
- Der Davidstern überlebte alle Wannsee-Bürokraten - Public Domain Pictures
Die Wannsee-Konferenz fand am Vormittag des 20. Januar 1942 statt und war im Grunde nicht mehr als eine bürokratische Formalität. Der Holocaust, der Völkermord an Juden in ganz Europa, war nach Hitler, Himmlers und Heydrichs Willen längst beschlossene Sache. An jenem Tag wurde die „Endlösung“ der hohen Ministerialbürokratie zur Koordinierung vorgelegt und beflissen abgenickt – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
„Am Großen Wannsee“: Als Interpol für Hitler fahndete
Paradox ist, wenn ausgerechnet die europäische Polizeibehörde „Interpol“ als Gastgeber für das schlimmste Verbrechen des 20. Jahrhunderts herhalten muss. RSHA-Chef Reinhard Heydrich wählte das Interpol-Quartier aus zwei Gründen: Erstens lag die Villa abseits, zweitens ging es ja um eine höchst „Internationale“ Angelegenheit. Doch wie kam die Interpol an den Wannsee?
Bis zum „Anschluss“ Österreichs saß die Interpol in Wien. Ihre Effizienz war von deutschen Polizisten wie dem Kriminalisten Arthur Nebe seit jeher bewundert worden. Hitler verlegte den Apparat der Interpol nach Berlin, eben „Am Großen Wannsee 56-58“, und unterstellte ihn nach Kriegsbeginn (weil Großdeutschland nunmehr ja für mehrere Nationen zugleich „zuständig“ war) dem Reichssicherheits-Hauptamt, wodurch die Interpol zur internationalen Fahndungsapparat des Dritten Reiches wurde.
Holocaust-Fahrplan: Sechs Monate „Verspätung“
Die Anweisung von Hermann Göring an RSHA-Chef Reinhard Heydrich, die „Endlösung der Judenfrage“ zu organisieren, war bereits im Sommer 1941 erfolgt. Als Heydrich seine erste Einladung für Dezember 1942 verschickte, waren in den eroberten UdSSR-Gebieten längst die Sonderkommandos unterwegs.
Heydrichs Doppelbelastung als SD-Chef und Protektor in Prag verzögerte die Vorbereitungen, und der Kriegseintritt Amerikas machte eine weitere Verschiebung der Konferenz um vier Wochen nötig, zumal die Bürokraten ihre Termine entsprechend einplanen mussten. Denn Staatssekretäre sind vielbeschäftigte Leute.
Ein Staatssekretär ist bekanntlich die Nummer 2 eines Ministeriums: Rechte Hand, Stabschef und/ oder Stellvertreter, je nach Arbeitsauffassung. Oft genug üben Staatssekretäre die wahre Macht in ihrem Ressort aus, während der Minister sein Amt eher nach außen vertritt. In der Bundesrepublik etwa ist der Präsident das Staatsoberhaupt und direkter Vorgesetzter des „Bundes-Kanzlers“, der im Wortsinn die „Schreibstube“ (die Regierung) leitet und nach oben Bericht erstattet.
Eine Runde der Staatssekretäre
Und genau dies taten die Staatssekretäre nach der Wannsee-Konferenz: Alfred Meyer und Georg Leibbrandt vom Ostministerium meldeten Alfred Rosenberg, dass der Zustrom von Juden aus Westeuropa in die besetze Sowjetunion nachlassen werde; Josef Bühler (Generalgouvernement) informierte Hans Frank, dass die überfüllten Ghettos in Polen als erstes „evakuiert“ würden, während Erich Neumann seinem Vierjahresplan-Chef Hermann Göring die Rückstellung von Facharbeitern verkünden durfte. Martin Luther (Außenministerium) überbrachte Joachim von Ribbentrop ein Sonderlob der SS für die gute Zuarbeit, während Gerhard Klopfer (Parteikanzlei) Martin Bormann die Durchsetzung der Parteilinie vermeldete – zu Lasten diverser „Nürnberger Gesetze“ des Wilhelm Stuckart (Innenministerium) unter Wilhelm Frick. Roland Freisler (Justiz) empfahl Dr. Thierack, „diese Elemente“ getrost der SS zu überlassen, da die Justiz nicht zuständig sei. Wilhelm Kritzinger (Reichskanzlei) rapportierte dem „Führer“ direkt, dass alle Akten über seinen Tisch gehen sollten.
Federführend und allein verantwortlich für „diese Aufgabe“ war die SS. Außer Heydrich selbst (selbst zweiter Mann unter Himmler) waren Gestapo-Chef Heinrich Müller, Otto Hofmann vom Rasse- und Siedlungsamt, „Judenreferent“ und Fahrplan-Koordinator Adolf Eichmann (der auch das Protokoll verfasste) sowie die Kommandeur der Polizei in Lettland, Rudolf Lange, und Polen, Eberhard Karl Schöngarth, anwesend.
Martin Luthers Protokoll: Wie die Besprechung ruchbar wurde
Das von Adolf Eichmann in dreißig Ausgaben ausgefertigte Protokoll war natürlich „geheime Reichssache“ und sollte bei ungünstiger Kriegslage vernichtet werden, was in dreizehn Fällen ab 1944 auch geschah.
Doch inzwischen war einer der „Endlöser“ selbst im KZ gelandet: Martin Luther vom Außenministerium hatte sich an höherer Stelle über die Verschwendungssucht seines Chefs, Außenminister von Ribbentrop, beschwert. Da dieser aber eng mit SS-Chef Himmler verbunden war, verlor Luther den Machtkampf und fand sich als „privilegierter Häftling“ in Sachsenhausen wieder. Seine Dienstunterlagen sollten zur Prozessvorbereitung dienen, wozu es aber nicht mehr kam. Luther starb im Mai 1945 an einer schweren Krankheit, quasi als eines der letzten Opfer seines eigenen Regimes, und erlebte nicht mehr mit, wie alliierte Ermittler das Protokoll Nr.16 in den Geheimpapieren des Auswärtigen Amtes entdeckten.
Erstmals öffentlich zur Sprache kam die Wannsee-Konferenz denn auch im sog. Wilhelmstraßen-Prozess gegen hochrangige Funktionäre der Reichsregierung, darunter auch Wilhelm Stuckart. Die Wannsee-Konferenz wurde bekannter, als sie es eigentlich verdiente – einfach deshalb, weil es über den Holocaust sonst kaum protokollierte Anweisungen gab.
Teilnahme brachte Tätern kein Glück
Fast jeder dritte Teilnehmer der Wannseekonferenz starb noch vor Kriegsende: Heydrich fiel noch 1942 einem Attentat zum Opfer, Freisler starb im Januar 1945 bei einem Luftangriff und Luther im Mai 1945 im KZ-Lazarett. Lange und Meyer brachten sich selbst um, der Verbleib von „Gestapo-Müller“ ist bis heute ungeklärt.
Schöngarth wurde 1946, Bühler in Krakau 1947, noch vor Entdeckung des Protokolls, wegen anderer Verbrechen gehängt. Ihnen folgte 1961 Adolf Eichmann in Israel. Otto Hofmann wurde zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, Wilhelm Stuckart zu drei Jahren, beide wurden vorzeitig freigelassen. Kritzinger und Neumann starben vor Beginn ihrer Gerichtsverhandlungen. Klopfer und Leibbrandt gingen straffrei aus. 1987 starb Gerhard Klopfer als letzter Überlebender des 20. Januar 1942.
Literatur: Jürgen Thorwald: "Die Stunde der Detektive", Zürich 1966;
Internet: Haus der Wannsee-Konferenz
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