Nur per Wasserflugzeug oder Boot zu Henry's Restaurant

Mit dem Wasserflugzeug über die 30000 Inseln - Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Mit dem Wasserflugzeug über die 30000 Inseln - Monika Fuchs, TravelWorldOnline
Ein Mittagessen besonderer Art: Henry's Fischrestaurant in der Georgian Bay am Lake Huron in Ontario erreicht man nur per Boot oder Wasserflugzeug.

Erstaunlich jung ist er, der Pilot des Wasserflugzeugs von Georgian Bay Airways, der seine Passagiere am Anlegesteg in Parry Sound erwartet: Er stellt sich als James Ferguson vor und erklärt: "Schaut Euch erst ein wenig um. Wir müssen das Flugzeug noch auftanken, bevor wir abfliegen können." Grund dafür sei, so teilt er mit, dass Steve als zweiter Pilot mit fliegen wird. Steve soll sich mit der Flugroute zu Henry's Restaurant vertraut machen, einem Fischrestaurant, das auf einer der äußeren Inseln im Archipel der 30.000 Inseln in der Georgian Bay liegt.

Auf etwas wackeligen Beinen laufen die Passagiere über den Anlegesteg des kleinen Flugunternehmens in Parry Sound, das während der Sommermonate regelmäßige Flüge zum Mittag- und Abendessen in diesem Fischrestaurant anbietet, dessen Gäste nur über den Luft- oder Wasserweg anreisen können. Straßen gibt es nicht in diesem Wirrwarr großer und kleiner Inseln, aus denen die Thirty Thousand Islands bestehen, die in der Südostecke des Lake Huron eine sehenswerte Schärenlandschaft bilden. Die Inspektion des kleinen Wasserflugzeugs zeigt, dass der Innenraum des Fluggeräts sehr eng ist. "Hier sollen vier Personen hinein passen?" fragt einer. Und tatsächlich, es klappt, wenn jeder seinem Nachbarn auch sehr nahe rückt. Berührungsängste darf man allerdings nicht haben.

Per Wasserflugzeug zum Fischessen in Henry's Restaurant

Die Motoren werden angeworfen, das kleine Wasserflugzeug legt vom Steg ab und pflügt sich seinen Weg durch den Hafen von Parry Sound, bis es eine freie Startbahn vor sich hat. Dann wird es plötzlich laut, als die Motoren auf volle Schubkraft hoch getrieben werden, und das Flugzeug immer schneller über die winzigen Wellen in der Bucht dahin gleitet. Links passiert es die bewaldete Halbinsel, die sich schützend vor die Hafen Einfahrt von Parry Sound schiebt, während rechts die Häuser der Stadt immer schneller vorbei flitzen.

Und dann hebt das Wasserflugzeug ab: Ein Start, den die Passagiere kaum bemerken, denn schon haben sie ihre Fotoapparate und Videokameras gezückt, um die beeindruckende und wilde Landschaft unter sich auf Film zu bannen: Jetzt, in der zweiten Septemberhälfte, beginnen sich die Laubwälder unter ihnen bunt zu färben, und der Indian Summer überzieht das Land mit leuchtenden Farben. Zwischen dem intensiv strahlenden Rot des Ahorns und des Essigbaums leuchten goldene Zitterpappeln und Birken und noch nicht herbstlich verfärbte Baumwipfel im sommerlichen Grün.

Dazwischen tauchen immer wieder Seen und Teiche auf, die so gar nicht zu europäischen Vorstellungen von diesen Gewässern passen wollen: Ihre Ufer verschwinden im dichten Bewuchs, und aus der Luft kann man gut erkennen, dass viele von ihnen schon bis ins Zentrum hinein zu verlanden beginnen - ein Phänomen, das in diesen geographischen Breiten Ontarios typisch ist. Schließt sich die Pflanzendecke über der Wasseroberfläche, entwickelt sich der See langsam zum Torfmoor.

Bald darauf steuert James Ferguson sein Flugzeug auf eine winzige Insel am äußersten Rand des Inselarchipels zu, auf der einige Gebäude zu erkennen sind. Nach einer sanften Landung, lässt er das Flugzeug auf den Anlegesteg zu gleiten, wo er seinen Fluggästen den Weg zu Henry's Fischrestaurant zeigt. "Ich hole Euch hier in zwei Stunden wieder ab", verkündet er und steigt wieder in sein Wasserflugzeug.

Frischer Seefisch in Henry's Fischrestaurant - gegrillt, aber nicht gebraten

Henry's junge Bedienung, die hier während der Sommermonate jobbt, begrüßt ihre Gäste gleich mit der Nachricht, dass keine gebratenen Speisen serviert werden können, weil der Generator im Moment streikt. Aber fangfrischen Fisch gibt es trotzdem: Kann man den doch auch grillen. Dazu werden - wie in Kanada üblich - Krautsalat, Remoulade und Kartoffeln serviert, ein herzhaftes und einfaches Mittagessen also, das jeden Fischer in der Georgian Bay satt macht.

Sportfischer kommen hier im Sommer offensichtlich gern zum Essen her, denn vor den Fenstern des Restaurants erstreckt sich ein Dutzend Anlegestege für Boote in die kleine Bucht hinaus, die zu diesem Zeitpunkt jedoch unbenutzt sind. Die Passagiere des Wasserflugzeugs sind die einzigen Gäste und sie erfahren, dass das Restaurant Ende September - also in wenigen Tagen - geschlossen wird.

"Wo kommt Ihr denn her?" fragt das Mädchen seine Gäste, und als diese ihr erzählen, dass sie aus Deutschland kommen, erzählt sie davon, dass erst letzte Woche Mittagsgäste aus Österreich bei Henry's gegessen hätten. Auf der Terrasse vor Henry's Restaurant können die Gäste nach dem Essen beobachten, wie Sportfischer und Inselbewohner mit ihren kleinen Booten zwischen den umliegenden Inseln hindurch fahren - vielleicht auf der Suche nach besseren Angelgründen oder auch nur auf so profanen Wegen wie zum nächsten Supermarkt in Parry Sound. Wer weiß das schon?

Und als James seine Passagiere zwei Stunden später wieder nach Parry Sound zurück fliegt, sind diese zufrieden und satt nach einem außergewöhnlichen Mittagessen auf einer abgelegenen Insel in der Georgian Bay - einem typisch kanadischen Abenteuer.

Quelle: eigene Recherchen in Ontario mit freundlicher Unterstützung von Georgian Bay Airways

Monika Fuchs, Monika Fuchs

Monika Fuchs - Seit 1989 ist Monika Fuchs ganzjährig auf Reisen in den USA, Kanada, Zentralamerika, Australien, Südafrika, Namibia, Zimbabwe, ...

rss