Der langjährige Vorsitzende des Alldeutschen Verbandes Heinrich Claß (1868- 1953) gilt als eine Schlüsselfigur der extremen Rechten in Deutschland zwischen Kaiserreich und Drittem Reich. Als Honoratiorenpolitiker und Publizist trat Claß im Kaiserreich für eine kraftvolle imperialistische Außenpolitik, während des Ersten Weltkriegs für umfassende Annexionsforderungen und in der Weimarer Republik als Vordenker der kommenden Diktatur in Erscheinung. Obwohl der Alldeutsche Verband (ADV) mittlerweile als sehr gut erforscht gelten kann, gab es bislang keine moderne Biographie über Heinrich Claß. Diese Forschungslücke hat nun Johannes Leicht mit seiner 420-seitigen Dissertation geschlossen. Leicht ist es gelungen, an Hand von Korrespondenz und Veröffentlichungen einen neuen Blick auf die Weltanschauung und die politischen Ziele des ADV-Vorsitzenden zu gewinnen. Dabei wird einerseits deutlich, dass Claß mit seinen nationalistischen, rassistischen und bevölkerungspolitischen Vorstellungen intakte Tabus der bürgerlichen Gesellschaft systematisch brach. Andererseits blieb er dem elitären bürgerlichen Politikstil des 19. Jahrhunderts verhaftet. Er wirkte primär durch das geschriebene Wort und Hinterzimmerabsprachen, während er der Massenagitation reserviert gegenüberstand. Daher zeigte sich immer wieder, dass Claß weit weniger Einfluss auf das politische Geschehen nehmen konnte, als er selbst wünschte und seine Gegner vermuteten.

Jugend und politische Sozialisation

Heinrich Claß wuchs in Alzey bei Mainz auf. Er studierte in Berlin, Freiburg und Gießen Rechts- und Staatswissenschaften und ließ sich 1895 in Mainz als Rechtsanwalt nieder. Schon früh trat seine anwaltliche Tätigkeit gegenüber dem politischen Engagement in den Hintergrund. In Anlehnung an Martin Doerry schildert Leicht Claß als einen typischen Vertreter der Wilhelminischen Generation. Glücklicherweise gibt sich der Autor nicht mit der häufig im Spekulativen verbleibenden Mentalitätsgeschichte zufrieden, sondern zeichnet Claß` politische Sozialisation überzeugend nach. Dieser wurde entscheidend vom polternden Nationalismus Heinrich von Treitschkes geprägt, ging aber über die Vorstellungen des Berliner Geschichtsprofessors weit hinaus. Claß strebte die Elimination jeglichen politischen und gesellschaftlichen Pluralismus zugunsten einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft an, die er über biopolitische Maßnahmen herzustellen hoffte.

Aufstieg im Alldeutschen Verband

Claß schloss sich 1894 dem Deutschbund Friedrich Langes (1852-1917) an. 1897 wechselte Claß im Streit mit dessen Führung zum 1891 gegründeten Alldeutschen Verband. Dort stieg er 1900 in die Hauptleitung und 1904 zum stellvertretenden Vorsitzenden auf. 1908 übernahm er das Amt des verstorbenen Vorsitzenden Ernst Hasse (1846-1908). Claß setzte sich mit seinen radikaleren Positionen im Verband gegen die älteren Mitglieder durch, erlangte diktatorische Kontrolle über Politik und Finanzen der Alldeutschen und besetzte alle wichtigen Ämter mit seinen Vertrauensleuten.

Frustration und Radikalisierung

Außerhalb des ADV eckte Claß mit seiner renitenten Gesinnungsethik an, die stets nur Maximalforderungen kannte und gegenüber Kompromissen immun war. Zudem tendierte er dazu, seinen Einfluss auf politische Entscheidungsträger zu überschätzen. Dies offenbarte sich in der Burenkampagne (1899-1902) und während der Marokkokrise (1911), als es Claß nicht gelang, die Außenpolitik auf eine kriegsbereite imperialistische Linie einzuschwören. Sein Scheitern beantwortete Claß mit der intransigenten Radikalisierung seiner Weltanschauung. In seiner „Deutschen Geschichte“ (1909) forderte er eine aggressive Kolonial- und Lebensraumpolitik und in der Schrift „Wenn ich der Kaiser wär“ (1912) einen Staatsstreich zur Errichtung einer völkischen Diktatur.

