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Hervé Guibert: "Photographien". Sinnlich, beklemmend, erotisch

Hervé Guibert - Guibert / Schirmer-Mosel
Hervé Guibert - Guibert / Schirmer-Mosel
Der an AIDS verstorbene Hervé Guibert war Schriftsteller und Fotograf. Nun ist ein Bildband erschienen, der eindrucksvoll zeigt: Guiberts Fotos sind Poesie

Der Franzose Hervé Guibert (1955 - 1991) war Schriftsteller, hierzulande wurde er bekannt durch den in seinem Todesjahr im Rowohlt-Verlag erschienenen Roman "Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat", sowie dem Folgeband "Mitleidsprotokoll". Beide Bücher, in denen Guibert den Verlauf seiner Aids-Erkrankung beschreibt, sind nur noch in Antiquariaten oder im Internet erhältlich, unter anderem bei "AbeBooks" oder ZVAB. Nun ist bei "Schirmer/Mosel" ein schönes Buch mit seinen Fotos erschienen.

Schreiben und fotografieren - für Hervé Guibert gehörte das stets untrennbar zusammen

Schreiben und fotografieren - das gehörte für Guibert stets untrennbar zusammen, und da passt es, dass er, der zuvor Fotokritiker war bei "Le Monde", mit 17 Jahren selbst professionell zu fotografieren begann. Es war vielleicht eine Art Hassliebe zu dieser Kunst, die ihn dazu bewegte, denn Guibert sagte einmal selbst: "Ich glaube, was meinen Fall für die Photographie interessant macht, ist lediglich mein Widerstand gegen sie, meine störrische, zögerliche und misstrauische Art, sie zu praktizieren." Die ersten veröffentlichten Fotos zeigen seine Großtanten Suzanne und Louise, Grundlage für einen Fotoroman, der 1980 erschien ("Suzanne et Louise"). Ein Jahr später fand in der renommierten Pariser Galerie "Agathe Gaillard" seine erste große Fotoausstellung statt.

Hervé Guibert und Hans Georg Berger: Eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit zweier Freunde

Aus einer sehr fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem renommierten Fotografen Hans Georg Berger heraus entstanden dann unter anderem die wunderbaren Bildbände "Dialogue d´Images" (Verlag: William Blake & Co. Edit., 1992) sowie 1995 "Lettres d´Égypte" (Verlag: Actes Sud).

Berger bewirtschaftet bis heute auf der Insel Elba das Kloster "Santa Caterina", ein Ort der künstlerischen Begegnung. Guibert ließ sich von diesem Ort inspirieren, schuf dort seine wichtigsten Werke und liegt heute nahe dem Kloster auch begraben.

Guibert-Anhänger kennen seine Sehnsüchte, seine erfüllten und unerfüllten Träume aus seinen zahlreichen Büchern, sein Lebensmotto "Tout dire!" - Alles sagen! - erfährt in seinen Fotos eine Fortführung. Man könnte es auch so sagen: In den Schwarz-Weiß-Abbildungen, die in diesem Buch sind, wechseln sich das Düstere und das Helle in Guiberts Leben ab, und der hat dies durchaus auch so gewollt.

Ein Mensch verfällt und will, dass das öffentlich stattfindet

Beschäftigt man sich mit Leben, Werk und Tod des Hervé Guibert, kommen dem Rezensenten die ersten Zeilen von Gabriele D´Annunzios Loblied an das zerfallende Venedig in den Sinn:

Was läßt im Leben sich zuletzt gewinnen?(...)

Was sichern wir von seinen Schätzen

allen?

Das goldne Glück, das süße Wohlgefallen,

Sie eilen - treu ist nur der Schmerz -

von hinnen.

Eh mir in´s Nichts die letzten Stunden

rinnen,

Will ich noch einmal auf und nieder

wallen.

So, wie Venedig quasi öffentlich verfällt, verfiel auch Guibert öffentlich. Und er wollte mit dem, was er literarisch, filmisch (für "Der verführte Mann" erhielt er gemeinsam mit Patrice Chéreau den "César") und fotografisch schuf, das hinwegeilende Glück und das immer mehr besitzergreifende Leid, das er beides erfuhr, im wahrsten Sinne des Wortes zeigen. Beim Übertreten von Tabuzonen war er nach eigenen Worten "zartfühlig und barbarisch". Und so erblickt man seine Fotos denn auch mit Wehmut, traurig darüber, dass ihr Schöpfer diese Welt so früh verlassen musste. Man muss diese Fotos auch so betrachten, denn sie sind wie Vanitasbilder und geben uns dabei einen Einblick in das Denken, ja das Innenleben von Hervé Guibert. Sein fotografisches Werk ist Poesie.

Die Fotos von Hervé Guibert sind ungeheuer sinnlich, beklemmend, erotisch, nostalgisch

Eine ungeheure Sinnlichkeit versprühen die Fotos mit seiner großen Liebe Thierry Junot. Andere sind nostalgisch oder schlicht erotisch. Dann wieder überfällt einen jäh eine Beklemmung, etwa beim Betrachten eines mit Selbstauslöser gemachten Fotos in seiner Pariser Wohnung in der Rue du Moulin-vert: Guibert hat sich selbst aufgebahrt, er liegt wie tot unter einer Art Leichentuch, nimmt seinen eigenen Tod quasi fotografisch vorweg. Am 27. Dezember 1991 starb Hervé Guibert dann wirklich, er war da gerade einmal 36 Jahre jung. Seine Fotos sind schön, machen aber auch melancholisch, denn sie führen uns die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen.

Der junge Schriftsteller Jean-Baptiste Del Amo hat einen ausgezeichneten Essay verfasst

Sehr lesenswert ist der einführende Essay des Schriftstellers Jean-Baptiste Del Amo, der, 1981 geboren, gerade einmal zehn Jahre jung war, als Guibert an den Folgen von AIDS starb. Ein Beweis dafür, dass Guibert auch die Menschen in seinen Bann zieht, die ihm zu Lebzeiten nie selbst begegnen durften. Deshalb stimmt es, was der Verlag "Schirmer/Mosel" im Klappentext schreibt: "Zwanzig Jahre nach Hervé Guiberts Tod interessiert sich eine neue Generation für den Schriftsteller und Photographen."

Es ist "Schirmer/Mosel" also hoch anzurechnen, dass er einen ersten Bildband, der 1993 mit dem bis dahin unveröffentlichten Essay "Sur une manipulation courante (mémoire d´un dysmorphophobe)" von Hervé Guibert selbst aus dem Jahre 1983 erschienen und leider vergriffen ist, nun nicht nur neu aufgelegt hat, sondern unter den 200 Fotos auch neue Aufnahmen zu entdecken sind. Sie bieten einen ganz vorzüglichen Überblick über Hervé Guiberts fotografisches Werk.

Hervé Guibert. Photographien. Mit einem Text von Jean-Baptiste Del Amo. Schirmer/Mosel. 224 Seiten, 210 Duotone-Tafeln. 39,80 Euro. ISBN 978-3-8296-0528-1.

Holger Doetsch, Wolfgang Ikert

Holger Doetsch - Holger Doetsch, Baujahr 1963, ist Bankkaufmann, Publizist und Dozent. Er schrieb und schreibt u. a. für die Rhein-Zeitung (Koblenz), ...

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