Henri Cartier-Bresson: Photographie und Zen

Cartier-Bresson auf dem Jahrmarkt - Foto: unbekannt
Cartier-Bresson auf dem Jahrmarkt - Foto: unbekannt
Der französische Photograph Henri Cartier-Bresson (1908-2004) fand in der fernöstlichen Lehre des Zen eine Inspiration für seine Arbeit mit der Kamera

Mitte der sechziger Jahre entdeckte Cartier-Bresson das Buch von Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens und machte es zur Grundlage seiner photographischen Arbeit. Vorher hatte er gern den Ausdruck des "photographischen Schusses" gebraucht. Dieser stammt von einer Attraktion auf den Jahrmärkten seit 1920. Dort konnte ein Schütze, wenn er die Mitte der Zielscheibe traf, einen Mechanismus auslösen, der ihn photographierte (siehe Bild). Sicher in Erinnerung an diese Attraktion verwendete er diesen Ausdruck, um seinen photographischen Ansatz in den dreißiger Jahren zu beschreiben. "Ich liebe es, Photos zu schießen. (...) Das ist wie auf der Jagd. Manche Jäger sind Vegetarier, das entspricht meiner Beziehung zur Photographie." Durch seine Erfahrung des Krieges und das Buch von Herrigel änderte sich seine Haltung.

Was kann eine fernöstliche Geisteshaltung mit dem Vorgang des Photographierens zu tun haben? Die Antwort liegt in der Ähnlichkeit der Ausführung: der Bogenschütze, der sein Ziel anvisiert und der Photograph, der ein Bild von seinem Sujet schießt. So einfach ist das jedoch nicht. Beide Male ist vielmehr entscheidend, was in dem Akteur vorgeht, welches geistige Verhältnis er zu seinem Gegenüber einnimmt. Es wird offenbar, dass es nicht darum gehen kann, den äußeren Gegenstand zu "treffen", in seine Gewalt zu bekommen, sondern dass es wichtig ist, eine Verwandlung in dem Handelnden selbst auszulösen.

Das Bogenschießen und der photographische Schuss

Zen ist keine Religion und streng genommen keine Lehre, sondern eine Lebenspraxis, die eine bewusste Wahrnehmung des Augenblicks und eine umfassende Achtsamkeit zum Ziel hat. Die Übung des Zen besteht darin, das selbst bezogene Denken sowie die Ausgerichtetheit auf Ziele und Zwecke zu überwinden. Erst dann ist man in der Lage, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, und nicht wie das Bewusstsein sie vorspiegelt. Es geht darum, sich den Dingen zu öffnen, sie auf sich wirken zu lassen und sich selbst in ihren Zusammenhang einzufügen, anstatt sie von einer, prinzipiell ungeklärten, eigenen Willensstruktur zu konstruieren.

Dieser geistigen Übung dient das Bogenschießen: durch die Konzentration auf den eigenen Atem wird im Schützen eine Leere erzeugt, die bewirkt, dass Schütze, Bogen und Ziel eine Einheit werden. Ist diese erreicht, löst der Schuss sich von selbst, niemals durch einen willentlichen Akt des Schützen. Im Übrigen ist es egal, ob das Zentrum der Zielscheibe getroffen wird. Es geht um keinen Wettkampf, keine Leistungssteigerung. Die Meisterschaft besteht im Erreichen der Leere, der Einheit von Subjekt und Objekt, von Schützen und Universum.

In dem Buch von Herrigel, besonders in seiner Beschreibung des Satori, findet Cartier-Bresson eine Beschreibung der Konzentration, die dem Zustand, während er photographiert, erstaunlich ähnlich ist: sich selbst vergessen und in diesem Loslassen mit hellwachen Sinnen erfassen, was sich ihm darbietet. Nicht der Fotograf konstituiert das Foto, durch eine konzeptuelle Idee oder Inspiration, sondern er begibt sich in einen Zustand der Leere, der Selbstauslöschung, die aber nichts Negatives bedeutet. Durch die Ausschaltung der Reflexion, des bewussten Wollens, nähert er sich, in dem Maße wie er als Subjekt kleiner wird, dem anvisierten Objekt so weit an, dass Cartier-Bresson paradoxerweise behaupten kann, nicht er selbst, sondern der Gegenstand habe den Schuss ausgelöst.

Der entscheidende Augenblick

Man muss es sich so vorstellen, dass Cartier-Bresson auf seinen endlosen Spaziergängen wo immer er auch war - und er war überall, in Mexiko, China, Indien, Russland, Afrika – sich selbst in diesen Zustand einer hochkonzentrierten Leere hineinbegeben hat, die sich ihm darbietende Situation so lange umkreiste, um "sich dem Sujet mit Wolfsschritten zu nähern (...) Auf Samtpfoten, aber mit scharfen Blick. Kein Wirbel, man schlägt nicht aufs Wasser, wenn man angelt." Ganz und gar unauffällig, das Sujet darf nicht beeinflusst werden und das aufgenommene Photo wird auch anschließend nicht verändert.

Dass seine Photographien dennoch eine enorme kompositorische Strenge aufweisen, liegt neben seiner Liebe zur Geometrie an der jahrelangen Übung des Blicks. Ebenso wie Herrigel berichtet, er habe drei Jahre gebraucht, um den ersten vollkommenen Schuss auszulösen, weist Cartier-Bresson darauf hin, dass das Sehen-können, das Erlernen des Blicks, einen langen Prozess des Übens voraussetzt. So gibt es auch bei ihm keinerlei Nachbearbeitungen seiner Photos, ebenso wie der Zen-Künstler nach einer Zeit der versenkenden Konzentration mit ein paar Strichen sein Bild malt und nichts daran ändert - die Natur korrigiert sich nicht.

Das alles hat nichts mit der Vorstellung von Intuition oder Inspiration zu tun, die vor dem photographischen Akt liegt. Das würde immer noch eine idealistische Konzeption des subjektiven Erschaffens von Wirklichkeit bedeuten. Diese kunstlose Kunst zeigt sich in den Fotos von Cartier-Bresson selbst: Keine Vorbereitungen, keine Konzeption, kein Thema. Was sich später auf den Fotos zeigt, sind Situationen, die nicht vom Künstler geschaffen wurden, so wie man ein interessantes Porträt oder eine eindrucksvolle Landschaft arrangiert, nichts was der Künstler hinzugefügt oder formal gestaltet hätte, schon gar keine Aussage oder Interpretation.

Es geht Cartier-Bresson immer auch um die ethische Haltung des Photographen. Das Objekt wird nicht angerührt, nicht manipuliert, die Diskretion ist ihm wichtig. Er versucht das Gesehene im Augenblick festzuhalten, ohne dass die photographierte Person auf seine Anwesenheit reagiert. Er lehnt Inszenierungen oder Posen ab, verachtet alles Spektakuläre, um das Sujet seiner Würde des Authentischen nicht zu berauben.

Quellen:

Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens. Scherz Verlag, Bern, München, Wien 1984. Gebunden, 94 Seiten

Jean-Pierre Montier: Henri Cartier-Bresson. Seine Kunst, sein Leben. Schirmer/Mosel Verlag, München 2002. Gebunden, 328 Seiten, 289 Duotone-Abbildungen, 10 Farbtafeln

Pierre Assouline: Henri Cartier-Bresson. Das Auge des Jahrhunderts. Steidl-Verlag, Göttingen 2003. Gebunden, 368 Seiten