Heinrich Böll – Subtile Literatur

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger im Porträt

Der andere Deutsche - Kiepenheuer & Witsch
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Heinrich Böll schrieb unentwegt, verfasste großartige Romane und glaubte an gleiches Recht für alle Menschen.

Heinrich Böll erhielt 1972 als erster Deutscher nach dem zweiten Weltkrieg den Nobelpreis für Literatur. Seine größten Werke basieren auf Liebesgeschichten, soll er selbst einmal behauptet haben. Bölls Geschichten fesseln den Leser trotz einfachster Erzählungen.

Nie stolpert der Leser über verwinkelte Sätze oder komplizierte Ereignisse. Mit faszinierender Klarheit schrieb Böll Geschichten und Romane, die ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Schriftsteller machten.

Böll und der Wunsch sich auszudrücken

Heinrich Böll setzte sich in seinen Werken mit den Geschehnissen seiner Zeit auseinander. Seine Themen und Anliegen waren vielfältig. Er trat ein für Frieden und Gerechtigkeit, Familie, Ehe, Glauben und Mitmenschlichkeit und lehnte Nazismus, Militarismus, Amtskirche, östliche Diktatur und westlichen Kapitalismus entschieden ab.

Die Besonderheit an Bölls Geschichten sind die Charaktere und die Atmosphäre, welche er zu schaffen vermag, und seine immer wiederkehrenden Themen Kindheit, Erinnerung, Liebe, Hass, Hunger, Sünde, Schuld und Gerechtigkeit. "Das Wichtige ist ... daß man eine Mischung aus Sensibilität, Phantasie und den Wunsch sich auszudrücken hat", äußerte sich Heinrich Böll zu seinem literarischen Schaffen (Heinrich Böll, Werke, Bernd Balzer, 1977).

Schon früh wusste Böll, dass er Schriftsteller werden möchte und gab für diesen Traum seine Anstellung beim Statistischen Amt der Stadt Köln auf. Und das, obwohl der Verkauf seiner Prosa am Anfang seiner Schriftstellerkarriere sehr schleppend verlief.

Der Traum vom freien Schriftsteller

Der am 1. Dezember 1917 in Köln geborene Heinrich Böll begann schon früh, Gedichte, Kurzgeschichten und sogar Romane zu schreiben. Doch die finanzielle Situation seiner Familie und die schwierige Gesamtsituation im nationalsozialistischen Deutschland erlaubten es dem jungen Schriftsteller nicht, seine ersten Schritte als Autor zu veröffentlichen.

Eine Buchhandelslehre in Bonn brach er nach kurzer Zeit wieder ab und träumte weiter davon, als freier Schriftsteller arbeiten zu können. Mit einer Studienerlaubnis im Jahre 1939 an der Universität Köln, er entschied sich für die Fächer Germanistik und Altphilologie, kam er seinem Ziel etwas näher. Der zweite Weltkrieg machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung.

Verhasster Krieg

Von Osnabrück wurde Böll nach Bromberg in Polen verlegt und kam schließlich als Besatzungssoldat in die Picardie nach Frankreich, später dann an die Kanalküste. Daraufhin kämpfte er in Russland und in Rumänien, wo er beides mal verwundet wurde. Der ihm so verhasste Krieg ging zu Ende, trotzdem lief Böll nicht zu den Amerikanern über, sondern ließ sich gefangen nehmen. Es folgte eine schwere Zeit in Arbeitslagern in Deutschland und in Frankreich.

Als er im September 1945 entlassen wurde, kehrte er mit seiner Frau Annemarie Cech, die er während des Krieges geheiratet hatte, nach Köln zurück. Mit einer alter Schreibmaschine und durchlöchertem Kohlepapier begann er wieder zu schreiben. Scharfäugig beobachtete er die Nachkriegszeit und verarbeitete in unzähligen Geschichten seine Erlebnisse im Krieg.

Der Schriftsteller Böll

Böll schrieb nie hastig, selten war es mehr als eine Seite pro Tag. Zum Schreiben brauchte er Ruhe, Kaffee oder Tee und viele Zigaretten. Letzteres wirkte sich später auf seine Gesundheit aus. Er musste deswegen Operationen über sich ergehen lassen und war schließlich auf Spezialschuhe und Stock angewiesen.

Erst während dem Akt des Schreibens entwickelte Böll nach und nach die Geschichte. Er verwendete gern umgangssprachliche Wendungen, vermied Metaphern, literarische Anspielungen und Interpretationen des Erzählten. Ob sich das Geschriebene letzten Endes gut verkaufen lassen würde, daran dachte er während des Schreibens nicht.

Für Böll waren all seine Werke auf irgendeine Weise miteinander verknüpft. Das Nebenmotiv eines Romans konnte das Hauptmotiv eines anderen Romans sein, seine Figuren lebten und entwickelten sich in den verschiedenen Geschichten weiter. Böll schrieb Romane, Erzählungen, Essays, Zeitungsartikel, Theaterstücke, Hörspiele, Film- und Fernsehdrehbücher und dramatische Werke. All dies unterstellte er der Kategorie subtile Literatur. Er unterschied nicht zwischen den einzelnen Genres.

Bücher und Auszeichnungen

Bölls erster großer Erfolg war der 1953 erschienene Roman „Und sagte kein einziges Wort“. Eine Liebesgeschichte, die sofort nach dem Erscheinen in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Es folgten großartige Romane wie "Das Brot der frühen Jahre" (1955), "Billard um halb zehn" (1959), "Ansichten eines Clowns" (1963) und "Gruppenbild mit Dame" (1971).

Für seine außergewöhnlichen Werke erhielt Böll Auszeichungen wie den "Charles-Veillon-Preis" und den "Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung", um nur einige zu nennen. Die Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum – Oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" (1974) war Bölls letzter großer Erfolg. Zwar schrieb er, trotz gesundheitlicher Probleme, unentwegt weiter und nahm sogar noch an Demonstrationen teil, erntete dafür aber ausschließlich negative Kritik.

Sein letzter Roman, "Frauen vor Flußlandschaft", wurde einen Monat nach seinem Tod veröffentlicht. Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985 in Langenbroich. Sein Wunsch, trotz Austritt aus der katholischen Kirche kirchlich bestattet zu werden, wurde erfüllt.

Sonja Marzoner - Sonja Marzoner hat Grafik- und Produktdesign an der Freien Universität Bozen, Italien, studiert und arbeitet zur Zeit als ...

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