Hexen- und Vampirdarstellung in Pratchetts "Carpe Jugulum"

Cover von Carpe Jugulum - lspace
Cover von Carpe Jugulum - lspace
Mit Carpe Jugulum, statt „carpe diem", gelingt dem englischen Autor Terry Pratchett eine gelungene alternative Darstellung des Hexen- und Vampirdaseins.

Der englische Fantasyautor Terry Pratchett (1948) hat mit seinen Scheibenwelt-Romanen viele seiner Leser enorm begeistert. Selbstverständlich kann nur der Auto selbst über seine Intention reden, doch immer wiederkehrende Themen tauchen auf, und lassen darauf schließen, dass der an Parkinson erkrankte Pratchett das Spiel mit den Vorstellungen unserer Gesellschaft spielt. In Carpe Jugulum werden vor allem die Darstellungen Hexen (im Gegensatz zu den uns aus Märchen bekannten) sowie die Vampir-Darstellungen (bspw. aus Horrorfilmen) aufs Korn genommen.

Eine kurze Zusammenfassung

Vor nicht allzu langer Zeit hat Magrat, eigentlich eine Hexe, welche das Hexentrio von Lancre (es muss immer drei Hexen geben, um die maximale Magie bzw. Macht im Kampf gegen das Böse ausspielen zu können), den König von Lancre, Verence geheiratet. Nun ist ihre erste Tochter zur Welt gekommen und soll nach der Lancre'schen Tradition auf den Namen Esmeralda (ebenfalls der Name der ältesten Hexe im Trio) getauft werden. Es soll eine große Feier werden. Daher hat der stolze Vater sehr viele Gäste eingeladen, unter anderem auch die Vampirfamilie Magpyr aus Überwald um seine Offenheit gegenüber Neuen Ideen und Strömungen zu bezeugen. Doch diese Einladung endet in einer fatalen Gefährdung des Königreichs: König Verence hat nicht bedacht, dass eine Einladung in ein Königreich von einem König den Vampiren einen enormen Einfluss gibt.

Die Vampire aus Überwald

Die Familie Magpyr besteht aus vier Personen: Der Graf selbst ist ein sehr fortschrittlich denkender Vampir, der alles daran setzt, die üblichen Strategien, mit denen man Vampire nach unserem (Aber-)glauben ausschalten kann, zu überwinden und daher für den Menschen unverwundbar zu werden. Dies versucht auch, mit der vollen Unterstützung seiner Frau (welche er übrigens selbst zum Vampir gemacht hat), seinen Kindern, Lacrimosa und Vlad, beizubringen. Außerdem hat er die Idee, eine, aus seiner Sicht, perfekte Lösung für das Zusammenleben von Vampiren und Menschen zu schaffen, indem er in der Stadt Escrow, dem Testobjekt, regelmäßig eine Stadtversammlung einberuft, während derer sich die Vampire an einer bestimmten Anzahl von Mitbürgern sättigen durften.

Lacrimosa ist bereits 200 Jahre alt, aber gefangen in dem Körper einer Jugendlichen. Sie rebelliert, wie viele ihrer Freunde auch, gegen ihre Eltern indem sie sich einen „menschlichen“ Namen gibt, sich dem Kleidungskodex der Vampire (prinzipiell schwarze Abendkleidung) widersetzt indem sie sich hell und bunt kleidet, aber ansonsten ziemlich erbarmungslos ihr Menschen zu „Fleisch“ machen möchte.

Vlad, der ältere Bruder, fügt sich hingegen größtenteils den Wünschen seines Vaters, spielt aber doch auch recht gern mit seiner Beute.

Interessant an der Geschichte ist, dass die Vampire tatsächlich gelernt haben, von Knoblauch, Zitronen, Holzpflöcken, die durch ihr Herz gestochen werden, nicht zu Staub zu zerfallen. Auch das Sonnenlicht macht ihnen nichts aus. Daher wird es ziemlich kompliziert für die Menschen der Discworld, sich gegen diese neue Art der Vampire zu wehren. Auch die Kombination verschiedener dieser Methoden hat zunächst keinen Effekt.

