Himmler suchte immer wieder historische Zeugnisse zur Berechtigung seiner Vorgehensweise und Politik. Die Gründung der Forschungseinrichtung „Ahnenerbe e.V.“ sollte Himmler in seinem Geschichtsbild bestätigen und die Beweise dafür liefern. Gleichwohl ist die Errichtung dieser Einrichtung als „Versuch Heinrich Himmlers, die politische Macht der SS auch auf den Bereich des Geistigen Lebens auszudehnen1“, zu deuten.
Die Welteislehre
Dazu wurde die Geschichte missbraucht und zurecht gebogen, was sich am Beispiel der so genannten Welteislehre darstellen lässt. Diese Lehre behauptete im Kern, dass der Kampf zwischen Eis und Glut im All die Triebkraft allen kosmischen Geschehens sei, was von Wissenschaftlern jedoch als unwahr zurückgewiesen wurde. Himmler aber war davon überzeugt, weil der Kampfgedanke im Vordergrund stand und propagierte die Lehre als nordisches Weltbild2. Solche und andere Beispiele finden sich mehrfach – man denke nur an den Vorfall, wie Himmler auf die so genannte „Ura–Linda –Chronik“ reagierte – und zielen darauf ab, die nationalsozialistische Ideologie in der Geschichte zu verankern und somit für rechtens zu erklären3.
Das Motiv des Kampfes spielte dabei für Himmler eine ganz zentrale Rolle. Er verfocht unbestritten die Auffassung eines ewigen Existenzkampfes, der bei Tieren, Pflanzen und Menschen zu finden war und den nur der Stärkere, Bessere überlebe, wodurch wiederum eine natürliche Auslese erfolge4. Felix Kroll stellte hier folgerichtig fest: „Krieg und Kampf figurierten so als Lebensmotoren historischen Werdens, bildeten die Grundrhythmen der Geschichte und waren für deren Fortgang absolut unentbehrlich5“.
Himmlers Geschichtsbild
Auf die Geschichte übertragen sah Himmler einen durchweg währenden Versuch Asiens, Europa zu attackieren bzw. einen Angriff auf dort ansässige Germanen, den er in den Hunnen–Einfällen, dem Vordringen des Osmanischen Reiches und neuerdings im Bolschewismus, der für ihn vom Judentum durchzogen war, bestätigt erblickte und es als historische Aufgabe der Gegenwart, ja sogar als historische Pflicht empfand, selbiges zu verhindern sowie eine optimale Ausgangslage für die Zukunft zu erreichen. Eine territoriale Ausdehnung des Reiches Richtung Osten, wie auch eine biologische Festigung - d.h. eine Kräftigung der „Volkssubstanz“ durch „Blutauslese“ – war unbedingt notwendig, um im Kampf bestehen zu können 6.
Desweiteren instrumentalisierte man – für die Ideologie brauchbare – historische Figuren oder Idealzeiten. Dabei wurde auf eine korrekte Auslegung der Geschichte weiterhin kein Wert gelegt und fehlende Tiefe außer Acht gelassen. Die Geschichte der Deutschen bestand aus der indogermanisch-germanischen Geschichte, die es zu ergründen galt, insofern sie sich zur Instrumentalisierung eignete. Hierzu wurden historische Größen, wie zum Beispiel Heinrich I. oder Widukind, als germanische Helden erkoren. Heinrich I. fiel aufgrund seiner Verweigerung der kirchlichen Salbung bei seiner Krönung sowie durch die Errichtung von Wehranlagen zur ungarischen Grenze hin ins Raster der Nationalsozialisten und vor allem in Himmlers Denkschema, der sich sogar infolge der religiösen Aspekte seiner Anschauung als Reinkarnation Heinrich I.7 wissen wollte. Die Himmlersche Auslegung der Geschichte gegenüber Heinrich I. dürfte im Versuch, dem kirchlichen Machtwillen Schranken zu versetzen, sowie einer zentralen Verlagerung Richtung Osten mit den Wehranlagen, ersichtlich sein8. Alle antichristlichen Bewegungen durften sich der ideologischen Beachtung Himmlers erfreuen, der in der christlichen Kirche, trotz seiner früheren tiefen Religiosität eine Parallelisierung zum Bolschewismus zu glauben wusste9. Auch Preußen wurde für die nationalsozialistische Propaganda dem historischen Kontext entwendet, erschien es doch aufgrund der preußischen Tugenden und des Militarismus als günstig zur Verwendung.
Schlussfolgerung
Die Biologisierung der Geschichte ist hier zugleich ersichtlich und der Einfluss Darrés und Rosenbergs auf Himmler klar sichtbar. Erweitert wurde diese realitätsfremde Vorstellung durch den gnadenlosen Antisemitismus Himmlers, der ob des internationalen Judentums zahlreiche geheime Übergriffsversuche vermutete, welche er in zahlreichen Reden propagierte. Ein Genozid der europäischen Juden war damit als „eine Art Pflichterfüllung den Nachfahren gegenüber10“ in keinster Weise mehr abwegig. Josef Ackermann erörterte daraus eine pragmatische Bedeutung der germanischen Geschichte für Himmler, mit der er seine Politik rechtfertigte.11
Literaturliste:
- 1 Goodrick – Clarke, Nicholas: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, S.197.
- 2 Vgl. Ackermann Josef, Himmler als Ideologe, S.45.
- 3 Vgl. derselbe, S.54.
- 4 Vgl. Kroll, Felix: Utopie als Ideologie, S.213.
- 5 Vgl. derselbe, S.214.
- 6 Vgl. derselbe, S.215 ff.
- 7 Vgl. Fest, Joachim C.: Das Gesicht des Dritten Reichs, S.158.
- 8 Vgl. Kroll, Felix, Utopie als Ideologie, S. 235 ff.
- 9 Vgl. derselbe, S.240.
- 10 Vgl. derselbe, S.255.
- 11 Vgl. Ackermann, Josef: Himmler als Ideologe, S.55.
