Henry van der Velde: Vordenker der Moderne

Hauptgebäude  Bauhaus-Universität  Weimar  - Bauhaus-Universität
Hauptgebäude Bauhaus-Universität Weimar - Bauhaus-Universität
Der „Alleskönner" Henry van der Velde gehörte zu den wichtigsten Vertretern des Jugendstils in Europa und war ein Vordenker der Moderne.

Henry van de Velde war als Architekt und Designer ein Vorkämpfer des Jugendstils und der Moderne.

Das Leben des Henry van de Velde

Henry Clement van de Velde kam am 3. April 1863 als Sohn eines Apothekers in Antwerpen zur Welt. Von 1880 bis 1884 studierte er an den Kunstakademien in Antwerpen und Paris und widmete sich danach der Malerei. Seit 1888 war er Mitglied in der Avantgardegruppe „Les Vingt“ in Brüssel. Um 1892 gab er die Malerei auf und wandte sich zunächst dem Kunstgewerbe zu. Am 30. April 1894 heirate er Maria Sèthe. In diesem Jahr veröffentlichte er mit „Déblaiement d’art“ die erste seiner theoretischen Schriften.

1895 wurde er erstmals als Architekt tätig und entwarf sein eigenes Wohnhaus „Bloemenwerf“, das in Uccle bei Brüssel entstand. Es folgten auch Bauaufträge aus Deutschland und er zog nach Berlin. 1901 wurde er zum Berater des Großherzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach berufen. Van de Velde ließ sich in Weimar nieder. Hier begründete er das Kunstgewerbliche Seminar, dessen erster Leiter er war. Und schuf für diese Einrichtung das Gebäude. Daneben führte er zahlreiche Bauaufträge aus.

Seit 1900 arbeitete Henry van de Velde mit Karl Ernst Osthaus, dem Gründer des Folkwang-Museums, eng zusammen. Er gestaltete die Ausstattung des Hauses im Jugendstil und beriet Osthaus bei Ankäufen von belgischen und französischen Kunstwerken.

1914 gab er seine Stellung in Weimar auf und empfahl Walter Gropius für seine Nachfolge. 1917 zog er in die Schweiz. Ab 1920 wirkte er als Hausarchitekt für die Eheleute Krölller-Müller in Den Haag.

1925 erhielt Henry van de Velde einen Ruf als Professor für Architektur an die die Universität Gent und gründete 1926 die Designhochschule Ecole Nationale Supérieure des Arts Visuels „La Cambre“ in Brüssel. Weiterhin realisierte er zahlreiche Bauten in Belgien und Deutschland.

1937 trat er in den Ruhestand. Doch baute weiter u. a. das Kröller-Müller-Museum in Otterlo bei Arnheim und die belgischen Bungalows für die Weltausstellungen in Paris und New York in den Jahren 1937 bzw. 1939.

1943 starb seine Gattin Maria Sèthe. Henry van de Velde zog sich ins Privatleben zurück. In Belgien wurde er wegen seiner Zusammenarbeit mit der deutschen Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg angefeindet. So zog er 1947 wieder in die Schweiz und verfasste seine Memoiren. Am 26. Oktober 1957 starb er in Zürich.

Das Werk von Henry van de Velde

Henry van de Velde war einer der wichtigsten und vielseitigsten Vertreter des Jugendstils / Art Nouveau. Er stieß die fundamentale Erneuerung der angewandten Kunst am Ende des 19.Jahrhunderts mit an und wurde als Prophet des Übergangs vom ausgelaugten Historismus zum Neuen Stil in ganz Europa gefeiert. Für ihn war die Linie das zentrale Ausdrucksmittel. Dabei ließ er die Grenzen zwischen Kunst und Kunsthandwerk einfach Grenzen sein und gestaltete in allen Lebensräumen: Bauten, Räume, Kleidung, Schmuck, Keramik, Leuchten und Möbel. Sein Credo: Die Gestalt eines Gegenstands ist umso vollkommener, je mehr sie seinem Zweck entspreche. So wurde der Protagonist des Jugendstils auch zum Vorreiter der modernen Sachlichkeit.

In Weimar gründetet van de Velde die Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule. 1904 begannen die Planungen. 1911 war das von ihm entworfene Schulgebäude fertig. Die 1915 geschlossene Schule entwickelte sich ab 1920 unter der Leitung von Walter Gropius zum Bauhaus Weimar.

