Hexentanzplatz und Richtstätte

„Auf Wolfsgraben“ an der Ahr - Schicksalsort der Else Simons

Hexengedenkstätte - Stefan Lieser
Hexengedenkstätte - Stefan Lieser
Mehr als 30.000 Opfer forderten die Hexenverfolgungen in Deutschland. An einem kleinen Platz im Ahrgebirge kommt man dem Grauen von damals sehr nahe.

Auf Wolfsgraben“ heißt der Ort vor der „Silvester Hütte“ im Ahrgebirge. Ein romantisches Plätzchen zum Feiern am Lagerfeuer oberhalb von Ahrbrück. Der Blick geht hinüber nach Kreuzberg mit der gleichnamigen Burg. Doch die Idylle hat eine grauenhafte Geschichte.

Es ist der 17. Juli 1649 und das Kurfürstlich kölnische Hochgericht eröffnet die Anklage. Es geht um die ungefähr 50 Jahre alte Else Simons aus dem Flecken Pützfeld an der Ahr. Die Mutter von neun Kindern, von denen vier verstorben sind, kämpft unter der Folter um ihr Leben. Sie ist von 17 Mitbürgern der Hexerei beschuldigt worden. Im Verlies der Burg Are oberhalb von Altenahr wird sie mehrfach „peinlich befraget“, also gefoltert und verhört. Doch sie weigert sich, die Beschuldigungen zuzugeben. Und dann ist ihr Wille nach wahrscheinlich weiteren Daumendrehen, Rädern und Strecken doch gebrochen.

Das Hochgericht notiert:

„…des nachts als sie in ihrem Hofe ware, ware der Teufel in Gestalt eines schwarzen Mannes gekommen einen großen schwarzen Bock bey sich gehabt, daruf sie sich wiedlich in des Teufels Namen gesetzt und in der Eil auf Nentart an den Tanz gefahren, alda viel Leut gewesen. Sey auch ufm Wolfsgraben bey dem Creuz am Tanz gewesen“.

Aberglauben, Missgunst und Habgier

Das erzwungene „Geständnis“ wird sie ihr Leben kosten. Mehr als 200 Frauen im heutigen Kreis Ahrweiler erging es im 17. Jahrhundert so wie Else Simons aus Pützfeld. Mehr als 30.000 Hexen und Zauberer wurden während der großen Hexenverfolgungen in Deutschland zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert hingerichtet. Die letzte fand 1777 in Kempten statt. Eine Mischung aus „Aberglauben, Missgunst und Habgier“ sei das gewesen, heißt es in der einschlägigen Literatur. Nach Ende des Mittelalters und mit der beginnenden Neuzeit kam es in ganz Mitteleuropa zu Umwälzungen in jeder Hinsicht. Alte Werte und Normen stimmten nicht mehr.

Unterstützt wurden die Pogrome von einer verblendeten fanatischen Kirche wie dem Trierer Weihbischof Binsfeld, der 1589 den „Tractatus confessionibus maleficarum et saguarium“ veröffentlichte, in dem er die Grundlagen für eine systematische Hexenverfolgung im Erzbistum Trier legte. Oder durch den berüchtigten „Hexenhammer“ (Malleus maleficarum) der Dominikanermönche Heinrich Institor und Jakob Sprenger von 1487. Selbstbewusste, nonkonformistische Frauen waren ihnen suspekt. Und ein durch die Folter erpresstes Urteil war weltlichen und kirchlichen Mächten wohlfeil genug um ihren Autoritätsanspruch durchzusetzen.

Auch „Auf Wolfsgraben“ in der Ahreifel war eine der Hinrichtungsstätten des Hochgerichts. Die Gemarkung ist mit Bedacht gewählt. Ausweislich der Chronik des Dorfes Pützfeld, war hier ein „Hexentanzplatz“. Wo ließ sich besser der Sieg der „Vernunft“ über die „Hexerei“ feiern? Bei den Hinrichtungen war die Bevölkerung zur Anwesenheit verpflichtet. Das sollte der Abschreckung dienen.

Diese Vorgeschichte kennen auch Maria und Karl-Heinz Ulrich aus Ahrbrück. Und sie wissen, dass Else Simons ihnen näher steht, als sie dachten. Während der NS-Zeit musste ein Onkel von Karl-Heinz Ulrich einen „Arier-Nachweis“ erbringen, in diesem Zusammenhang habe man den Familienstammbaum erforscht. Man kam weit, sehr weit zurück. Auch bis zu Else Simons, wie viele alte Familien aus dem Umkreis.

