
- Die Farbenvielfalt des Herbstes. - Maria Warmuth
Im Frühherbst dominieren Rot-, Orange-, Goldgelb- und zarte Brauntöne die Landschaft. Das Chlorophyl (Blattgrün) der Pflanzen wird abgebaut und Carotinoide und Anthocyane färben die Blätter gelb und rot. Die intensiven Sonnenstrahlen des Sommers verlieren sich in mildem sanftem Licht. Die Luftfeuchtigkeit steigt und frische Brisen sind auszumachen. Die frühe Herbstlandschaft ist eine der schönsten, die die Natur zu bieten hat. Eine ideale Zeit zum Wandern und Drachen steigen lassen ist angebrochen – ohne Schweißausbrüche und Kreislaufbeschwerden durch brütende Hitze.
Gedichte zum September
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fließen.
Eduard Mörike (1804–1875; Quelle: Den Mond wollt' ich dir schenken – Poetische Präsente)
Goldene Welt
Im September ist alles aus Gold:
Die Sonne, die durch das Blau hinrollt,
das Stoppelfeld, die Sonnenblume, schläfrig am Zaun,
das Kreuz auf der Kirche, der Apfel am Baum.
Ob er hält? Ob er fällt?
Da wirft ihn geschwind der Wind in die goldene Welt.
Georg Britting (1891–1964)
Mitte Herbst kehrt bald ein
Noch ist Leben in der Natur. Weizen, Roggen und Gerste sind abgeerntet und machen Produkten der Saison wie Kastanien, Äpfel, Birnen, Preisel- und Holunderbeeren Platz.
Der Herbst als Übergang vom Sommer zum Winter ermöglicht etlichen Tierarten wie Igel und Murmeltier Vorbereitungen auf den Winterschlaf ohne Futteraufnahme oder die Winterruhe, die lediglich durch die Nahrungszufuhr samt Darm- und Blasenentleerung kurz unterbrochen wird. Die wechselwarmen Fische ermitteln frostsichere Behausungen. Sie fallen wie Frösche, Insekten oder Eidechsen im Winter in eine Starre, aus der sie im Frühjahr von steigenden Außentemperaturen erwärmt und geweckt werden. Das Wild feiert Brunftzeit und Fledermäuse paaren sich vor dem Winterschlaf.
Zugvögel wie Schwalben, Enten, Störche und mehrere hundert Arten fliegen nach Afrika oder ins Mittelmeergebiet. Im Frühling kehren sie zurück und lassen sich über die Sommermonate in heimischen Gefilden nieder.
Gedichte zum Oktober
Mit dem Oktober mehren sich Kälte, Stürme und Nebel und verdrängen die ersterbende Sonne.
Verklärter Herbst
Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter.
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
das geht in Ruh und Schweigen unter.
Georg Trakl (1887–1914)
Abschiedslied der Zugvögel
Wie war so schön doch Wald und Feld!
Wie ist so traurig jetzt die Welt!
Hin ist die schöne Sommerzeit
und nach der Freude kam das Leid.
Wir wussten nichts von Ungemach,
wir saßen unterm Laubesdach
vergnügt und froh beim Sonnenschein
und sangen in die Welt hinein.
Wir armen Vöglein trauern sehr;
Wir haben keine Heimat mehr.
Wir müssen jetzt von hinnen fliehn
und in die weite Fremde ziehn.
Hoffmann von Fallersleben (1798–1874; Quelle: Kinderlieder von Hoffmann von Fallersleben)
Der trübe Spätherbst ist die Zeit zur Entspannung
Im Spätherbst liegt Abschiedsstimmung in der Luft – von der Wärme der Sonne und vom Aufblühen der Natur, die sich eine Pause gönnt, um Atem für die nächste Hochzeit des Sommers zu schöpfen. Kein hervorbrechendes Leben ist sichtbar. Mit dem November halten abermals konzentriertere Tage, gedämpftes und eingeschränktes Tageslicht, dicke Nebelschwaden, häufige Regenschauer und der erste Schneefall Einzug. Der Lichtmangel und die karge Landschaft drücken aufs Gemüt und bedingen des Öfteren eine geradezu natürliche Melancholie. Der Kreislauf des Lebens mit Werden und Vergehen findet seinen Ausdruck in den Jahreszeiten.
Die Lichtarmut kann allerdings eine saisonal bedingte Depression (SAD) auslösen. Sie plagt jährlich zehn Prozent der Bevölkerung und kann durch täglich zweistündige Bestrahlungen mit speziellen Lampen, die eine Lichtintensität von heißen Sommertagen entwickeln, gelindert werden. Glühbirnen sind hierfür zu schwach. Nebenwirkungen treten selten auf, gelegentlich werden oberflächliche Hautreaktionen beobachtet. Zusätzliche Spaziergänge in freier Natur am Tag unterstützen die Wirkung der Behandlung. In der kalten Jahreszeit sind Solariumbesuche zweifelsfrei eine Wohltat, aufgrund der ultravioletten Strahlung eignen sie sich dennoch nicht zur Lichttherapie.
Gedichte zum November
Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.
Voll Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Hermann Hesse (1877–1962; Quelle: Hermann Hesse Lesebuch)
Im November spielt sich das Leben vorwiegend innerhalb der behaglichen vier Wände ab. Mehr Ruhe kehrt ein, gediegene Interessen können gepflegt werden und für Körper und Seele ist eine Zeit der Erholung angebrochen. Bevor der erste Schnee fällt, sind gesammelte Äste, Blätter und Zweige erstklassiges Ausgangsmaterial für herbstliche Dekorationen, Adventkränze und selbst gestaltete Collagen.
Welkes Blatt
Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.
Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.
Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Laß es still geschehen.
Laß vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.
Hermann Hesse (1877–1962; Quelle: Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – Lebensstufen)
Herbst
Die Blätter fallen,
fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
Sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten
fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen.
Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: Es ist in allen.
Und doch ist Einer,
welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke (1875–1926; Quelle: Wie soll ich leben ohne dich? Worte des Trostes)
