
- Joe Abercrombie: Heldenklingen - Heyne
Joe Abercrombie ist zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt: Mit „Heldenklingen“ ist er wieder bei den rauen Nordmännern mit den klingenden Namen wie Schwarzer Dow, Hundsmann oder Eisenkopf gelandet. Bei den Kriegern mit harter Schale und weichem Kern ist Abercrombie in seinem Element – Leser des Fantasy-Romans dürfen sich auf eine fesselnde Geschichte freuen, die über knapp 900 Seiten geht und in sich abgeschlossen ist.
„Heldenklingen“ von Joe Abercrombie – Schlacht um die Helden
Im Original trägt „Heldenklingen“ den Titel „The Heroes“. Zum einen spielt er auf das Brecht-Zitat „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ an, zum anderen hat es einen klaren inhaltlichen Bezug. Denn bei den Helden handelt es sich um einen kreisförmig aufgestellte Felsen auf einem Hügel im Tal von Osrung. Strategisch hat das Tal nur eine geringe Bedeutung, es liegt lediglich an der Straße nach Carleon, der Hauptstadt der Nordmänner. Doch beide Seiten, Union und Nordmänner, suchen die Entscheidung im lang andauernden Krieg. – und prallen hier aufeinander. Die Helden bilden den Schlüssel zum Tal, wer sie besetzt hält, hat einen immensen taktischen Vorteil und ist allenfalls unter großen Verlusten von dort zu vertreiben. Und so beginnt die dreitägige Schlacht mit einem kleinen Scharmützel um die Helden zwischen alten Freunden …
Starker Fantasy-Roman von Joe Abercrombie
Joe Abercrombie schildert diese Schlacht auf allen Ebenen. Vom Befehlshaber bis hin zum einfachen Meldereiter, vom Veteranen bis zum neuen Rekruten – Abercrombie zeigt, wie viel der Ausgang eines Krieges vom Zufall, Glück und richtigem Timing abhängt. Befehlshaber können kaum den Überblick behalten, Befehle erreichen nicht ihre Empfänger, Animositäten zwischen Offizieren verhindern, dass sie sich gegenseitig unterstützen und im entscheidenden Moment mischen sich Politiker ein. Allerdings sind beide Seiten von diesen Schwierigkeiten geplagt, sodass weder Nordmänner noch Union entscheidend Kapital aus den Problemen der anderen Seite schlagen können.
Zur besseren Übersicht auf die strategische Situation im Tal greift Abercrombie erstmals auf eine Karte zurück. Sie verdeutlicht, wo welche Einheiten zu Beginn eines Tages lagern und wer ihnen gegenüber steht. Das klingt zwar stark nach einem Buch zur Militärgeschichte, in dem eine Schlacht analysiert wird. Doch die Schilderung der Kämpfe nimmt nur einen Bruchteil der knapp 900 Seiten ein. Vielmehr stehen die Konflikte zwischen einzelnen Personen, ihre Träume und Erlebnisse im Mittelpunkt.
Die Hoffnung stirbt auch in „Heldenklingen“ zuletzt
Dass eine der Botschaften von „Heldenklingen“ ist, dass es keine reinen Helden gibt, dürfte Leser von Joe Abercrombie nicht überraschen. Auch dass keine der Figuren im Fantasy-Roman durch und durch sympathisch ist, sind Leser des britischen Autors gewohnt. Die Charaktere haben alle ihre Stärken und Schwächen, der selbstgerechte Bremer dan Gorst genauso wie der aller Illusionen beraubte Caul Espe und die ehrgeizige Finree dan Brock, Tochter des Lord Marschals Kroy. Doch wie immer gibt es bei Abercrombie am Ende – bei allem Zynismus – auch ein wenig Hoffnung. Denn selbst die vom Autor so geliebten Schimpfwörter können durchaus einen positiven Klang haben. Übersetzerin Kirsten Borchardt dürfte schon Routine darin haben, aus dem englischen Wort mit „F“ das deutsche mit „Sch“ zu machen.
Der Kampf zwischen Bayaz, dem ersten der Magi, und seinen gurkhisischen Kontrahenten ist mit „Heldenklingen“ noch nicht beendet. Wie er weitergeht, erfahren Leser in den kommenden Jahren, denn Abercrombie wird noch mindestens vier Bücher schreiben, die in der Welt der Klingen-Romane spielen.
Joe Abercrombie: Heldenklingen. Heyne 2011. Broschiertes Taschenbuch, 896 Seiten. Euro 16 (Österreich 16,50).
