Seit in der Traumfabrik Hollywood innovative Filmstoffe offenbar verpönt sind, haben französische Horrorproduktionen Hochkonjunktur. Meisterhafte Alptraumwerke wie „Martyrs“ erlangten bereits Kultstatus, ebenso wie Alexandre Ajas „High Tension“ aus dem Jahr 2003. Mit harmlosem Popcorn-Entertainment wollen diese Künstler des Grauens nichts zu schaffen haben, was in mitunter exzessiven Splatterfilmen mündet. „High Tension“ bildet daraus keine Ausnahme und kann deshalb nur Horrorfans auf nüchternem Magen empfohlen werden.
Gefährliches Landleben
Die Studentinnen Alex (Maïwenn Le Besco) und Marie (Cécile De France) müssen sich auf ein schwieriges Examen vorbereiten und mieten sich deshalb im abgelegenen Landhaus von Alex’ Eltern ein. Am Abend liegt Marie noch länger wach und wird Zeuge, wie ein Unbekannter an der Tür klopft und ohne Vorwarnung den die Tür öffnenden Familienvater niederschlägt. Hilflos muss Marie mit ansehen, wie der Psychopath Alex’ Vater köpft, anschließend dessen Frau die Kehle durchschneidet und den jungen Tom erschießt.
Nur Alex wird verschont, da der Wahnsinnige offenbar noch Pläne für sie geschmiedet hat. Er fesselt und knebelt die junge Studentin und sperrt sie im Laderaum seines kleinen Trucks ein. Was er nicht ahnt ist, dass sich Marie ebenfalls in den Laderaum geschlichen hat, um Alex zu befreien. Als der Psychopath an einer Tankstelle Halt macht um zu tanken, scheint Maries Chance gekommen, die Polizei von dem grauenvollen Verbrechen zu unterrichten. Aber der Killer macht ihr einen blutigen Strich durch die Rechnung …
„High Tension“: Mehr Splatterstreifen als Horrorfilm
Es verwundert wenig, dass „High Tension“ (Französischer Originaltitel: „Haute Tension“) in Deutschland indiziert wurde. Gnadenlos hetzt der junge Regisseur Alexandre Aja einen Psychopathen auf eine friedliche Familie und setzt dem Gemetzel keine Gegenwehr, keinen Funken Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht entgegen. Im Gegenteil: Erbarmungslos schlachtet ein Psychopath fast eine gesamte Familie ab. Besonders perfide ist die methodische Ruhe, mit der der Killer vorgeht. Jedes Zimmer wird nach neuen Opfern durchsucht. Am Verstörendsten wirkt dabei der Off-Screen-Mord an einem kreischend flüchtenden Jungen. Nicht nur in diesen Szenen lotet Alexandre Aja die Tabugrenzen weidlich aus.
Überhaupt kann man „High Tension“ trotz der klassischen Prämisse – Wahnsinniger bedroht Überlebende – kaum noch als Horrorfilm einstufen. Zu heftig fallen einige der Effekte aus, die von der Kamera emotionslos eingefangen werden. Wenn etwa eine Axt in den Brustkorb eines Opfers geschlagen wird, begleiten Geräusche brechender Knochen diesen Tötungsvorgang und verursachen wohl selbst bei abgehärteten Horrorfans Gefühle des Unbehagens. Denn Aja kennt in „High Tension“ keine ironische Distanz zu seinen Figuren. Er begleitet sie mit der Kamera bei ihren grausigen Todeskämpfen und gönnt ihnen selbst nach dem Ableben nicht die Gnade des würdevollen Wegblendens. Mehr als nur einmal blickt Marie in tote, anklagende Augen, die sich schmerzhaft in ihr Gewissen einbrennen und gleichermaßen den Zuschauer in den Rang eines Voyeurs versetzen.
Road Movie in die Psyche eines Wahnsinnigen
„High Tension“ avanciert nach gemächlichem Beginn blitzschnell zum Road Movie in die Psyche eines Wahnsinnigen. So zusammenhanglos manche Handlungen bis kurz vor dem Showdown auch anmuten mögen: Sie fügen sich wie bei einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammen.
Allerdings weist der Film schlussendlich einige Löcher in der Logik auf, was für – durchaus berechtigte – Kritik sorgte. Tatsächlich erscheinen nach dem Filmende einige Szenen rückblickend betrachtet als außerhalb der filminternen Logik stehend, womit man Aja vorwerfen kann, es sich in manchen Punkten zu einfach gemacht zu haben. Trotzdem: „High Tension“ zieht sich dank des enormen Tempos geschickt aus der Affäre und hinterlässt dank der Splattereffekte, des äußerst passend gewählten Score und der schweißtreibenden Spannung einen überaus positiven Gesamteindruck.
Die wenig bekannten Hauptdarsteller sorgen für das Tüpfelchen auf dem „i“ von „Tension“. Während Maïwenn Le Besco als Alex die meiste Zeit über gefesselt und geknebelt im Laderaum des Trucks liegt, läuft die burschikose Cécile De France mit ihrer Darstellung der Marie zu atemberaubender Höchstform auf.
Alexandre Aja: Fixer Bestandteil der Horrorszene
Mit „High Tension“ katapultierte sich der 1978 in Paris geborene Alexandre Aja an die Spitze der Horrorregisseure. Sein Remake von „The Hills Have Eyes“ brachte ihm weitere Anerkennung und etablierte ihn als neuen Fixstern am düsteren Himmel der Horrorszene. Angesichts einfallsloser Remake-Mania und Fortsetzungen en masse erscheint Alexandre Aja als dringend nötige Frischzellenkur für das Genre.
Originaltitel: „Haute Tension“
Regie: Alexandre Aja
Produktionsland und -jahr: Frankreich, 2003
Filmlänge: ca. 85 Minuten (gekürzte Version)
Verleih: Sony Pictures Home Entertainment
Veröffentlichung auf DVD: 22. März 2007