Im Januar 2008 gründete das Ehepaar mit einer Gruppe Gleichgesinnten einen Initiativkreis mit dem Ziel, an Frauen wie Else Simons und ihr Schicksal zu erinnern. Der Landkreis Ahrweiler, das RWE und die Jagdgenossenschaft gaben einen Obolus für das Vorhaben dazu, die örtlichen politischen Gremien standen der Sache ebenfalls positiv gegenüber. Man machte sich kundig in den alten Dokumenten auf Ämtern und in Archiven wie dem Historischen Archiv der Stadt Köln. Und stieß auf die Vernehmungsprotokolle der Else Simons.

Erhängt und dann verbrannt

1.700 Euro kostete am Ende eine Dokumentation und der Gedenkstein aus Schiefer (Firma Kaspers, Schuld; Entwurf Peter Kessler, Remagen). Er ist mannsgroß und zeigt die Darstellung einer Frau am Galgen, darunter die lodernden Flammen eines Scheiterhaufens. Am 2. August 1649 starb so Else Simons.

Das Kurfürstlich kölnische Hochgericht notiert:

„… daß sie die Beklagtinn mit dem Strick vom Leben zum Tod gebracht, und der Körper mit dem Feuer zu Eschen verbrannt werden solle.“

Die „Beklagtinn“ habe sich dafür erkenntlich gezeigt:

„… daß man ihro von diesem sündlichen Leben verhelfen that: Pittende, man solle doch ihres Mannes etwas mit den Kosten verschonen; demnach zu dem Herrn Amtsmann und Doctoren geleitet vor demselben sich auch bedanket“.

Was geschah, ist auf einer Informationstafel unweit der Gedenkstelle nachzulesen. Beides wurde im September des vergangenen Jahres bei einer Feierstunde eingeweiht. „Mord verjährt nicht!“, betonte der Landrat in seiner Ansprache. Auch Else Simons solle so rehabilitiert werden, hieß es. Im vergangenen März segnete dann der zuständige örtliche Pfarrer den Gedenkstein ein. Er wusste wohl, was er tat. Der Stein trägt die Inschrift: „Ehemaliger Richtplatz in Erinnerung an die Opfer der Hexenverfolgung im 17. Jahrhundert“.

Die Reproduktion eines Holzschnitts von Ulrich Molitor aus dem Jahre 1489 auf der Infotafel neben dem Gedenkstein trägt den Titel „Hexe verzaubert einen Mann“. Auf das Wirken der „Hexe“ fällt einem Mann der rechte Fuß ab. Das ist 520 Jahre her. Im Hintergrund sind die Burg Kreuzberg und die umgebende Landschaft gut zu erkennen.

Bildunterschriften:

Erinnerung an die Opfer: Der Gedenkstein zur Hexenverfolgung und Richtstätte auf der Gemarkung „Auf Wolfsgraben“ oberhalb von Ahrbrück.

„Daß man ihro von diesem sündlichen Leben verhelfen that“: Eine Informationstafel berichtet über den Prozess, Verurteilung und Hinrichtung von Else Simons am 2. August 1649, die der Hexerei beschuldigt wurde.

Quellen

Protokoll des Kurfürstlichen kölnischen Hochgerichts aus: Stadtarchiv Köln, III, Beitrag zur Geschichte der Hexereien im Erzstifte Köln, 1740

Ein ländlicher Rittersitz an der Ahr, Festschrift - Chronik, 1100 Jahre Pützfeld, 1993

Hans-Jürgen Wolf: Die Sünden der Kirche, Nikol Verlag, 1998

Gerhard Knoll: Hexenverfolgung im Kreis Ahrweiler 1500-1660, Helios Verlag, 2004

Wilhelm Josef Sebastian, MdB, Pressemitteilung vom 20.9.2008

Abbildung auf der Infotafel: Ulrich Molitor, 1489; in: Hans-Peter Pracht: täntze, todt und teufel – Die grausame Spur der Hexenverfolgung in der Eifel, Helios Verlag, 1993

Bilder: Privat

Stefan Lieser, Stefan Lieser - Internetredaktion.com

Stefan Lieser - Freier Journalist - mit Festanstellungsvorleben als Tageszeitungsredakteur. Zahlreiche Beiträge für regionale und bundesweite ...

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