
- HIlde Domin - FAZ
Zum Weinen, aber auch oft zum Lachen hat die Schriftstellerin und Lyrikerin Hilde Domin die Besucher der Landsynagoge Roth bei Marburg gebracht. Etwa 30 Besucher haben dort gemeinsam den Dokumentarfilm „Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin“ von Anna Ditges geschaut. Sie hat die bekannte Schriftstellerin in den zwei Jahren vor deren Tod regelmäßig besucht.
Bewegende Biografie der Hilde Domin
Im Februar 2006 verstarb die Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts mit 96 Jahren plötzlich an den Folgen eines Sturzes. In der Dokumentation von Ditges werden Domin und ihre Erinnerungen auf vielfältige Weise lebendig erhalten. Der Film zeigt eine taffe und schlagfertige Frau, deren Äußerungen die Zuschauer oft ein Lachen entlocken. Sie wirkt junggeblieben und spricht offen über Erinnerungen aus einem ganzen Jahrhundert. Ewiger Begleiter in dem Film ist ihr Mann Erwin. Er verstarb bereits 1988 und seither wohnte Domin allein in ihrer Heidelberger Wohnung. „Erwin war aber immer dabei“, berichtet Ditges nach dem Film in einer Gesprächsrunde. Die Lyrikerin habe ihn auf ihre Weise am Leben erhalten. Eine besonders ergreifende Filmszene zeigt, wie die beiden Frauen über den Bergfriedhof irren und das Grab von Erwin Palm suchen. „Sie besuchte das Grab nicht, denn für sie war Erwin bei ihr zu Hause“. Im Gespräch gesteht die Filmemacherin, dass sie beim Schneiden dieser Szene viele Tränen vergossen habe.
Im Film erzählt Domin nach und nach ihre Lebensgeschichte. Besonders hebt sie ihre glückliche Kindheit hervor. Während ihres Studiums habe sie schließlich in Berlin eine Rede von Hitler gehört. „Ich hatte Angst vor der ganzen Bewegung“, daher seien sie und ihr Mann ausgewandert. Ihre Reise führte sie nach Italien, wo sie ihre Studien abschlossen. Nach England ging es schließlich über Kanada in die Dominikanische Republik. In dieser Zeit sei sie auch schwanger geworden. „Ich habe es beseitigen lassen“, erklärt sie. Man reiste in dieser Zeit mit Gift in der Tasche umher. „Ich wollte mein Kind nicht umbringen müssen“.
Schreiben ist Befreiung
Das Schreiben begann 1951 in Santo Domingo nach dem Tod ihrer Mutter. Für Domin ist Schreiben eine Befreiung. Wenn ein Mensch Qualen habe, dann könne er beten oder zum Psychiater gehen. „Wenn er Glück hat, dann kann er schreiben“. Auf die Frage, warum sie nun keine Gedichte mehr schreibe, erklärte sie ganz lapidar: „Wenn keine Gedichte kommen, kann ich sie auch nicht schreiben. Is ja klar!“
Untermalt wird der emotionale Film mit Gedichten von Domin. Ihr erstes Werk hieß: „Nur eine Rose als Stütze“. Rosen sind auch ihr täglicher Begleiter neben hunderten von Büchern in ihrer Wohnung. Bei ihrer Beerdigung, die kurz gezeigt wird, schmücken hunderte gelber Rosen ihr Grab. „Ich hatte einen großen Konflikt auch hier zu filmen, aber ihre Freunde haben mich gebeten, das festzuhalten“. Allerdings ende der Film nicht mit dieser Szene, da es Ditges wichtig sei, dass die große Schriftstellerin am Schluss das Wort behalte.
Freundschaft über die Arbeit hinaus
Auf Nachfrage berichtete die Filmemacherin, dass sie in den letzten zwei Lebensjahren etwa einmal monatlich bei Domin gewesen sei. „Wir waren uns so vertraut, Hilde nannte es eine Seelenverwandtschaft“. Zwar sei sie selbst fast 70 Jahre jünger, aber „Hilde ist im Geist jünger als so Mancher von uns“. Verabschiedet hat Ditges das Publikum mit einem der schönsten Gedanken von Domin: „Liebe stirbt nicht“.
