Henri-Clément Sanson - seines Zeichens Henker

Der letzte der berühmten Pariser Henkersdynastie

Das Arbeitsgerät der Sasons  - Rike / pixelio.de
Das Arbeitsgerät der Sasons - Rike / pixelio.de
Henri-Clément Sanson schrieb seine Memoiren und die seiner Familie nieder. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass aus einstigen Edelleuten Henker wurden.

"Nicht ohne Widerstreben verzichte ich darauf, den Helm des Edelmannes von dem blutigen Rost zu reinigen, der allen Augen das wahrhafte Wappenschild der 'Herren von Paris' verhüllt hat", soll Henri Sanson gesagt haben, als er begann seine Memoiren und die seiner Familie nieder zu schreiben.

Am 18. März 1848, als er müde und erschöpft von einem langen Spaziergang nach Hause kam, empfing ihn sein Diener am Torgitter. Er übergab ihm einen Brief. Henri Sanson löste das ihm vertraute Amtssiegel und erwartete einen jener Befehle, dem zu gehorchen sein trauriges Amt war. Doch ihm wurde kein weiterer Befehl, eine Exekution durchzuführen, aufgetragen, Henri Sanson hielt seine Entlassung als Henker in den Händen. Er ging mit dem Brief zu seiner alten Mutter und legte ihr den Bescheid in den Schoß. "Gesegnet sei dieser Tag, mein Sohn!", soll sie gesagt haben. "Er macht dich frei von einer langen und blutigen Erbschaft deiner Väter und Vorfahren. Du bist der letzte Spross deines Geschlechts. Dem Himmel sei Dank!, er hat dir nur Töchter gegeben".

Eine unehrenhafte Amtszeit geht zu Ende

Damit endete die 159 Jahre lange "Amtszeit" der Familie Sanson als Henker von Paris. Bereits am nächsten Tag stritten sich achtzehn Bewerber um das blutige Amt. Ihre Bittschriften waren mit den höchsten Empfehlungen versehen und wurden in den ministeriellen Vorzimmern mit Aufmerksamkeit gelesen. Henri Sanson verkaufte das Anwesen seiner Vorfahren, zog an einem geheim gehaltenen Ort unter anderem Namen und machte sich daran "Die Tagebücher der Henker von Paris" zu schreiben. Es sollte so etwas wie ein Testament der Todesstrafe werden. Geschrieben vom letzten Henker einer der größten Scharfrichterdynastien.

Aus einstigen Edelleuten werden Henker

Die Anfänge der Familie Sanson gehen zurück auf das 15. Jahrhundert, wo sie sich in der Picardie in der Stadt Abbeville niederließ und in der Geschichte dieser Stadt einen ehrenvollen Platz einnahm. Ein Mitglied der Familie diente Heinrich IV. in den von ihm geführten Kriegen. Als er lange genug seinen Dienst geleistet hatte, kehrte er in seine Geburtsstadt zurück und starb dort hoch geachtet und verehrt am 31. Mai 1593. Sein Enkel, Nicolas Sanson, wurde 1600 geboren und war der Erfinder und Vater der neueren Kartographie und geschätzt bei Kardinal Richelieu. Der allmächtige Minister holte den tüchtigen Mann nach Paris.

Charles-Louis Sanson de Longval (1635 - 1707), Sohn des Nicolas Sanson, war Leutnant im Regiment de la Boissiére. Als er eines Tages mit seinen Freunden beim Trinken und Kartenspielen saß, betrat ein Fremder das Wirtshaus. Dieser prophezeite ihm, sein adeliger Freund neben ihn würde eines Tages durch seine Hand sterben. Charles Sanson sollte den Fremden noch einmal begegnen: Dann nämlich, als er bei einem Unwetter vom Pferd stürzte und sich verletzt zu einem nahe gelegenen Gehöft schleppte. Es war das des Henkers, jenes Fremden im Wirtshaus. Die Tochter des Henkers pflegte den Leutnant gesund. Charles Sanson verliebte sich in die schöne junge Frau. Als diese ungeheuere Schande Monsieur de la Boissiére erreichte, wurde er promt aus dem Regiment entlassen.

Leutnant Sanson de Longval verliebt sich in die Henkerstochter

Meister Pierre Jouanne, der Vater der schönen Marguerite und seines Zeichens Henker, hatte Charles Sanson gewarnt und verbot ihm, das Grundstück jemals wieder zu betreten. Es nützte nichts, der junge Leutnant traf sich heimlich weiter mit Marguerite. Das Ende als Edelmann war damit besiegelt und der Anfang als 'Unehrenhafter' gemacht, in einer Zeit, wo die Ständeordnung einen sehr wichtigen Platz in der Gesellschaft einnahm. Was also blieb dem Edelmann übrig? Er beugte sich seinem Schicksal und sagte zu seinem künftigen Schwiegervater: "Wenn ich ohne Scham die Tochter des Henkers verführt habe, könne ich meinen Fehler nur dadurch wiedergutmachen, indem ich selbst Henker werde".

Die Herren von Paris

Die Sansons wirkten von 1685 bis 1847. Während dieser langen Zeit vollzogen sie Abertausende von Hinrichtungen. Der berühmteste Sanson war Charles-Henri (1739 - 1806). Er wurde im Jahr 1778 offizieller Henker von Paris und als "der" Scharfrichter der Französischen Revolution bekannt. Bekannt ist er auch unter der Bezeichnung "Monsieur de Paris". Schenkt man den Memoiren Glauben, war er ein recht gebildeter und musisch begabter Mann.

Während seiner Amtszeit wurde die Guillotine eingeführt und unter seiner Aufsicht an die 3.000 Enthauptungen durchgeführt. Die prominenteste Hinrichtung dürfte die König Ludwigs XVI. gewesen sein. Obgleich Charles-Henri Sanson ein Anhänger der Monarchie war, musste er Hand an den König legen. Es heißt, er habe sich anfangs dagegen gesträubt. Weitere prominente Personen der Französischen Revolution, die unter seiner Ägide guillotiniert wurden, waren Marie- Antoinette, Maximilian de Robespierre, Georges Danton, Camille Desmoulins, Antoine des Saint-Just.

Es wird berichtet, die Sansons achteten stets darauf, dass die Verurteilten nicht unnötig zu leiden hatten. Fiel das Todesurteil besonders grausam aus, erdrosselten sie das Opfer vorher heimlich, ohne dass die Anwesenden dies bemerkten. Ihr Familiengrab befindet sich auf dem Friedhof Montmatre in Paris. Es heißt, ein Unbekannter stelle regelmäßig frische Blumen auf das Grab. Bis auf den heutigen Tag soll dies geschehen.

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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