Heinrich Böll – aus dem Volke kommend, für sein Volk schreibend. Fast immer mit Zigarette zu sehen und ohne Krawatte. Volksnah also und ... menschlich. Und genau das ist es, was diesen Mann auszeichnete; der mit der Schilderung seiner Kriegserlebnisse aus der Perspektive der meist unteren Chargen der Soldaten sich eine Nähe verschaffte, für die er geliebt wurde. Und auch später in seiner schriftstellerischen Laufbahn setzt er sich immer für Probleme des Volkes ein.

Frühe Jahre von Heinrich Böll

Aus einer Handwerkerfamilie stammend wird er 1917 in Köln geboren und erlebt die große Arbeitslosigkeit sowie Hunger als Kind. Er wird 1938 zum Arbeitsdienst eingezogen, um dann 1939 von der Deutschen Wehrmacht einberufen zu werden. Der 2. Weltkrieg verschlägt ihn nach Frankreich, Polen, Rumänien, Ungarn und in die Sowjetunion. Er wird viermal verwundet und versucht immer, irgendwie dem Dienst zu entkommen, da er kein Offizier werden will. 1945 wird er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen. All diese Kriegserlebnisse müssen Böll tief beeindruckt haben, denn er stellt in seinen Erzählungen „Als der Krieg ausbrach", „Als der Krieg zu Ende war", „Entfernung von der Truppe" und in seinem Roman „Billard um halb zehn" immer wieder die verwerflichen Kriegsgräuel am Volk dar. Das geht soweit, dass er 1964 an der Frankfurter Universität Vorlesungen zur Poetik hält und somit seine Theorien zur „Ästhetik des Humanen" entwickelt.

Mit Böll bringt man den Nobelpreis in Verbindung, den er 1972 für Literatur erhielt, aber auch mit dem Deutschen Herbst, Terroristen und anderen brisanten politischen Themen.

Abschied - Eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll

Es geht in dieser Kurzgeschichte um das Abschiednehmen zweier Menschen: Charlotte und vermutlich Böll selber, der hier durch einen Ich-Erzähler spricht. Wenn das Abschiednehmen schon schwer ist, so fällt auf, dass Böll dies noch unterstreicht, indem er sehr bildhaft den ungemütlichen Bahnhof beschreibt. Es ist zugig, kalt und laut. Diese beiden Menschen, die sich eigentlich lieben, können es sich nicht richtig eingestehen, und es scheint, dass ihnen der Mut dazu fehlt. Bei Heinrich hat man das Gefühl, dass er darunter leidet, seine Chance verpasst zu haben, denn Charlotte ist mittlerweile verheiratet und will ihrem Mann nach Schweden folgen, der aus russischer Gefangenschaft dorthin geflohen ist.

Sie kennen sich seit 15 Jahren und haben wohl harte Zeiten miteinander durchgemacht. Sie sprechen von Dreck, Hunger und Lumpen. Vermutlich handelt es sich um ein autobiographisches Erlebnis Bölls.

Heinrich ist unglücklich und lässt seine Verzweiflung an seinem kranken Bein aus. Vermutlich eine Kriegsverletzung, die ihm zu schaffen macht und Charlotte etwas beunruhigt. Heinrich flucht also mit seinem Bein, aber insgeheim verflucht er diesen Abschied, die Ohnmacht, die er fühlt und sein Unvermögen, dass er Charlotte nicht sagen kann, dass er sie liebt und sie nichts in Schweden zu suchen hat. Er ist vielleicht auch ein bisschen eifersüchtig, denn Charlotte wird nun in Schweden in einer heilen Welt leben können, wo nichts kaputt ist und wo es genügend zu Essen gibt, wofür sie sich letztendlich auch schämt. Aber er spricht ihr Mut zu und sagt: „Freud dich auf Schweden."

Zum Schluss aber, bevor der Zug den Bahnhof verlässt, gibt Charlotte doch ein wenig preis. Sie spricht indirekt an, dass es auf andere Dinge im Leben ankommt, und man manchmal auf eigene persönliche Gefühle keine Rücksicht nehmen kann. Damit gibt sie zu, dass sie durchaus versteht und ihn ebenfalls liebt.

Böll verwendet Metaphern und beschreibt Charlottes Bild als eine Figur von Picasso, langbeinig und schlank und die so absolut nichts von einer Rubensfigur hat, die in Verbindung mit ihrem Mann gebracht wird.

Charakteristische Mittel der Kurzgeschichte

Die charakteristischen Mittel der Kurzgeschichte werden von Böll eingesetzt. Ohne Vorgeschichte steigt er gleich in das Thema ein, und wie es nach der Abreise von Charlotte weitergeht, wissen wir nicht. Er beschreibt seine eigenen persönlichen Eindrücke und Gefühle und vermittelt dem Leser, dass es sich hier um ein persönliches Schicksal handelt. Dialoge sind vorherrschend und in einer Alltagssprache, wie etwa „Halt die Schnauze" et cetera geschrieben. Seine Antworten sind meist sehr kurz und angebunden, was seine Stimmungslage widerspiegeln soll.

Nachkriegsautoren entdecken die Kurzgeschichte

Die Nachkriegsautoren entdeckten die aus Amerika kommende „short story" als neue Gattung, sie war somit für viele Autoren ein Mittel der Beschreibung ihrer Kriegserlebnisse. Sie gab ihnen die Möglichkeit, Probleme und Krisensituationen zu beschreiben, den Leser aber gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Sie wollten die Schuldfrage thematisieren. Als Hauptthema ist die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit Deutschlands anzusehen und wie man mit der historischen Last umgehen kann. Bölls zeitkritischer Roman „Billard um halb zehn" erinnert immer wieder die Wohlstandsgesellschaft an die kollektive und individuelle Schuld während der nationalsozialistischen Zeit. Böll sagt hierzu: „Die Summe des Leidens war zu groß für die wenigen, die eindeutig als schuldig zu erkennen waren; es blieb ein Rest, der bis heute nicht verteilt ist."