
- Heirich von Treitschke - unbekannt
Heinrich von Treitschke (1834- 1896) war im deutschen Kaiserreich der populärste und wirkungsmächtiste Historiker, der die Geschichtskultur des jungen Nationalstaats maßgeblich prägte. Dabei führte er eine hemmungslose Verquickung von Wissenschat und Politik durch. Seine Begeisterung für den preußischen Machtstaat und den deutschen Nationalismus entfremdete ihn ebenso vom Liberalismus wie von Innovationen in seiner Zunft. Als Negativfolie für methodische und inhaltliche Neuansätze hat sein Werk in der Geschichtswissenschaft aber die Zeiten überdauert.
Treitschkes Werdegang als Historiker und Politiker
Treitschke stammte aus einer sächsischen Beamten- und Offiziersfamilie. Er studierte Geschichte, Nationalökonomie und Staatswissenschaften in Bonn, Leipzig, Tübingen und Freiburg. Nach seiner Habilitation 1858 wurde er 1863 zum Professor für Staatswissenschaften an die Universität Freiburg berufen, 1866 als ordentlicher Professur für Geschichte und Politik nach Kiel und 1867 nach Heidelberg. 1873 erhielt Treitschke als Nachfolger Leopold von Rankes den renommierten Lehrstuhl für Geschichte an der Friedrich Wilhelms Universität Berlin. Treitschkes hauptsächliches Arbeitsgebiet war die neuzeitliche Politikgeschichte, der er, wie Jacob Burckhardt spottete, einen „preußisch- siegesdeutschen Anstrich“ verpasste. Besonders große Breitenwirkung erzielte dieses tendenziöse Geschichtsbild durch die Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert (5 Bde., 1879-94) und seine Vorlesungen über Politik (posthum veröffentlicht 1897-98).
Geschichtsschreibung und politisches Engagement gingen bei Treitschke Hand in Hand. 1858 wurde er Redakteur der Preußischen Jahrbücher, das damals wichtigste Sprachrohr für politische und zeitgeschichtliche Debatten. Treitschke verstand es, diese publizistische Schlüsselposition in seinem Sinne auszunutzen. Politisch tendierte Treitschke zunehmend nach rechts. 1871- 1884 war der Geschichtsprofessor Mitglied des Reichstags. 1879 trat er aus der Nationalliberalen Partei aus, die seiner Meinung nach nicht vorbehaltlos den konservativen Kurs Bismarcks unterstützte.
Liberalismus und Nationalismus
Als Liberaler setzte sich Treitschke für einen modernen Verfassungsstaat und die konstitutionelle Monarchie ein. Das politische System Großbritanniens hielt er für vorbildlich. Im preußischen Verfassungskonflikt (1862-66) schlug er sich auf die Seite des Parlaments, ohne allerdings den Sturz der Monarchie zu wollen. Gleichzeitig war Treitschke jedoch ein glühender Nationalist. Anders als Linksliberale und Demokraten, wollte Treitschke die nationale Einheit nicht gegen, sondern durch den preußischen Machtstaat erwirken.
Schon in seiner „liberalen Phase“ zur Zeit des Deutschen Bundes zeigte sich Treitschke von „Preußens deutscher Mission“ überzeugt. Eine Reichsgründung „von unten“ wie in der Revolution 1848/49 oder im Deutschen Nationalverein gefordert, hielt er für einen gefährlichen Irrweg. Den Partikularismus der Klein- und Mittelstaaten verurteilte er scharf. Eine großdeutsche Lösung unter der Führung Österreichs werde keinen tragfähigen Einheitsstaat hervorbringen. Allein Preußen könne den Kern eines zukünftigen Nationalstaats bilden. Dabei war Treitschke als gebürtiger Sachse ein „Wahlpreuße“, weshalb er beim Rest seiner Familie auf Unverständnis stieß. Im Krieg von 1866 stand Sachsen auf der Seite Österreichs. Durch die Einigungskriege (1864, 66, 70-71) sah sich Treitschke dann aber in seinem Politik- und Geschichtsverständnis bestätigt, und viele Liberale folgten ihm nun darin, der Einheit die Priorität vor der Freiheit zuzubilligen.
Die Borussische Schule
Heinrich von Treitschke gilt als einer der Hauptrepräsentanten der Borussischen Schule und des Historismus. Preußen spielte in seinem Geschichtsbild die Hauptrolle. Der Föderalismus des Alten Reiches habe seit dem Dreißigjährigen Krieg zu Zwietracht im Inneren und Schwäche nach Außen geführt. Erst Preußens Aufstieg habe Deutschlands nationalstaatliche Einigung ermöglicht. Diese Entwicklung verbuchte Treitschke nicht auf das Konto der Aufklärung, des Liberalismus oder der Nationalbewegung, sondern schrieb sie dem Genius großer Staatsmänner wie Freiherr von Stein und Otto von Bismarck zu.
Verteidigung des Historismus
Schon in seiner Promotions- und Habilitationsschrift verteidigte Treitschke das Primat der hohen Politik in der Geschichtsschreibung gegen gesellschaftswissenschaftliche Ansätze eines Robert von Mohl, Lorenz von Stein oder Wilhelm Heinrich Riehl. Nicht, wie häufig behauptet, weil er wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen für irrelevant hielt (Er hatte in Wirtschafts- und Staatswissenschaften promoviert, nicht etwa in Geschichte!), sondern weil er eine idealistische Staatsethik propagierte. Treitschke überhöhte den Staat in Anlehnung an Hegel zur Verkörperung der höchsten Individualität und trat utilitaristischen Vertragstheorien entgegen, denen der Staat nur Mittel zum Zweck der individuellen Freiheitssicherung sei. Es gehe nicht um Freiheit vom Staat, sondern um Freiheit im Staat. Die Geschichtswissenschaft müsse staatliches Handeln in eigenem Recht untersuchen, nicht als abhängige Größe von gesellschaftlichen Faktoren. Treitschke vertrat allerdings einen Historismus ohne das Objektivitätsideal Rankes. Seine Parteilichkeit im Sinne des preußisch- kleindeutschen Obrigkeitsstaats spricht aus seinen politischen ebenso wie aus seinen geschichtswissenschaftlichen Studien.
