Henio Zytomirski lebt wieder - nur bei facebook

Der jüdische Junge wurde als kleines Kind im KZ Majdanek ermordet

Henio Zytomirski - facebook.de
Henio Zytomirski - facebook.de
Henios Geburtsdatum ist der 25. März 1933. Das Foto bei facebook zeigt ihn mit sieben Jahren. Viel älter wurde er wohl nicht. Heute hat er schon 2244 Freunde im Internet.

Der kleine Junge auf dem Foto schaut etwas skeptisch, aber doch zuversichtlich in die Kamera. Er trägt ein gut gepflegtes weißes Hemd und karierte Shorts, dazu weiße Söckchen und weiße Schuhe. Das Foto wurde 1939 aufgenommen, kurz vor seiner Einschulung. Wie jedes Jahr vom Fotografen in der polnischen Stadt Lublin. Doch es gibt kein weiteres Foto: Henio und seine Familie wurden erst ins Ghetto und dann ins Konzentrationslager Majdanek in der Nähe von Lublin gebracht. Dort endete ihr Leben vermutlich im Jahre 1942 oder 1943.

Junge Leute wollen das Leben der Großväter verstehen

Seit dem 18. August 2009 steht nun Henios Profil bei facebook und erinnert stellvertretend für Millionen an sein persönliches Schicksal. Zu den 2244 Freunden, die er heute hat, kommen täglich neue hinzu. Die meisten stammen aus Polen, aber es sind auch viele Deutsche, Amerikaner oder Israeli dabei. Henio chattet mit ihnen und gibt kurze Kommentare ab über sein Leben. Und die Besucher geben einfühlsame Grüße an ihn ab. So zum Beispiel Johannes Miething: “Dear Henio! I am german and I never knew my grandfathers. One participated in world war I. When he came back he became an artist and refused later to participate in world war II. The other died in world war II when he came back from russia. His wife, my grandmother, refused to talk about him until she died two years ago. I think that will help to understand the world you and my grandfathers lived in.”

Kein Denkmal, keine Gedenkstätte - aber ein virtuelles Museum

Wir erinnern uns historischer Ereignisse seit Jahrhunderten mit Hilfe von Denkmälern, Museen oder Gedenkstätten. Nun haben junge Menschen etwas Neues hinzugefügt: das virtuelle Museum. Denn ganz wichtig für uns heutige Menschen sind die Zeitzeugen. Nun gibt es vom ersten Weltkrieg, der vor nunmehr 91 Jahren zu Ende ging, wohl niemanden mehr, der Bericht erstatten könnte. Doch auch die Zeitzeugen des zweiten Weltkrieges werden immer weniger. So ist es sehr hilfreich, die Erinnerungen im Internet wachzuhalten.

Das Lubliner Kulturzentrum „Brama Grodzka“ hat schon seit über 18 Jahren das Leben der jüdischen Bevölkerung dokumentiert. Hierhin kam auch eine Verwandte von Henio mit einem Fotoalbum. Die Fotos, die Henios kurzes Leben beschreiben, sind nun digitalisiert und ins Netz gestellt. Der 22jährige Historiker Piotr Brozek, der Mitarbeiter des Kulturzentrums ist, will das neue Medium nutzen, um die Erinnerung wach zu halten. Er selber gehört auch zu dieser Generation, die mit dem Internet groß geworden ist und er hat daher überhaupt keine Berührungsängste. Er möchte auf diese Weise die junge Generation erreichen und auf innovative Weise in die Thematik einführen.

Menschen aus aller Welt schreiben dem toten Kind - und das antwortet

So schreibt ein Mitarbeiter des Zentrums „Brama Grodzka“ am 18. Oktober an den toten Jungen: "Dear Henio, I have never written a letter to a dead person, but I will try. Soon my brother will be eight years old, and it frightens me a little.You had died like many others, and because of what? Because you were Jewish or perhaps because you were Polish? It is necessary to make sure it will never repeat itself. Never again."

Am Donnerstag, den 26. November 2009 berichtet die Frankfurter Rundschau über die facebook-Seite. Am 27. November stellt eine facebook-Nutzerin diesen Artikel auf Henios Seite ein, so dass nun auch die deutschen Besucher eine gute, umfassende Information bekommen können. Auf deutsch.

Gabriele Schreib M.A. - Presse- und Öffentlichkeitsarbeit - frischer Wind vom Hohen Norden Politologin, Redakteurin, Autorin Schreiben, Erlebtes und ...

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