
- Böll-Porträt - WDR
Der Todestag des deutschen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll jährte sich heuer zum 25. Mal. Fürsorgliche Belagerung ist ein weiterer sozialkritischer Roman Bölls, in dem er sich sowohl kritisch mit den Aktionen der RAF im Deutschen Herbst, als auch mit den Schutzmaßnahmen für bedrohte Persönlichkeiten auseinander setzt.
Der Inhalt des Romans "Fürsorgliche Belagerung"
Der Autor schildert die polizeilichen Schutzmaßnahmen, die die Familie des Verlegers und Verbandspräsidenten Fritz Tolm zur Verhinderung von RAF-Anschlägen oder –entführungen über sich ergehen lassen muss. Jedes Kapitel schildert die Situation aus der Sicht einer anderen Person. Dabei ist Fritz Tolm offensichtlich die Hauptperson, denn aus seiner Perspektive wird am häufigsten erzählt, aber auch sein Sohn Rolf und der Polizist Hubert Hendler stellen mehrmals die „Leitperspektive“.
Fritz Tolm ist auf Grund seiner gesellschaftlichen Position besonders gefährdet, genauso seine Tochter Sabine, die einen Industriellen geheiratet hat. Sie trennt sich gleich zu Anfang des Romans von ihrem Mann, weil sie von dem Sicherheitsbeamten Hubert Hendler ein Kind erwartet. Tolms Sohn Rolf hingegen wird nicht be- sondern überwacht: Er hat eine linksradikale Vergangenheit und war mit der Aktivistin Veronica verheiratet, die nun mit dem RAF-Terroristen Bewerloh, einem Jugendfreund Rolfs, und Rolfs Sohn Holger irgendwo im Ausland weilt. Schließlich begeht Bewerloh bei einem Polizeizugriff in Istanbul Selbstmord. Veronica stellt sich bei einem noch von Bewerloh geplanten Anschlag der Polizei. Ihren Sohn Holger hatte sie schon vorher zu seinem Vater zurückgeschickt und er hat das Haus seiner Großeltern Tolm angezündet, offenbar von Bewerloh indoktriniert.
Fritz Tolm ist kein Kapitalist
Auffällig ist, dass der Autor zur Veranschaulichung seiner Problematik eben keinen schematischen Kapitalisten gewählt hat, sondern eine Person, die in ihren Ansichten teilweise eher linksliberal wirkt. Fritz Tolm kommt aus armem Elternhaus und hat nach dem Krieg eine Zeitung geerbt, die seinen Wohlstand begründet hat. Aber er ist von seinem Produkt alles andere als überzeugt. Die Produkte seines Verlagshauses bezeichnet er als „grauen, gräßlichen Blättchen-Brei“. Auch sich selbst und seinesgleichen sieht er eher negativ, ausgedrückt in der Bezeichnung als „nette Ungeheuer“. Er ist eigentlich kein zupackender Unternehmer, ganz im Gegenteil. Zu seiner Tätigkeit muss er sich aufraffen, sie macht ihm Angst: „Ich habe Angst vor diesen achtzig Quadratmetern Büro, in dem nichts geschieht, in dem ich ein bisschen unterschreibe, Tee trinke.“ Eigentlich wäre er viel lieber Museumsdirektor geworden als Unternehmer und auch sein familiäres Umfeld sagt, dass das besser zu ihm gepasst hätte. Am Ende des Romans bekennt er sich sogar zum Sozialismus.
Thematisierung des RAF-Terrorismus
Thema ist der Terrorismus der RAF und vor allem die dagegen ergriffenen Schutzmaßnahmen. Diese werden von den Betroffenen als Belagerungszustand empfunden. Tolm bezeichnet sich und seine Frau als „Sicherheitsgefangene“.
Motive
Das Thema des rheinischen Katholizismus, das Böll gerne aufgreift, kommt auch hier wieder zum Tragen. Der Autor setzt sich mit der christlichen Sexualmoral auseinander, deutlich gemacht zum Beispiel am Pastor Kohlschröder, der ein Verhältnis mit seiner Haushälterin hat. Auch der Ehebruch als sündhaftes Vergehen zieht sich durch den ganzen Roman. Weitere Motive sind der Braunkohletagebau und sein Raubbau an Landschaft und Gesellschaft, Krieg und Kriegssünden.
Heinrich Böll: Fürsorgliche Belagerung, dtv, 10 Euro.
