
- Im Pfarrhaus von Ankershagen wuchs Schliemann auf - Michael Voigt
„Über ihn zu schreiben, bedeutet weglassen“, äußerte einst der Erfolgsautor Phillip Vandenberg. Tatsächlich dürfte es kaum eine Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts geben, deren Leben ähnlich detailreich dokumentiert ist, wie das des Archäologen Heinrich Schliemann. Zahlreiche Tagebücher in mehreren Sprachen, 60.000 bis 80.000 Briefe, Reiseberichte, Presseartikel und andere Zeitzeugen liefern einen unüberschaubaren Reichtum an Fakten, welcher bis heute, rund 120 Jahre nach Schliemanns Tod, noch nicht vollständig erforscht ist!
Umstrittener Ausgräber
Doch die Ansichten über den deutschen Troja-Ausgräber gehen damals wie heute dennoch weit auseinander. Über 50 Biografien sowie zahlreiche Bücher zu einzelnen Aspekten seines Lebens existieren mittlerweile.
Als Scharlatan, egomanischen Stümper und Betrüger betiteln ihn die Kritiker. Seine Bewunderer hingegen sprechen vom Pionier der Spatenwissenschaften, vom genialen Forscher, vom großzügigen Millionär.
Die vielfältigen Schriftzeugnisse seines Lebens helfen bei der Suche nach dem echten Schliemann allerdings nicht weiter. Im Gegenteil. Sie manipulieren sein Andenken, denn nachweislich hinterließ der Archäologe in Briefen und Tagebüchern ein ihm genehmes Bild seiner Arbeiten und seiner Person. Einige Kritiker stellen deshalb das gesamte Lebenswerk Heinrich Schliemann in Frage.
Gesicherte Fakten I: Vom Bettler zum Millionär
Geboren 1822 in Neubukow, wächst der Sohn eines zwielichtigen Pastors im mecklenburgischen Dörfchen Ankershagen auf. Das Unglück bricht herein, als der Junge neun Jahre alt ist: Die Mutter stirbt, der Vater wird ein Jahr später aufgrund seines unsittlichen Lebenswandels des Amtes enthoben. Schliemann verbringt den Rest der Schulzeit bei Verwandten und absolviert danach eine Handelslehre in Fürstenberg. Anschließend treibt es ihn weiter nach Hamburg, wo seine schlechte Gesundheit aber jeder Anstellung nach kurzer Zeit ein Ende setzt. Auswanderungspläne nach Südamerika enden mit einem Schiffsbruch, der den jungen Deutschen nach Holland verschlägt. Der Tiefpunkt seines Lebens ist erreicht.
Nun beginnt ein märchenhafter Aufstieg. Schliemann findet beim internationalen Handelshaus Schröder eine Anstellung und macht sich bald unentbehrlich, denn er besitzt nicht nur kaufmännischen Verstand, sondern ist geradezu unglaublich sprachbegabt. Bis zu seinem Tod wird er mehr als 20 Sprachen erlernt haben.
1847 verschlägt es ihn nach Russland, zunächst als Kommis des Handelshauses Schröder, bald jedoch als Kaufmann auf eigene Rechnung. Was er anpackt, gelingt und mehrt seinen Reichtum: Als beispielsweise der Tod seines Bruders eine Reise nach Nordamerika nötig macht, betreibt Schliemann dort zwischenzeitlich eine Bank für Goldgräber und hat bei seiner Rückkehr nach Russland das eingesetzte Kapital verdoppelt....
Gesicherte Fakten II: Schliemann als Forscher und Außenseiter
Während einer Weltreise lebt sein Kindertraum wieder auf: Schliemann will Archäologe werden und die historischen Schauplätze aus Homers Werken „Illias“ und „Odyssee“ entdecken. Er beendet zunächst seine unglückliche, russische Ehe und heiratet sofort eine rund dreißig Jahre jüngere Griechin. Ein Studium der Archäologie in Paris betreibt der Multimillionär nur kurz und anscheinend recht halbherzig. Die Praxis lockt. Schliemann gräbt nun rund zwanzig Jahre lang vor allem in Kleinasien und Griechenland. Er tut es auf eigene Kosten, gegen die allgemein anerkannte Lehrmeinung und gegen bürokratische Widerstände. Vor allem aber tut er es erfolgreich. Heinrich Schliemann findet unermessliche Goldschätze, Zeitzeugen versunkener Völker und Indizien, dass diese einem gemeinsamen Kulturkreis angehörten. Als Schliemann zu Weihnachten 1890 stirbt, ist der Forscher und Millionär weltberühmt, umstritten und außerdem Ehrenbürger von Berlin.
Was an Heinrich Schliemann fasziniert
Zu den interessantesten Aspekten seines Lebens zählt neben der unglaublich steilen Karriere als Kaufmann die Tatsache, dass Schliemann seine Grabungsergebnisse bisweilen regelrecht vorhersagte. Seine Suche nach dem historischen Troja ließ beispielsweise die gängige Lehrmeinung völlig außer Acht. Stattdessen nahm er Homers eigentlich fiktive Erzählung vom Trojanischen Krieg bis ins kleinste Detail wörtlich und hatte damit Erfolg! Ähnliches wiederholte sich später bei Grabungen in Mykene.
Verachtet und verehrt: Ein Mythos spaltet die Nachwelt
Zweifelsohne war Schliemann eine äußerst widersprüchliche Person. So konnte er einerseits unerträglich geizig sein, unterstützte andererseits jedoch notleidende Gefährten seiner Jugend großzügig und gab für Grabungen sowie Museen ein beträchtliches Vermögen aus. Seinen Zeitgenossen kam er oftmals kleinlich, verschroben, rechthaberisch und egozentrisch vor, setzte sich zum Anderen aber unbeirrbar dafür ein, dass selbst dem Geringsten seiner Mitarbeiter Gerechtigkeit widerfuhr.
Dass er die Realität oftmals einer ihm genehmen Sicht der Dinge unterordnete, ist bis heute ein beliebter Angriffspunkt seiner Kritiker. Seinen Doktortitel soll er sich gekauft haben. Auch der spektakuläre Goldschatz aus Troja, heute Mittelpunkt der deutsch-russischen Beutekunst-Debatte, wurde nach Ansicht einiger Zweifler entweder gefälscht oder aus verschiedenen Grabungskampagnen „zusammengestellt“.
Doch Schliemanns Andenken ist über alle wissenschaftlichen Diskussionen erhaben. Sein Aufstieg war abenteuerlich. Seine Funde und Thesen lösten Erstaunen und Begeisterung aus. Was aber vor allem bleibt, ist das Werk eines Besessenen, der für die Nachwelt eine ganze Zivilisation aus dem Reich der Sage in die Realität zurück holte und dessen Methoden der Archäologie neue Impulse gaben.