Kriegsziel: „Land frei von Menschen“

Claß begriff sich als Kopf einer „nationalen Opposition“, die einen radikaleren imperialistischen Kurs nach außen und eine autoritäre Umgestaltung des Staatswesens im Inneren anstrebte. Den Ersten Weltkrieg sah Claß als einmalige Chance, diese Pläne zu verwirklichen. In Denkschriften forderte er die Annexion von Lebensraum im Westen wie im Osten, der „frei von Menschen“ (d.h. ethnisch gesäubert) zur Verfügung gestellt werden sollte. Diese Forderung, die Claß schon während der Marokkokrise intern hatte durchblicken lassen, fand in der breiten Öffentlichkeit angesichts des ungünstigen Kriegsverlaufs wenig Resonanz. Leider versäumt es Leicht, die verheerende Wirkung der Claßschen Kriegsziele im Ausland zu thematisieren.

Bedeutungsverlust in der Weimarer Republik und im Dritten Reich

Während Claß im Kaiserreich noch zu Recht für sich reklamieren konnte, ein Vordenker und eine Leitfigur der „nationalen Opposition“ zu sein, verlor er während der Weimarer Republik im rechten Lager an Boden. Unmittelbar nach der Novemberrevolution gelang es dem ADV noch, sich mit Hilfe des Antisemitismus an das radikaler gewordene Umfeld anzupassen. Trotz einer enthemmten Rhetorik blieben aber Massenagitation und politische Gewalt mit der Honoratiorenpolitik der Alldeutschen unvereinbar. Den Krawallantisemitismus lagerte man in den Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund aus. Der offenen Forderung nach der Ablösung der Republik durch eine völkische Diktatur folgten kaum Taten. Vom Kapp-Putsch (1920) und vom Hitler-Putsch (1923) distanzierten sich die Alldeutschen schnell. Der Kontakt zwischen Claß und Hitler im Frühjahr 1920 blieb eine kurze Episode und, abgesehen von einer finanziellen Zuwendung an die NSDAP, folgenlos. Auch auf die Freikorps und andere paramilitärische Verbände hatte Claß kaum Einfluss. Mitte der 1920er gab Claß die Hoffnung auf einen Rechtsputsch auf und setzte nun auf die DNVP. Über sein Presseimperium stieg der Claß-Vertraute Alfred Hugenberg (1865-1951) zum Vorsitzenden der DNVP auf und brachte die Partei auf den strikt republikfeindlichen Kurs der Alldeutschen. Doch mittlerweile hatten sich die Gewichte im rechten Lager bereits so deutlich in Richtung der NSDAP verschoben, dass die Deutschnationalen 1933 nur noch die Rolle des willfährigen Mehrheitsbeschaffers spielen konnten. Im Dritten Reich wurden Claß und andere Alldeutsche mit einem Sitz im gleichgeschalteten Reichstag abgespeist. Der bedeutungslos gewordene ADV durfte noch bis 1939 weiter bestehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verbrachte Claß seinen Lebensabend bei seiner Tochter in Jena.

Fazit

Leicht zeigt erfolgreich auf, dass Heinrich Claß nicht jener erfolgreiche „Strippenzieher“ innerhalb der radikalen Rechten war, als der er sich selbst begriff und von vielen Zeitgenossen angesehen wurde. Mit seiner chronischen Kompromissunfähigkeit und dem Festhalten an der Honoratiorenpolitik, fehlten Claß taugliche Mittel, um seinen radikalen Utopien außerhalb alldeutscher Kreise Geltung zu verschaffen. Die Unfähigkeit, seine Maximalforderungen durchzusetzen, kompensierte Claß mit der weiteren Radikalisierung seiner Weltanschauung und politischen Ziele. Diese These ist allerdings nicht neu, sondern wurde schon von Roger Chickering, Rainer Hering und Peter Walkenhorst vertreten. An Leichts Studie überzeugen vor allem die ideengeschichtliche Analyse von Claß‘ Weltanschauung und die Einblicke in die interne Struktur des Alldeutschen Verbandes. Der Außenwahrnehmung von Claß und den Alldeutschen im In- und Ausland wird dagegen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Johannes Leicht, Heinrich Claß 1868-1953. Die politische Biographie eines Alldeutschen, Paderborgn: Schöningh 2012. ISBN 9783506773791