
- Grau ist bunt - von Henning Scherf - Christa Kaddar
Den Lebensabend im Süden verbringen, Sonne, Sand und Meer genießen, Essen gehen, sorglos sein – davon träumen viele Menschen schon in jüngeren Jahren und, wenn das Geld reicht, verwirklichen sie es manchmal im Alter. Henning Scherf bezeichnet ein solches Leben als „das Elend des Alters“. Er hatte alte Menschen in Miami Beach in Florida beobachtet, Menschen die noch fit waren und keiner Pflege bedurften. „Sie führten in meinen Augen ein bedauernswertes Leben, ohne eine Struktur, ohne eine Rolle, die ihnen zugedacht war“, schreibt er. „Ein Leben bei dem sie sich nicht einbringen, nicht ihre Geschichte erzählen, sich nicht verbünden konnten.“
Ein solcher Ruhestand erscheint ihm so wenig erstrebenswert wie das abwartende „Sich-Versorgen-Lassen“ in Altenheimen von Menschen, die noch aktiv sein könnten, kämen sie nur auf die Idee beziehungsweise würde man sie kreativ einbinden. Er ist überzeugt, dass Trostlosigkeit und Vereinsamung im Alter sich nur vermeiden lassen, wenn Jüngere und Ältere einen neuen Generationenvertrag schließen und sich aufeinander einlassen.
In funktionierenden Nachbarschaften kann man beruhigt alt werden
Henning Scherf, der mit seiner Frau und einer Wahlfamilie von weiteren acht Personen in einer Hausgemeinschaft in Bremen lebt, plädiert in seinem Buch für lebendige, herkunfts- und generationengemischte Nachbarschaft. Ein behutsames Quartiersmanagement hält er für wichtig. „In funktionierenden, eng mit einander verzahnten Nachbarschaften kann man beruhigt alt werden.“ Wer dauerhaft auf Hilfe und Pflege angewiesen ist, braucht allerdings Verbindlichkeit. Scherf schreibt über Wohnformen, in denen Menschen sich gegenseitig stützen: Generationengemischte Hausgemeinschaften, Alten-Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenfamilien, die regelmäßig oder bei Bedarf durch professionelle Hilfe unterstützt und entlastet werden.
Er hat sich schon in „jungen Jahren“, als die Kinder aus dem Haus waren, für die Hausgemeinschaft entschieden. Er und seine Mitbewohner mussten nicht alt werden, bis sie die ersten beiden Pflegefälle in ihren Reihen zu bewältigen hatten – und sie haben sie innerhalb der Hausgemeinschaft bewältigt und daraus Kraft und Zuversicht für zukünftige Herausforderungen geschöpft.
Henning Scherf preist bunte Dörfer, wo sich die Alten selbst verwalten
Henning Scherf steht der Rundumbetreuung in Seniorenheimen sehr kritisch gegenüber. Er will Hilfe zur Selbsthilfe, will die rüstigen Senioren in die Küchen- und Gartenarbeit in den Heimen einbinden oder sie animieren, ihre Enkel zu sich ins Heim kommen zu lassen, um Ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Für die weniger rüstigen Alten will er die Angehörigen einbinden, feste Aufgaben zu festen Zeiten zu übernehmen. Noch besser gefällt ihm, was Alexander Künzel, Vorstand der Bremer Heimstiftung, macht: Er baut keine Heime, sondern Dörfer. In Bremen gibt es bereits mehrere solcher Dörfer, in denen rüstige und pflegebedürftige Alte und auch junge Familien mit Kindern leben.
Die Dörfer haben verkehrsberuhigte Straßen, ein Café, ein Kiosk und sind von außen nicht als spezielles „Pflegedorf“ zu erkennen. Alles ist so vorgeplant, dass auch pflegebedürftige Menschen in ihrer Wohnung bleiben können und Pflegefachkräfte sich um sie kümmern. „In solchen bunten Dörfern als Pflegekraft zu arbeiten, ist selbstverständlich viel attraktiver als in einer konventionellen Einrichtung, in der das Personal von Zimmer zu Zimmer hetzen muss“, schreibt Henning Scherf. Die Dörfer sind selbstverwaltet, die Alten kümmern sich um gute Nachbarschaft, organisieren Konzerte, Lesungen und Ausstellungen. „Letztlich ist der Betrieb eines Dorfes nicht teurer als ein konventionelles Pflegeheim. Es ist aber lebenswerter.“
Die Alten bleiben aktiv mit Ehrenämtern und kreativer Freizeitgestaltung
Nachdem Henning Scherf aus der Politik ausgeschieden ist, hat er Zeit für andere Aufgaben. Er ist unter anderem „Lesebotschafter“ in einer Grundschule, ist Präsident des Deutschen Chorverbands und Vorsitzender des Vereins Pan y Arte als Nachfolger von Dietmar Schönherr. Nach 50 Jahren Pause hat er wieder angefangen im Chor zu singen, hat Orgelspielen gelernt, malt mit einer Gruppe im Bremer Bürgerpark und geht vielfältigen sportlichen Aktivitäten nach. „Man darf das Thema Freizeitgestaltung im Alter nicht gering schätzen“, schreibt Scherf. „Es geht im Leben nicht nur darum, etwas für andere zu tun – man muss und soll auch etwas für sich selbst tun: sich etwas Gutes tun, nachdem man jahrelang getan hat, was getan werden musste.“
In seinem Buch gibt Scherf viele Anregungen für die Gestaltung des persönlichen Lebens im Alter und auch für eine andere Richtung in der Sozialpolitik. Er spricht die positiven Aspekte des Älterwerden genauso an wie die sensiblen und gebrechlichen Seiten bis hin zur Palliativmedizin, Sterbebegleitung und Sterbehilfe, ohne die Schreckenszenarien anderer Autoren und Medien aufzufrischen. Sein Buch ist anregend und lebendig geschrieben – es macht beinahe Lust aufs Älterwerden.
Henning Scherf: Grau ist bunt – Was im Alter möglich ist. Herder 2. Auflage 2009. Taschenbuch, 188 Seiten. Euro 9,95.
