Henning Mankell und sein Wallander-Roman: »Der Feind im Schatten«

Titel: »Der Feind im Schatten« von Henning Mankell - akg images
Titel: »Der Feind im Schatten« von Henning Mankell - akg images
Wallander ist nicht mehr! Henning Mankell hat den definitiv letzten Roman um den zerrissenen schwedischen Kommissar geschrieben: »Der Feind im Schatten«

Beinahe ist man versucht zu schreiben: Es musste ja so kommen! Es musste ja so kommen, dass Henning Mankell seiner Erzählung »Wallanders erster Fall« einen letzten Fall würde folgen lassen. Verblüffend daran ist nur zweierlei: »Wallanders erster Fall« war der neunte in der Serie. Und es ist viel Zeit vergangen seit diesem Werk: acht Jahre!

Mankell spricht im Interview davon, dass er einerseits mehr über Wallander selbst schreiben wollte. Andererseits suchte er nach einer Idee, Wallanders Leben mit einem Fall zu verknüpfen. Was sich dann im Roman so leicht liest, ist hohe schriftstellerische Webkunst!

Der Inhalt von „Der Feind im Schatten“

Wallander fällt aus allen Wolken: Am Strand von Mossby, der für beide so viel bedeutet, eröffnet ihm seine Tochter Linda, dass sie schwanger ist. Hans von Enke heißt der Vater, ein offensichtlich erfolgreicher Finanzmakler aus adligem Haus, dessen Vater Håkan von Enke an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag Wallander zur Seite nimmt und von einer Geschichte aus den achtziger Jahren berichtet. Damals musste der ehemalige Korvettenkapitän von Enke wider besseres Wissen und gegen alle objektiven Einsichten einem Befehl folgen und ein U-Boot entkommen lassen, das in die schwedischen Hoheitsgewässer eingedrungen war. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, es war die Zeit Olof Palmes, es war die Zeit angeblicher schwedischer Neutralität. Kurz nach dem Geburtstag verschwindet Håkan von Enke beim Morgenspaziergang, und neben einem Waldpfad wird eine tote Frau gefunden. Der Fall kommt ins Rollen.

»Feind im Schatten« von Henning Mankell: komplex oder langweilig?

Wie gesagt: Das ist hohe Webkunst, wie Mankell das Spielfeld ausbreitet und dann seine Figuren positioniert. Wie er sie, zögerlich fast, ins Spiel bringt. Wie er sie charakterisiert, genauer: sich selbst charakterisieren lässt durch Handlung. Nicht der Autor beschreibt die handelnden Personen: sie tun es selbst.

Die Natur hingegen kann das nicht, und so greift der Autor Mankell immer dann ein, wenn es um die Beschreibung der Landschaft geht. Vielleicht ist das sein Kunstgriff, mit denen Mankell den Romanen um den mittlerweile sechzigjährigen Wallander die Atmosphäre einhaucht, die noch nie so stark von Reflexion seines Protagonisten geprägt war wie in »Der Feind im Schatten«. Und an dieser Stelle muss der Leser, muss jede Rezension sich entscheiden: Ist das nun gepflegte Langeweile, was Mankell mit Wallander anstellt, oder ist sein Schreiben Kunst, die ankämpft gegen die Unsitte des Thrills um jeden Preis? Schreibt Mankell old-fashioned, gar behäbig? Oder treibt er mit allen Verzögerungen, die zur Verfügung stehen, die Spannung Richtung Höhepunkt?

»Der Feind im Schatten«: zwischen Larmoyanz und Melancholie

Die Frage ist nicht fair, denn ihre Antwort ist abhängig vom persönlichen Geschmack. Wer Hochgeschwindigkeitsautoren mag, wird Mankells Stil vielleicht nicht viel abgewinnen können. Wer im Kino eher Jason Statham bewundert in „Transporter“ statt Clint Eastwood in „Gran Torino“, dem wird „Der Feind im Schatten“ eher reizlos vorkommen. „Der Feind im Schatten“ ist Sonatenhauptsatzform mit verstörenden Elementen von im zwölftönigen Krebsgang daherkommenden Rückblenden statt Rap, statt Hip-hop-Gestammel. Aber ist es auch „gut“?

Mankell lässt Kommissar Wallander Resümee ziehen. Immer wieder blickt Wallander zurück. Immer wieder streift ihn die Erinnerung, und immer wieder wird dadurch der Plot gebremst. Die ‚Rückblende‘ ist ein schlechtes Stilmittel, sagen die Großmeister der Kunst – wenn es um Spannungsromane geht: Sie treibt die Handlung nicht voran, sie gönnt dem Leser eine nur schwer zu rechtfertigende Atempause, sie ist (zumeist) Kennzeichen des Anfängers. In der „Feind im Schatten“ erfüllen die gleich Metastasen sich hineindrängenden Rückblenden und Erinnerungen Wallanders zwei Funktionen.

Erstens halten sie natürlich die Handlung auf. Sie verzögern. Im Spannungsroman wie auch in der Liebeskunst ist Verzögern gewünscht – aber will man immer wieder zurück auf Null oder kurz nach Null? Mankell, so darf vermutet werden, ist ein viel zu gewiefter Schriftsteller, als dass er nicht spürte oder sogar wüsste, welch schmalen Grat seine Rückblenden gehen: Sie stecken voll der Gefahr zu langweilen. All die Erinnerungen an alte Fälle, alte Begegnungen, vergangene Gespräche, nein, sie müssen eine zweite Funktion erfüllen, sonst dürfte man Mankell hochgradiges Versäumnis unterstellen!

»Der Feind im Schatten«: kein Höhepunkt, aber ein Ende

Die Rückblenden kann man nicht trennen vom Ende des Romans. Das Ende eines Romans ist aber nicht sein Höhepunkt: Im Höhepunkt löst sich das Rätsel – mit seinem Ende aber blickt der Roman in die Zukunft. Und der Leser fragt sich, wie es weitergehen könnte. „Der Feind im Schatten“ ist definitiv Wallanders letzter Fall. Wallander, so darf man sagen, ohne zu viel zu verraten, zieht sich zurück. Genauer: Er entzieht sich. Und somit erhalten die Rückblenden eine neue Bewertung: Die Figur des Kurt Wallander hat seinen Autor und die Leserinnen und Leser zwanzig Jahre gefesselt. Mankell sagt, dass er erst nach dem vierten der Romane gemerkt habe, ein Instrument gefunden zu haben, auf dem er länger spielen könne. Noch einmal hat das Instrument nun zeigen dürfen, wozu es fähig war. Doch jetzt wird es zurück in seinen Kasten gelegt, nie wieder wird auf ihm gespielt werden können.

Drei Dinge haben sie gemeinsam, die Figur und ihr Autor: das Alter, die Liebe zur italienischen Oper und dass sie hart arbeiten. Wallander gibt es nicht mehr. Für den Autor bleibt zu hoffen, dass er, Henning Mankell, in Zukunft nicht wird von Rückblenden allein zehren müssen.

Henning Mankell: Der Feind im Schatten, Roman • Roman Zsolnay, 592 Seiten, ISBN: 978-3-552-05496-7, Euro 26,00 [D]

Johannes Flörsch, Johannes Flörsch

Johannes Flörsch - Johannes Flörsch (Jahrgang 1956): Nach einer Bankkaufmannslehre, nach dem Studium der klassischen Gitarre am Konservatorium ...

rss