
- Hemningway: 49 Depeschen - rororo
Ernest Hemingway zieht 1939 nach Kuba, um intensiv an seinem Spanien-Epos "For Whom the Bell Tolls" zu arbeiten. Vorerst in einem verwahrlosten Hotelzimmer, im Frühjahr 1940 findet er östlich von Havanna das Anwesen seiner Träume: "La Finca Vigía". Er bezieht es mit Martha Gellhorn, die nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Pauline Pfeiffer (November 1940) noch im selben Monat die dritte Mrs. Hemingway wird.
"Wem die Stunde schlägt"
Über ein Jahr hatte Hemingway an "Wem die Stunde schlägt" gearbeitet, und die Erleichterung nach Beendigung lässt ihn scheinbar nicht sehen, dass die Welt in Flammen steht. Er widmet sich den Bars in Havanna, dem Fischen und schreibt ausführliche Briefe und Erklärungen an seine Verleger Charles Scribner und Maxwell Perkins in New York. Dort macht man sich ernsthaft Sorgen, ob sich ein opulentes Werk, welches sich mit einem bereits vergessenen Krieg beschäftigt, verkauft. Hemingway beschwichtigt und sollte Recht behalten. "Wem die Stunde schlägt" wird ein kommerzieller Erfolg, und bereits im Januar 1941 werden die Filmrechte für 100.000 Dollar an Paramount verkauft. Hemingway hat ausgesorgt und triumphiert, suhlt sich in Selbstgefälligkeit.
Hemingway: Selbstzufriedenheit und Selbstzerstörung
In der Bar Bodeguita del Medio in Havanna stellt der Schriftsteller Rekorde im Genießen unzähliger Daiquiris und Mojitos auf, kümmert sich nicht um aktuelle Ereignisse, genießt das sorgenfreie Leben eines erfolgreichen Autors. Für seine Frau ist das nichts. Martha Gellhorn ist Berichterstatterin mit Leib und Seele, und einen kleinen Sieg der weiblichen Überredungskunst kann sie davontragen. 1941 begibt sich das Paar auf ihre Initiative nach Ostasien, beide wie in spanischen Zeiten mit Korrespondentenverträgen ausgestattet, und beide berichten vom Chinesisch-Japanischen Krieg. Der Konflikt bleibt Hemingway fremd und seine arbeitsame, emanzipierte Frau wird ihm fremd. Hemingway kehrt nach Kuba zurück, seine Frau informiert weiter von den Auseinandersetzungen der Welt, besucht ihren Mann von Zeit zu Zeit; findet zumeist einen trinkenden, polternden Hemingway, eitel und prahlerisch.
U-Boot Jagd
Mit dem Kriegseintritt Amerikas im Dezember 1941 wird Hemingways Situation unangenehm. Der Treibstoff auf Kuba wird rationiert, Hemingway fürchtet um die Hochseetrips mit seinem Fischerboot "Pilar" (benannt nach einer Figur aus "Wem die Stunde schlägt"). Also werden kurzerhand deutsche U-Boote gesichtet, die "Pilar" unter Mithilfe der US-Marine mit Bordwaffen ausgestattet und Hemingway und seine Crew sind ab sofort U-Boot Jäger, für die keine Treibstoffrationierung mehr gilt. Es ist kein Wunder, dass es im Golf von Mexiko ab diesem Zeitpunkt keine U-Boot Sichtungen mehr gibt, die Fische allerdings beißen wie nie.
1944: Für Hemingway beginnt der Krieg
Im Frühjahr 1944 ändert sich die Lage. Hemingway hatte über drei Jahre außer einigen lustlosen Depeschen nichts geschrieben, macht sich inzwischen auch Sorgen um seinen Ruf und sieht eine Möglichkeit, seiner Frau, die sich bereits von ihm abgewandt hat, eine Gemeinheit anzutun. Er unterschreibt einen Vertrag bei "Collier’s", ausgerechnet der Zeitschrift, für die auch Martha arbeitet und bekommt als Starkorrespondent natürlich den Platz in der Maschine von New York nach London, während sich Mrs. Hemingway mit einer mehrtägigen Seereise abfinden muss.
Mary Welsh
In England wird die Invasion vorbereitet, Hemingway macht in London so manche Nacht zum Tag, erleidet auch eine Gehirnerschütterung (manche Überlieferungen sprechen von einem Autounfall, andere von einer sehr betrunkenen Geschichte), lernt jedenfalls im Krankenhaus Mary Welsh kennen. Mrs. Welsh tröstet Hemingway, der zwar noch von seiner Frau Martha besucht wird, allerdings ist das Zerwürfnis bereits weit gediehen.
Hemingway am D-Day
Am 6. Juni nimmt Hemingway an der Invasion teil und berichtet, mit wieder neuem Elan in der ihm eigenen Art vom Tag der Invasion: "Der wirkliche Krieg ist anders als auf dem Papier – davon zu schweigen, dass er sich anders liest, als er aussieht. Aber wenn Sie wissen wollen, wie es auf einem Lahndungsprahm zuging, als wir den Strand von Fox Green und Easy Red einnahmen und es D-Day war, der 6. Juni 1944, so kommt dieser Bericht der Wahrheit so nahe, wie ich ihr nahe kommen kann." (siehe Ernest Hemingway: "49 Depeschen")
Vormarsch bis Paris
Erzählungen besagen, dass Hemingway im Laufe der folgenden Kämpfe selbst gefangene Deutsche erschossen haben soll. Dies hat er niemals dementiert und auch in eigenen prahlerischen Briefen ist davon die Rede; man kann allerdings vermuten – auch, da es Kriegsberichterstattern verboten war, selbst an kriegerischen Handlungen teilzunehmen – viel ins Reich des auch selbst gestalteten "Mythos Hemingway" gehört.
Unbestritten ist aber, dass Hemingway einer der Ersten war, die Paris erreichten und die Gelegenheit nützte, die Bar des Hotel Ritz’ persönlich zu befreien, alte Freunde zu besuchen und im Buchladen der von ihm verehrten Silvia Beach vorbei zu sehen. Ernest Hemingway ist auch bei den amerikanischen Truppen, die bei Aachen den Westwall erreichen. Danach kehrt Hemingway nach Kuba zurück.
Hemingway hat also spät, aber doch an den Ereignissen des großen Kriegs teilgenommen, widmet sich aber auf Kuba schnell wieder seinen Vergnügungen. Mary Welsh ist eine geduldigere Frau als Martha Gellhorn, und so war auch "Wem die Stunde schlägt" für lange Zeit der letzte große Output des späteren Nobelpreisträgers. Den großen Roman Hemingways über den zweiten Weltkrieg gibt es also nicht.
"Mach Dir um Gottes Willen keine Sorgen wegen des Krieges oder wegen Deiner oder meiner Rolle in selbigem." Brief an Archibald Mac Leish – 1943
außerdem bei suite101:
Hemingway und der Spanische Bürgerkrieg