Durch die Art und Weise wie Pratchett diese Aspekte beschreibt, wird das Lesen dieses Romans sowohl spannend als auch lustig, zumal nicht zu Beginn diese Aspekte aufgedeckt werden, sondern nach und nach zum Vorschein kommen. Auch die gravierenden Effekte, die die Vampire auf das menschliche Denken haben, lässt die Spannungskurve der Geschichte steigen. Besonders nachvollziehbar und amüsant wirkt die Geschichte auch, weil die Discworldbewohner im Großen und Ganzen eine sehr ähnliche Perzeption von Vampiren haben, wie auch wir auf unserer „realen Welt“. Aber Pratchett kümmert sich nicht nur um die bösen Vampire, die tatsächlich böse bleiben, sondern auch um die Darstellung von Hexen.

Hexen müssen nicht „Hex Hex!“ sagen

Carpe Jugulum ist eigentlich der letzte Roman aus einer Trilogie von Hexenromanen, die recht eng zusammenhängen. Auch wenn sich jeder auch ohne Vorwissen gut lesen lässt, so ist es doch wichtig zu bemerken, dass Witches Abroad (Total Verhext!) und Wyrd Sisters (MacBest) für diejenigen, die sich für märchenhafte Hexendarstellung interessieren, empfehlenswert sind.

Im Gegensatz zu den üblichen Märchen, in denen die Hexe puckelig und alt ist, eine Warze auf der Nase hat und in einem Lebkuchenhaus wohnt, gehören diese Hexen verschiedensten Altersklassen an und bezaubern nicht nur durch Magie, sondern vor allem durch ihre Menschenkennntnis. Es gibt ein „altes Weib“, hier Granny Weatherwax, eine „Mutter“, Nanny Ogg, und eine Jungfrau, welche Magrat bisher dargestellt hat. Der Unterschied ist also merklich: Es handelt sich nicht lediglich um alte Jungfern, wie man das Gefühl bei Märchen wie „Hänsel und Gretel“ bekommen kann. Zudem handelt es sich bei diesen dreien um gute Hexen, die zwar manchmal mit unlauteren Mitteln, aber immer gegen das Böse kämpfen. Auch im Hinblick auf ihre Aufgaben unterscheiden sie sich recht deutlich von der typischen Märchenhexe: Ihre Hauptaufgabe ist es, ihren Mitmenschen zu helfen und ihnen moralisch beizustehen. So sind sie Hebamme, Sterbebegleiterin und Retter in der Not in einem. Auch wenn sie ihre Eigenheiten besitzen, so sind sie doch im Notfall immer da und helfen aus. Was zusätzlich ein großer Unterschied ist, der vor allem in dem Roman The Wintersmith (Der Winterschmied) herausgestellt wird, ist, dass sie diese Accessoires, welche Märchenhexen immer begleiten, nicht besonders leiden können. Im Gegenteil: Sie machen sich sogar lustig über Hexenkolleginnen, die sich diesen „Boffo“ bestellen und damit besonders hexenmäßig wirken wollen.

Pratchett parodiert hier ebenfalls unsere eventuell doch recht weit gegriffene Fantasievorstellung von Hexen mit viel Witz. Der Leser kommt nicht drum herum, hin und wieder grinsen zu müssen, wenn sein eigenes Weltwissen auf den Arm genommen wird.

Pratchett's Roman ist sehr spannend, die Beschreibung der Hexen und Vampire bringt einen sehr zum Lachen. Es lohnt sich, sich diese einmal näher zu betrachten.

Englische Ausgabe: Terry Pratchett, Carpe Jugulum, Harper Fiction,1998, ISBN 978-0-06-102039-1

Deutsche Ausgabe: Terry Pratchett, Ruhig Blut, Goldmann Verlag, 2005, ISBN 3442442338