
- Gasometer in Berlin - ?AFIK ? BERLIN
"Klartext in der Krise" sollte die Sendung "Günther Jauch" vom 23. Oktober 2011 aus dem Gasometer in Berlin liefern und bot mit Altkanzler Helmut Schmidt vor allem einen klarsichtigen und eloquenten Studiogast, den man in den letzten Wochen zwar suchen und erwarten, jedoch nicht finden konnte.
Und den geforderten Klartext ließ der 92-Jährige sich dann auch schon in seinem ersten Statement nicht nehmen und kritisierte das zögerliche Vorgehen der derzeitigen Regierungen der Europäischen Union: Es wäre sehr viel Zeit vertan worden, betonte er. Seit beinahe zwei Jahren wäre relativ wenig geschehen ohne zureichende Ergebnisse. Die Krise sei jedoch keine deutsche, sondern eine gesamteuropäische Krise und man müsse den Menschen erklären, warum dieses Europa so wichtig ist.
Europa muss gemeinschaftlich handeln
Man müsse die jetzige Schulden- und Bankenkrise gemeinschaftlich in den Griff bekommen, da die Gefahr eines von Griechenland ausgehenden Dominoeffektes bestehe. In Bezug auf Griechenland hätte man den Fehler gemacht, dieses Land in die europäische Währungsunion aufzunehmen. Die Aufnahme in die EU wäre jedoch richtig gewesen. Die Gefahr einer großen Inflation des Euros bestehe derzeit jedoch nicht – dafür jedoch die, dass vor allem die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland, aber auch in anderen Ländern massiv ansteigen könne.
In Zeiten einer Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit könne durchaus auch mal ein Staat eine Zeit mit Schuldenaufnahme überbrücken. Schmidt betonte in diesem Zusammenhang jedoch, dass diese Schulden auch einmal zurückgezahlt werden müssten. 60 Jahre nach dem Krieg würden viele Staaten es immer noch vermeiden, Schulden aus Nachkriegszeiten zurückzuzahlen. Ein Punkt, den auch Peer Steinbrück aufgriff, hier aber euphemistisch die Bemühungen Deutschland betonte, wenigstens keine neuen Schulden mehr aufzunehmen.
Bedeutung der Demokratie nicht überschätzen
Ein wenig überraschend waren dann seine Äußerungen zum Thema Demokratie, besonders mit Bezug auf China. Man dürfe die Bedeutung der Demokratie nicht überschätzen.
"Wir müssen uns nicht einbilden, dass unsere Art, sich demokratisch zu regieren, ein weltweites Ideal ist." Chinas wirtschaftlicher Aufschwung sei so groß, dass es keinen Chinesen gebe, dem es derzeit nicht besser ginge als jemals vorher. Jeder solle das Recht haben, nach seiner Fasson glücklich zu werden. Eine 4000 Jahre alte Tradition müsse respektiert werden. Er fände den chinesischen Kommunismus einigermaßen erfolgreich, er möchte diesen in Deutschland und seinen Nachbarstaaten jedoch nicht einführen. Wir hätten aber nicht die Pflicht, China beizubringen, wie man demokratisch regiert.
So schüchtern er gelegentlich neben seinem großen Idol während der Sendung auch wirkte, ließ es sich Steinbrück nicht nehmen, diesen Punkt zu ergänzen und die Bedeutung der Bewältigung der Schuldenkrise für das europäische Modell zu betonen. Auch wenn er es für falsch halte, die Demokratie als sinnstiftend in andere Staaten zu tragen, ständen alle Errungenschaften wie Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Sozialstaat und unabhängige Gerichte derzeit global auf dem Prüfstand. "Wir befinden uns in einer Art Konkurrenzmuster zwischen sehr unterschiedlichen Modellen. Wir Europäer sollten ein Interesse daran haben, dieses europäische Modell attraktiv zu erhalten."
Steinbrück als Kanzlerkandidat
Auf die Frage nach einer Kanzlerkandidatur wollte sich Steinbrück jedoch nicht weiter äußern, auch wenn Helmut Schmidt seinem Schachfreund diese zutraut: "Er ist einer von denen, die wissen, worüber sie reden", lobte er ihn. Angesprochen auf eine Mitschuld der SPD an der jetzigen Krise wirkte Steinbrück jedoch wieder recht sprachlos, eine Zurückhaltung, die aber eventuell allein dem großen Respekt geschuldet war, den er seinem Vorbild und Fürsprecher Schmidt entgegen bringt.
Auf mögliche noch vorhandene Ziele in seinen Leben angesprochen antwortete dieser große Mann der Politik übrigens sehr menschlich, sein größtes Ziel hätte er erreicht, er wäre älter geworden als Konrad Adenauer. Und auf die Frage, wie man eine solche Vitalität in einem so hohen Alter erreiche, antwortete er schmunzelnd: "Man muss ständig gearbeitet haben. Und vor allem braucht man Zigaretten."
Quelle: - "Günther Jauch", Live Talk-Show in der ARD vom 23. Oktober 2011
- "Günther Jauch", Live-Talk-Show in der ARD vom 16. Oktober 2011
