Die Verfassungsdebatte bei Herodot (Historien, III, 80-82) ist die erste überlieferte politische Diskussion in der Geschichte des abendländischen Denkens. Ob es sich hierbei um ein faktisches Ereignis gehandelt hat, ist umstritten, der tatsächliche Verlauf einer derartigen Debatte wird aber durch Herodot selbst innerhalb seines Werkes konsequent betont. Eingebettet ist das Streitgespräch in eine Situation des Umbruchs innerhalb des Perserreiches, die durch des Todes des persischen Königs Kambyses verursacht wurde. Demnach versetzt Herodot seine Verfassungsdebatte in das Jahr 522 vor Christus. Es entstand nach dem Tod des Herrschers eine Art Machtvakuum, in das hinein die Diskussion um die beste Verfassungsart für das Perserreich gestellt wird.
Die Demokratie
Otanes, der erste Redner innerhalb der Verfassungsdebatte, plädiert für eine Volksherrschaft, die nicht mit dem Begriff der Demokratie, sondern mit dem der Isonomie umschrieben ist. Auch wenn der Begriff nicht erscheint, lässt sich erkennen, dass die Demokratie, wie sie durch Otanes vorgestellt wird, die athenische ist, wie sie sich nach 486 v. Chr. repräsentierte. Das heißt; die Ämter wurden durch Los besetzt, wobei alle Amtsträger nach der Ausübung dem Volk rechenschaftspflichtig waren. Alle wichtigen politischen Entscheidungen wurden vom Souverän (dem Volk) beraten und entschieden. Rechtssicherheit und politisches Partizipationsrecht machten die Freiheit aus. Die Demokratie, wie von Otanes verteidigt, stellte für ihn einen Schutz gegen die Tyrannis dar, die unter allen Umständen zu vermeiden sei.
Die Oligarchie
Auch Megabyzos, der zweite Redner, wendet sich entschieden gegen die Tyrannei. Er erblickt auch im Volk die Gefahr der Tyrannei (Tyrannei des Demos). Der einzelne Tyrann, so Megabyzos, sei allerdings der Demokratie überlegen, da er zumindest wisse, was er tut. Deutlich wird hier, worauf Megabyzos, der Verteidiger der Oligarchie im Sinne einer Aristokratie, besonderen Wert legt; er betont die große Bedeutung der Intelligenz und der Bildung für die Politik. Im Volk sieht er dies nicht gewährleistet, so schlägt er vor, eine Versammlung der Besten zu wählen und ihr die politische Gewalt zu übertragen.
Die Monarchie
Der letzte Redner, Dareios, betont die Unvermeidlichkeit der Monarchie. Alle Verfassungsarten, so behauptet Dareios, führen letztendlich zur Monarchie. Gegen die Oligarchie bringt er hervor, dass die an ihr Teilhabenden stets bestrebt seien, ihre Meinungen und Interessen durchzusetzen. Allerdings täten sie das zumindest immer in dem Versuch, gut zu Handeln. Die Kämpfe, die innerhalb einer Demokratie stattfinden, beruhen dagegen auf der Bosheit der Menschen. Da es innerhalb einer Monarchie gegenseitige Kontrolle zwischen Volk und Monarchen gibt, sei sie die beste aller Regierungsformen. Kyros wird von Dareios als der Begründer der persischen Monarchie und als idealer Monarch bezeichnet. Persien wird dank ihm idealisiert und somit sei es nicht notwendig, die ursprüngliche Regierungsform Persiens zu hinterfragen.
Das Ergebnis der Debatte und die Schlussfolgerung hieraus
Aus der Verfassungsdebatte des Herodot geht Dareios als Sieger hervor, und mit ihm siegt die Monarchie über die anderen Verfassungsarten. Das spricht zum einen für den konservativen Charakter des Herodot, erlaubt aber auch die Parallelsetzung der Debatte mit athenischen Diskussionen. Die Untersuchungen ergeben, dass das Entstehen der Passage in Herodots Geschichtswerk in die vierziger Jahre des fünften Jahrhunderts datiert werden können, also in die Zeit des Perikles. Wenn Dareios die Monarchie aus allen Regierungsarten hervorgehen sieht, ist die Bezugnahme auf die Entwicklung in Athen deutlich. Hier wird die Stellung des Perikles umschrieben, der innerhalb der Demokratie zum faktischen Alleinherrscher aufstieg. Die Verfassungsdebatte des Herodot ist demnach eine griechische politische Diskussion, die auf persische Verhältnisse übertragen wurde.