Der Berliner Antisemitismusstreit
Nach der Reichsgründung entwickelte sich Treitschke zum wortgewaltigen Polterer gegen innere und äußere Feinde des Bismarckschen Nationalstaats. In einem Artikel der Preußischen Jahrbücher machte er 1879 die Juden als eine Bedrohung aus. Er gestand der jungen antisemitischen Bewegung einen berechtigten Kern zu und käute einige ihrer Stereotypen wieder. Den Juden warf er vor, sich nicht genügend an die Mehrheitsgesellschaft zu assimilieren und Deutschland kulturell zu überfremden. In demselben Artikel prägte Treitschke den von den Nazis ausgeschlachteten Propagandaslogan „Die Juden sind unser Unglück“. Er hatte diese Aussage allerdings nicht als seine eigene Meinung formuliert, sondern sie anderen in den Mund gelegt.
Der Artikel löste eine kontroverse Debatte in den Medien aus, die bis 1881 andauerte. Während Treitschkes Antisemitismus bei seinem studentischen Publikum auf begeisterte Resonanz stieß, erntete er von namhaften jüdischen und protestantischen Bildungsbürgern scharfe Kritik. Theodor Mommsen warf seinem Berufskollegen vor, die Werte von Aufklärung und Liberalismus zu verraten und das Katheder für Propagandazwecke zu missbrauchen.
Abkehr vom Liberalismus
Generationen von Historikern haben sich mit Treitschkes Wandlung vom Liberalen zum konservativen Nationalisten befasst, eine Wandlung, die häufig als pars pro toto für den Niedergang des Liberalismus im Kaiserreich angeführt wird. Jüngere Studien haben dagegen darauf hingewiesen, dass es in Treitschkes politischer Biographie auch einige Kontinuitäten gibt. Erstens bewegte sich Treitschke schon von Beginn an auf dem rechten Flügel des Liberalismus. Das Erlebnis der Barrikadenkämpfe 1848/49 in Dresden löste in ihm eine tiefe Revolutionsfurcht aus. Dem Politikverständnis der breiten Volksmassen misstraute er. Der Schritt zur Begrüßung der Macht- und Realpolitik Bismarcks war, auch bedingt durch Treitschkes Nationalismus, nicht groß. Zweitens hat Treitschke manche Grundpositionen des Liberalismus gar nicht aufgegeben: Grundsätzlich trat er für Verfassungsstaat und Parlamentarismus (trotz Parteienschelte und Ablehnung des allgemeinen Wahlrechts) ein und verteidigte die Wirtschaft gegen sozialpolitische Eingriffe des Staates und gegen (katheder)sozialistische Experimente. Selbst in der Forderung nach der integrationalistischen Assimilation der Juden vertrat Treitschke, trotz seiner antisemitischen Tiraden, eine Position der Liberalen.
Fazit
Treitschke war ohne Zweifel ein radikaler Nationalist, der insbesondere in seiner Spätphase von Schreibtisch und Katheder aus Feldzüge gegen innere und äußere „Reichsfeinde“ initiierte. Als brillanter Stilist und Rhetoriker übte er einen verheerenden Einfluss auf die Studentenschaft und somit auf die Bildungseliten in Wilhelminismus und Weimarer Republik aus. Die Verherrlichung bedenkenloser Machtpolitik einhergehend mit der Verachtung für demokratische Institutionen durchzog seine Werke und Vorlesungen. Den Nationalsozialisten wirkte Treitschke, obwohl sie sich durchaus auf ihn beriefen, allerdings eher veraltet. Die Staatszentrierung in seinem Denken trennte Treitschke von völkischen Weltanschauungen wie sie bereits seit den 1890er Jahren in Umlauf waren. Trotz seiner rassistischen und antisemitischen Ausfälle, kreiste sein Werk um den Staat als Akteur in Geschichte und Gegenwart, nicht aber um Volk oder Rasse.
Literatur
Bußmann, Walter, Treitschke. Sein Welt- und Geschichtsbild, Göttingen (2.Aufl.) 1981.
Iggers, Georg, Heinrich von Treitschke, in: Hans- Ulrich Wehler (Hg.), Deutsche Historiker, Bd.2, Göttingen 1971, S. 66-80.
Langer, Ulrich, Heinrich von Treitschke. Politische Biographie eines deutschen Nationalisten, Düsseldorf 1998.
Wyrwa, Ulrich, Genese und Entfaltung antisemitischer Motive in Heinrich von Treitschkes Deutscher Geschichte im 19. Jahrhundert, in: Werner Bergmann/ Ulrich Sieg (Hg.): Antisemitische Geschichtsbilder, Essen 2009, S. 83-101.
Zechner, Johannes, Heinrich von Treitschkes Antisemitismus und die deutsche Geschichtswissenschaft, in: Heinrich Böll Stiftung (Hg.), Gedächtnispolitik – Eine kritische Zwischenbilanz, Berlin 2003, S. 94-113.
