vergangener schlechter Taten führt zu Krankheit und Seuchen, nicht die Bakterien oder andere Erreger. Dharma, der rechte Lebenswandel, ist der Weg aus dem Leiden.
In Verbindung mit diesem Gedanken gilt, dass die Krankheit nicht ohne Zusammenhang mit dem Kranken und seinem Karma zu betrachten ist. Es gibt somit keine erkrankten Organe an sich: Der Mensch ist eine karmische und psychosomatische Einheit, leiblich, seelisch und schicksalhaft mit dem Leiden (dukka) verstrickt. Daher bedarf es einer Lebensweisheit, dem Ayurveda, um dem Menschen beizustehen.
Die Hintergründe des Ayurveda
Entsprechend der breit gefächerten Grundlage zeigt sich auch die Heilkunde selbst: Da alles verbunden und verwoben ist, sich gegenseitig beeinflusst, kann ebenfalls alles als Heilmittel genutzt werden. Dazu gehören auch Gedanken, Worte, Taten, Klänge und Farben sowie Nahrung. 42 unterschiedliche therapeutische Möglichkeiten haben die Ayurvediker aufgestellt. Eingesetzt werden vornehmlich Drogen, Diät und Handlungen, die entweder allopathisch (gegen die Krankheit, gegen die Ursache oder gegen beides) oder homöopathisch (der Krankheit ähnlich, der Ursache oder beidem) Anwendung finden.
Dieses weitläufige Heilsystem wird von der Kaste der Ärzte in einer um 5000 Jahre währenden Tradition gepflegt: Schon als Kind erlebt der zukünftige Arzt, wie der Vater oder Großvater die Patienten behandelt. Sein Lebensweg ist vorgeschrieben und fast alle Inder bevorzugen diese ayurvedischen Ärzte gegenüber den westlichen Medizinern der Städte.
Methoden zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit sind dabei unter anderem Dampf- und Kräuterbäder, Ölgüsse, Massagen, zudem bereits genannte Verhaltensweisen, Hygiene, Versenkung und Andacht, Yoga, bestimmte Speisen und ihre Zubereitung. Da alle Lebewesen mit Nährsaft versorgt werden, welcher in körpereigenes Gewebe verwandelt wird, sind Lebensmittel von großer Bedeutung und werden in Sattva, Raja und Tamas unterteilt, die alle tiefere Bedeutung und Einflussnahme beinhalten.
Die ayurvedische Lehre geht weit über das reine Behandeln von Krankheiten hinaus
Die Menschen werden in unterschiedliche Konstitutionstypen eingeteilt, nach denen sich die individuellen Behandlungsmethoden bei Krankheiten richten. Vereinfacht besteht der menschliche Körper aus strukturellen Elementen und energetischen Komponenten. Ernährung, Schlaf und Sexualität sind die drei Säulen des Lebens.
Hinzu kommen die Lebensenergien, die Doshas: Aus Luft und Raum entsteht Vata (Wind), aus Feuer und Wasser Pitta (Sonne), aus Wasser und Erde Kapha (Mond). Der Mond (Kapha) steht für die erquickenden Lebenssäfte, die Sonne (Pitta) entzieht sie wieder; der Wind (Vata) bewegt sie und in gleicher Richtung verhalten sich die Schleime, die Galle und die Luft im Mikrokosmos.
- Vata-Energie kontrolliert die Nahrungsaufnahme, deren Transport und die Ausscheidung. Kreislauf, Sprache, Beweglichkeit und Atmung sind der Vata-Bereich.
- Pitta-Energien steuern den Stoffwechsel. Sie sind dafür verantwortlich, dass die Nahrung in Nährsaft umgewandelt und in den verschiedenen Geweben verarbeitet wird. Daher ist Pitta ebenfalls für die Regulierung der Körpertemperatur, für das Sehen, die Hautfarbe, die Ausstrahlung und die intellektuellen Fähigkeiten zuständig.
- Kapha ist für den „Einbau“ der Stoffe in den Körper verantwortlich. Ihm obliegen die Festigkeit des Gewebes und dessen Aufbau. Mit Kapha werden alle Vorgänge bezeichnet, die zu Dichte, Stabilität und Widerstandsfähigkeit führen.
Was den ayurvedischen Arzt besonders interessiert, ist besagter Energiefluss mit seinen Ätherorganen, den Chakras, die wiederum kompliziert unterteilt worden sind. Sie befinden sich entlang der Wirbelsäule, an deren Ende sich die Kundalini-Schlange zusammengerollt hat und schläft. Diese Schlangenkraft kann durch Fasten, Meditation, Atem, Konzentration und verschiedene Yoga-Übungen geweckt werden und somit die mystischen Organe, die Chakras, erregen und in Bewegung setzen. Eine Art Lebensatem, der sich windet und auf der kosmischen Urkraft Kundalini basiert.
Nach der ayurvedischen Lehre ist der Mensch nur dann gesund, wenn sich die drei Lebensenergien im Gleichgewicht befinden. Alles in allem keine empirischen Tatsachen, sondern ein intuitives Erfassen der Wirklichkeit.
Intuition ist empirisch nicht erfassbar - und doch unersetzlich
Intuition ist vermutlich das, was in unser westlichen Welt am wenigsten gefragt ist. Und zugleich doch fehlt. Die meisten Menschen sind heutzutage letztlich Marionetten ihres Alltags. Das Gleichgewicht, die Harmonie des Organismus, der Einklang von Geist, Seele und Körper sind scheinbar bedeutungslos geworden.
Sanfte Medizin für Körper, Seele und Geist werden so in unserer hektischen und lauten Zeit für viele zu einem großen Bedürfnis. Einem Bedürfnis, was von den asiatischen Heilkünsten gestillt werden kann. Sinnsuche steht auf der einen Seite, die Findung dessen und seiner selbst auf der anderen.
Von den östlichen Künsten ausgehend, bedeutet Krankheit, dass Lebensenergien nicht mehr im Fluss sind und somit auch nicht mehr die Gesamtheit des Menschen versorgen können. Was also ist mit einer Gesellschaft, die nicht mehr im Fluss ist, sondern im Wettlauf mit - oder gegen - die Zeit? Sind es die Energien, die nicht mehr fließen können und zur Krankheit führen, so könnte es doch eben diese sein, die zu einem krankenden System führt. Und in der Folge zu einer Sehnsucht, die die Menschen zu jenen Kulturen führt, die altem Wissen frönen und das Geschöpf als Ganzes betrachten.
Heilung beinhaltet einen gestärkten Körper, eine gesunde Energie und heil werden muss der ganze Mensch, vor allem seine Seele. Die Seele aber wird gespeist von Gedanken, Empfindungen, Worten und Handlungen. Und unter diesem Gesichtspunkt - und nicht empirisch begründbar - wirken die vermeintlich exotischen Heilkünste durchaus mehr als verständlich.
Literaturhinweise
- Wolf-Dieter Storl: Von Heilkräutern und Pflanzengottheiten, Aurum im Kamphausen Verlag 2004
- Dr. O. P. Jaggi, All About Allopathy, Homeopathy, Ayurveda, Unani and Nature Cure, New Delhi, An Orient Paperback 1976
- Basham, A. L., The Wonder that Was India, Rupa & Co, 1982
- Pandit Shiv Sharma, Realms of Ayurveda, Arnold-Heinemann 1979
- Heinrich R. Zimmer, Hindu Medicine, The John Hopkins Press 1948