Henry van de Velde war Mitglied im 1907 gegründeten Deutschen Werkbund. Mit Anna Muthesius und Paul Schultze-Naumburg entwarf er auch „Reformkleidung“ für Frauen. Mit seinen Formen belebte Henry van de Velde über viele Jahre mit neuen Formen das Töpferhandwerk in der thüringischen Töpferstadt Bürgel. Das wahrscheinlich bekannteste Logo aus der Feder von Henry van de Velde dürfte das Signet der belgischen Staatsbahnen NMBS/SNCB sein.

Bauwerke von Henry van de Velde

  • 1895: „Bloemenwerf“, eigenes Wohnhaus in Uccle bei Brüssel
  • 1900 bis 1902: Innenausbau des Folkwangmuseums in Hagen (Westfalen)
  • 1902 bis 1903, „Villa Esche“ in Chemnitz als Wohnhaus für den Fabrikanten Herbert Esche
  • 1903 bis 1905: Innenausstattung für das Sanatorium in Trzebiechów bei Zielona Góra
  • 1903: „Nietzsche-Archiv“ in Weimar
  • 1904: Sommerhaus für Emil Possehl an der Strandpromenade in Travemünde
  • 1906 bis 1907: Clubhaus des Chemnitzer Lawn-Tennis-Club in Chemnitz, das nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochen wurde
  • 1906 bis 1909: Kunstgewerbeschule in Weimar
  • 1907 bis 1908: „Hohenhof“ als Wohnhaus für Karl Ernst Osthaus in Hagen (Westfalen)
  • 1907 bis 1908: „Haus Hohe Pappeln“ als eigenes Wohnhaus in Weimar
  • 1908 bis 1909: Umgestaltung von „Schloss Lauterbach“ bei Neukirchen/Pleiße für Arnold Esche
  • 1910 Villa Springmann in Hagen (Westfalen)
  • 1909 bis 1911: Ernst-Abbe-Denkmal in Jena mit Werken der Bildhauer Max Klinger und Constantin Meunier
  • 1911: Erweiterung der Villa Esche in Chemnitz
  • 1912 bis 1913: Palais des Grafen Dürckheim in Weimar
  • 1913 bis 1914: Werkbund-Theater der Kölner Werkbundausstellung
  • 1913 bis 1914: „Haus Schulenburg“ in Gera als Wohnhaus für den Fabrikanten Paul Schulenburg
  • 1913 bis 1914: Wohnhaus für den Fabrikanten Theo Koerner in Chemnitz
  • 1929 bis 1931: Altersheim der Minna-James-Heineman-Stiftung in Hannover
  • 1932 bis 1936: Bücherturm der Universitätsbibliothek und das Institut für Archäologie der Universität Gent
  • 1936 bis 1942: Schulbau in Leuven / Louvain (Löwen in Belgien), heute als Stadtbibliothek Tweebronnen genutzt

Literatur über Henry van de Velde

  1. Thomas Föhl: Henry van de Velde: Architekt und Designer des Jugendstils. Weimarer Verlagsgesellschaft, Weimar 2010, ISBN 978-3-939964-02-5
  2. Birgit Schulte (Hrsg.) Van de Velde: „… für den neuen Stil kämpfen …“. Henry van de Veldes Beitrag zum Start in die Moderne vor 100 Jahren. Mit Beiträgen von Manfred Osthaus, Ulrike Büttner, Steven Jacobs, Alexandre Kostka, Rainer Stamm, Birgit Schulte, Doreen Helms, Priska Schmückle von Minckwitz, Tilo Richter, Sabine A. Teubner-Treese. Neuer Folkwang Verlag im Karl Ernst Osthaus-Museum Hagen 2003, ISBN 3-926242-53-1
  3. A.M. Hammacher, Die Welt Henry van de Veldes. Aus dem Niederländischen übersetzt von Karl Jacobs, DuMont Schauberg Köln 1967

Quellen

  1. Alleskünstler: Das Van-de-Velde-Jahr 2013 in Thüringen
  2. Archinform
  3. Projekt „Werkverzeichnis Henry van de Velde“ der Klassik-Stiftung Weimar
  4. "Gesellschaft zur Pflege und Erhaltung des Werkes von Henry van de Velde in Polen
  5. Europäischen Vereinigung der Freunde Henry van de Veldes e.V.
  6. Villa Esche
  7. Haus Schulenburg
  8. Henry van den Velde Gesellschaft Sachsen e.V.
  9. Stad Leuven

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der Weimar GmbH