
- Selected Letters 1917-1961 - Verlag
Zeit seines Lebens schrieb Hemingway Briefe an Verwandte und Freunde. Dies nahm Zeit in Anspruch, und ob es seiner Produktivität als Autor dienlich war, darf angezweifelt werden. Allerdings liebte er es, seine Zeit auf diese Art zu "verschwenden", frei vom Zwang, den perfekten Satz, die makellose Kurzgeschichte oder den exorbitanten Roman zu verfassen.
Veröffentlichung der Korrespondenz
In einem Brief an seinen Testamentsvollstrecker verfügt Hemingway 1958, dass sein Briefwechsel nicht an die Öffentlichkeit zu gelangen habe. Die Entscheidung, große Teile der Schriftstücke trotzdem der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird 1979 von Mary Hemingway, ihrem Anwalt und Hemingways letztem Verleger, Charles Scribner jr. getroffen. Lange Diskussionen stehen vor dieser Entscheidung, und die Erträge der Veröffentlichung gehen bis heute an die Ernest Hemingway-Stiftung, die jährlich einen Preis für amerikanische Prosa vergibt.
1981 veröffentlicht dann Carlos Baker, der offizielle Biograf Hemingways, den Band "Ernest Hemingway – Selected Letters 1917-1961" bei Scribner’s. Die deutsche Ausgabe erscheint 1984 bei Rowohlt, allerdings unter Auslassung einiger Briefe.
Die Briefe: Dreistigkeiten und Humor
Wie auch immer, für den Hemingway-Interessierten bergen beide Bücher einen schier unendlichen Schatz an Weisheiten, Indiskretionen unter Freunden und Literaten, politischen Betrachtungen, Privatem und historisch Epochalem. Hemingway gibt seinen Freunden (und auch seinen Gegnern) in seinen Mitteilungen Ratschläge, Belehrungen, Ermunterungen und würzt dies oft mit Humor und Ironie. "Wenn Sie dieser Brief allmählich schrecklich ermüdet, behandeln Sie ihn einfach wie ein schlechtes Buch und blättern Sie weiter." (Brief an Bernard Berenson, Kuba 1952) Auch macht er sich nicht selten über seine eigenen Rechtschreibschwächen lustig, rechtfertigt seine in der Öffentlichkeit breitgetretenen Handlungen und erklärt den jeweiligen Vertrauenspersonen die Entstehung seiner Werke, deutet und rechtfertigt sich auch selbst, zum Beispiel wenn er mit Protagonisten seiner Werke verglichen wird: "Ich bin ein sehr ernsthafter, aber kein feierlicher Schriftsteller, und wenn ich nicht schreibe, mache ich gern Witze. Aber jetzt habe ich endgültig die Nase voll. (…) Bin ich denn Francis Macomber? Bin ich das? Ich weiß sehr genau, dass ich es nicht bin." (Brief an Thomas Bledsoe, Kuba 1951)
Diskussionen, Dialoge und Meinungsaustausch über Jahrzehnte
Die ersten aussagekräftigen Briefe entstehen in den 20-er Jahren des vergangen Jahrhunderts in Paris. Hemingway berichtet vom Leben in der Stadt, ist voller Enthusiasmus angesichts seiner ersten Veröffentlichungen und lässt sowohl die Familie als auch seine Freunde ausgiebig mitfiebern.
"Jedenfalls habe ich jeden Morgen (…) wie der Teufel gearbeitet und jeden Abend gesoffen, und ich habe eine 8 – 12.000-Wörter-Stierkampfgeschichte fertig, die alles, was ich bisher gemacht habe zu Plunder macht …“ (Brief an John Dos Passos, Paris 1925)
In den 30-er Jahren widmet sich Hemingway dem Fischen, der Jagd, dem Trinken, dem Spanischen Bürgerkrieg und dem Organisieren seines Erfolges. Gegenüber Maxwell Perkins, seinem Lektor, der eine umstrittene Geschichte nicht veröffentlichen will, macht er 1938 klare Aussagen und erklärt seine Sicht der Dinge: "Das Buch (Anm.:"The Fifth Column and The First Forty-nine Stories") soll eine endgültige Sammlung aller Geschichten bis heute sein. Ohne "Oben in Michigan" ist es das nicht. Wenn die Geschichte gestrichen wird, verliert es jegliche Bedeutung. Diese Geschichte nimmt in meinem Werk eine wichtige Stelle ein und hat viele Leute beeinflusst. (…) Sie ist nicht schmutzig, sondern traurig. (…) Was meinst Du?"
Hemingway liebt den Meinungsaustausch, sowohl rhetorisch als auch in oft über Monate gehender Korrespondenz. Er geht auf die Argumentation seiner Freunde ein, widerlegt sie oft, lässt sie aber immer gelten. Wer das letzte Wort hat ist allerdings klar.
Mythos Hemingway: kriegerische Prahlereien und sexuelle Übertreibungen
Einen großen Teil der Briefe nimmt immer eine gewisse Selbstdarstellung ein, wohl in dem Wissen, dass viele Details seiner Nachrichten von den Empfängern umgehend weitergetragen werden. So kann man kaum darauf vertrauen, dass alle von ihm selbst verbreiteten Geschichten und Taten der Wahrheit entsprechen. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg versuchte er sich als Helden darzustellen. Unter diesem Aspekt sind auch die in den vergangen Jahren oft zitierten Stellen aus Briefen zu werten, in denen er behauptet, während des Zweiten Weltkriegs mit deutschen Soldaten "kurzen Prozess" gemacht zu haben. Es darf und muss wohl angenommen werden, dass diese Darstellungen der Phantasie entsprungen sind, allein weil derartige Handlungen für einen Kriegsberichterstatter – auch mit Namen Hemingway – umgehend Konsequenzen bedeutet hätten. In anderen Botschaften rühmt sich Hemingway sexueller Abenteuer, die nachweislich erfunden sind, die er in Umlauf bringt und sich über die Gutgläubigkeit der Menschen amüsiert. "Man kann jeden Klatsch erzählen – da bin ich sehr zuverlässig und Schriftsteller sind Lügner."
Hemingway: Prosa und Mensch
Wer also Hemingway "studiert", sich mit dem Autor und Menschen, mit dem Aufschneider und Betrachter Hemingway beschäftigt, der wird nicht umhin kommen, sich mit seinen Briefen auseinander zu setzen, sich den Hemingway abseits der "großen Prosa" genau anzusehen, sich ein eigenes Bild zu machen.
"It is wonderful what good letters people wrote in those days and miserable how poor our own are." Ernest Hemingway über die Korrespondenz des Barons de Marbot
Literatur: Ernest Hemingway: Ausgewählte Briefe 1917 – 1961 / Glücklich wie die Könige. Rowohlt 1984. Gebunden, 638 Seiten. Euro 29,00.
