
- Titel der Broschüre "Kleist in der Schweiz" - Wallstein Verlag
Der Aufenthalt von Heinrich von Kleist (1777-1811) in der Schweiz gilt gemeinhin als eine biografische Marginalie. Eine Publikation, die parallel zu einer Ausstellung in der Stadt Thun im Kanton Bern über „Kleist in der Schweiz“ erschien, will zeigen, welche Relevanz der Aufenthalt für seinen weiteren Werdegang als Schriftsteller hatte. Gegenüber Wilhelmine von Zenge, seiner Verlobten im fernen Frankfurt/Oder, begründete er die in Paris getroffene Entscheidung, in die Schweiz gehen zu wollen, mit dem (in einem Brief vom 10. Oktober 1801) artikulierten Wunsch: „Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden.“ Die Entscheidung zu einem Leben auf dem Lande war auch eine Folge der Lektüre von Jean-Jacques Rousseau, der zeitlebens der wichtigste philosophische Anreger für Kleist blieb.
Wie sich zeigen sollte, eignete sich Kleist so wenig dazu wie Jahrzehnte später Friedrich Nietzsche, der Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts – nachdem er seine Professur in Basel niedergelegt hatte – den Plan hegte, in Naumburg als Landmann leben und am Haus seiner Mutter Franziska einen „epikureischen Garten“ anlegen zu wollen. Dass Kleist ebenso scheitern musste wie Nietzsche, lässt sich auch mit dem Hinweis erklären, dass beide zwar leicht zu begeistern waren, ihre Projekte aber eher naiv angingen. Die melodramatische Behauptung Kleists in einem Brief an Wilhelmine von Zenge vom 20. Mai 1802: „Ich werde wahrscheinlicher Weise niemals in mein Vaterland zurückkehren“, erwies sich als Illusion. Das Unternehmen war für die Verlobte freilich zu unwägbar, um ihm nach Thun zu folgen.
Kleists erstes Drama erschien in der Schweiz
Immerhin erschien sein erstes Drama „Die Familie Schroffenstein“, wenn auch anonym, 1803 im Verlag von Heinrich Gessner in Zürich und Bern. Gemessen an seinem Debüt trat der Dichter Kleist formal in der Schweiz ins Licht der Öffentlichkeit. Die Familie Gessner war für ihn in der Schweiz ein ebenso Bezugspunkt wie der Schriftstellerkollege Heinrich Zschokke.
Als Domizil wählte Kleist im Februar 1802 Thun, im Mai 1802 das „Thuner Inseli“. In Thun entstanden auch Teile des im Oktober 1803 vernichteten Dramas „Robert Guiskard“. Von seinem Dasein in der Stadt sind wir, das ist wenig genug, allein durch Kleist unterrichtet. Auf der Aare-Insel besorgte ihm eine junge Frau den Haushalt, die „Mädeli“ geheißen haben soll. In einem Brief von dort behauptet Kleist, an einem Sonntag, derweil die Aufwärterin in der Kirche war, das Schreckhorn bestiegen zu haben. Ein, wie nicht nur Bergsteiger wissen, ganz unmögliches Unterfangen. So abenteuerlich wie der gesamte Aufenthalt, den Robert Walser – auch er ein unglücklicher Nachfahre Heinrich von Kleist – im Jahr 1927 in einem Kleist-Essay einen „verhältnismäßig kecken Plan nannte, der notwendigerweise misslingen musste“.
Auffällig ist für die beiden Herausgeber, dass die „Poesie der Schweizer Landschaft“ in den Briefen Kleists nur sehr fragmentarisch erscheint. Konsultiert man auch sein Werk dahin, wie in ihm Landschaft dargestellt ist, so zeigt sich, dass er beileibe kein Landschaftsschilderer gewesen ist. Da ist es gleich, ob Kleist, wie in „Erdbeben von Chili“, exotische Gegenden oder, wie in „Michael Kohlhaas“, die ihm bekannte mitteldeutsche Region beschreibt. Auch Kleists Äußerungen über „seine neue Lebenswelt bleiben bemerkenswert unspezifisch“.
Die Welt verlor einen Bauern und gewann einen Dichter
Ein Thema wie „Kleist in der Schweiz“ ist nolens volens abstrakt. Dennoch haben sich die Autoren des Begleitheftes zur Thuner Ausstellung viel Mühe gegeben, diese zu illustrieren. Um Heinrich von Kleists Schweizer Aufenthalt mit Bildern zu veranschaulichen, ist eine Serie von Fotors des „Thuner Inseli“ von Christian Helmle zu sehen. Beeindruckend wirkt noch im Buch ein Panorama von Thun. Das von Marquard Wocher gefertigte Rundgemälde aus dem Jahr 1814 ist das älteste erhaltene seiner Art und zeigt die Stadt so, wie sie auch der preußische Auswanderer und Landmann Kleist, sofern er ein Auge für sie hatte, sehen konnte.
Sicher, der Welt ging mit Heinrich von Kleist ein Bauer in der Schweiz verloren, aber sie gewann einen deutschen Dichter, der nichts weniger als die literarische Moderne begründete. Es ist auch ein Glück, dass dem Thema „Kleist in der Schweiz“, das wohl Theodor Zolling zuletzt im Jahr 1882 in einer Monografie behandelt hat, 2011 eine Ausstellung gewidmet wurde und in diese in der vorliegenden und schön gestalteten Publikation dokumentiert ist.
„Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden“. Heinrich von Kleist in der Schweiz. Hrsg. von Philipp Burkard und Anett Lütteken. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 91 S., br., 9,90 Euro.
