Henning Mankell, Die italienischen Schuhe (Roman)

Frederik Welin ist Arzt, begeht einen Kunstfehler und wirft sein bisheriges Leben über Bord, um als Einsiedler zu leben - bis ihn die Vergangenheit einholt.

Die Geschichte aus dem hohen Norden entführt auf eine kleine einsame Insel in den Schären. Hauptfigur Fredrick Welin ist ein ehemaliger Chirurg. Er war sehr erfolgreich, sehr von sich eingenommen, sehr anspruchsvoll und hatte schließlich sehr viel Pech. Ein Kunstfehler ist ihm unterlaufen und sein übertriebener Stolz als Arzt hat es ihm verboten, sich einfach so mit ein paar Halbwahrheiten aus der Affäre zu ziehen. Er flüchtete aus Scham aus seinem Beruf, ja aus seinem bis dahin so beeindruckendem Leben.

Als Sohn eines erfolglosen kleinen Kellners, einer stets unglücklichen Mutter erwachte im kleinen Frederik schon früh der Ehrgeiz, aus dem ganzen Elend herauszukommen. Er arbeitete hart an seiner Karriere, verließ dafür sogar die Liebe seines Lebens – um dann, in typischer Mankell-Manier – völlig aus der Bahn zu geraten. Er vergräbt sich nach seinem Absturz auf der kleinen Insel seiner Großeltern und lebt dort völlig zurückgezogen mit seinem Hund. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist der Postbote, der sich allerdings über die Wortkargheit des Arztes beschwert.

Besuch aus der Vergangenheit

Eines Tages erwacht Frederik, schaut aus seiner Hütte und entdeckt eine seltsame Gestalt: Eine alte Frau kommt übers Eis auf ihn zu. Es ist seine einstige große Liebe, Harriet. Mit ihr tritt ein Mensch in sein ruhiges Leben, der fordert, unbequeme Wahrheiten anspricht und seine Hilfe braucht. Reagiert er anfangs hilflos, verärgert, gibt er Harriets Wünschen nach Aktivitäten doch nach und wird am Ende dafür belohnt – Harriet stellt ihm seine Tochter vor, die bereits erwachsen ist, aber ein so unkonventionelles Leben führt, dass sie ihm Bewunderung abringt. Mit ihr hat auch der Titel „Die italienischen Schuhe“ zu tun.

Vergangenheit hat Zukunft

Frederik hat mit seinem alten Leben abgeschlossen, glaubt er. Doch so einfach kann man seine Biografie nicht abstreifen, zeigt diese Geschichte. Das Leben eines Menschen ist eine Aneinanderreihung von Begebenheiten, Erlebnissen und Erfahrungen, die einander bedingen. Das alte Leben Frederiks schwappt in sein neues Leben hinein, untrennbar mit ihm verbunden, nicht abzuschütteln wie Wassertropfen. Als Frederik das erkennt, will er die Verantwortung für seinen einstigen Kunstfehler übernehmen und macht sich auf die Suche nach seinem „Opfer“. Vergebung findet er dort nicht, aber doch eine Annäherung.

Philosophisches Angebot

Ein Happyend im gängigen Sinn erwartet man hier vergeblich. Vielmehr bietet der Roman, der lange auf verschiedenen Bestsellerlisten zu finden war, einen Anstoß über den Umgang mit schwierigen Lebenssituationen nachzudenken. Die Sprache ist locker und leicht – das Thema tiefgründig und schwer – der Lesegenuss philosophisch und gut.

Henning Mankell, Die italienischen Schuhe. DTV

CJ, Jon

Christina Jonke - Geboren in Villach, Kindheit in Napplach im Mölltal und Triest, lebt jetzt in Klagenfurt. Nach VS und AHS, Lehre zur ...

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