Hildegard von Bingen. Einen Besuch wert ist der Disibodenberg

Giebel des Abteigebäudes - w.meyer
Giebel des Abteigebäudes - w.meyer
Der Disibodenberg lässt noch heute Kultur und Geschichte spüren. Für Bewunderer der Heiligen Hildegard von Bingen ein Muss, weit vor dem Rupertsberg.

Trotz einer riesigen Zahl von emphatischen Huldigungen an den Disibodenberg, ein Flecken Erde in der Mündungsspitze von Nahe und Glan unweit von Bad Kreuznach, ist die Klosterruine noch weitgehend ein Geheimtipp geblieben. Als außerordentlicher Kraftort wird er von Liebhabern geheimnisvoller Orte regelmäßig aufgesucht.

Nicht nur zur Sommerzeit ist die Klosterruine Disibodenberg einen Besuch wert

Eine „Meditationsoase“ nennt Petra Moell die Klosterruine auf ihrer Webseite und weist darauf hin, dass trotz des an Sommerwochenenden mitunter reichlichen Besuchs, „unzählige Plätze zur Meditation, zum Verweilen und Staunen einladen“. Aber auch esoterikferne Wissenschaftler, wie der profunde Kenner des Disibodenbergs, Verfasser der noch weitgehend aktuellen Monografie, Eberhard Nikitsch spricht von dem geheimnisvollen Bann, in den der Berg seine Besucher zieht

Ein Ort dichtester Kultur

Heiligtum war der Disibodenberg schon weit vor der Ankunft der sagenumwobenen ersten christlichen Bewohner und Klostergründer, dem Heiligen Disibod und seinen Gefährten. Zahlreiche Funde, vor allem die als Spolien, also wiederverwendet, in die späteren Gebäude der Benediktiner und Zisterzienser eingefügten römischen Architekturteile, legen ein römisches Heiligtum auf dem Berg nahe. Zudem deutet ein noch vor wenigen Jahren gefundener imposanter Teil eines römischen Altares in seiner figürlichen Ausgestaltung auf einen beträchtlichen keltischen Einfluss. In einem gesonderten kleinen Museum auf Höhe des Disibodenberger Hofes sind diese Funde ausgestellt.

Glanzpunkt des Klosters: Hildegard von Bingen

Bei Weitem die meisten Besucher dieser ehrwürdigen Stätte werden jedoch immer noch von einer Heiligen angezogen, die offiziell nie heilig gesprochen wurde, Hildegard von Bingen. Eigentlich sollte man sie, wenn man der heutigen Hüterin des Erbes am Disibodenberg Ehrengard Freifrau von Racknitz folgen möchte, Hildegard vom Disibodenberg nennen. Auch wenn sie später als zunächst vermutet im Disibodenberger Kloster eingetroffen sein mag, von 1112 stammt die erste gesicherte Erwähnung ihrer Anwesenheit, und die Umsiedlung zum Rupertsberg, dem heutigen Bingerbrück, mit 1147 also dem frühest möglichen Zeitpunkt angenommen, bleibt bestehen, dass sie den größten Teil ihres Lebens auf dem Disibodenberg verbracht hat. Hier auch entsteht ihr frühes Hauptwerk Liber Scivias, (Erkenne die Wege). Nach dieser ersten ihrer theologischen Schriften hat auch die Stiftung, in die Ehrengard Freifrau von Racknitz und ihr Mann Hans-Lothar Freiherr von Racknitz die seit 1753 im Eigentum der Familie befindliche Ruine im Jahr 1989 einbrachten, ihren Namen: die Scivias-Stiftung.

Der Geist der Heiligen Hildegard weht

Besucher der Klosteranlage glauben sehr wohl die Atmosphäre Hildegards auf dem Berg zu spüren. Daran mag auch der im 19. Jahrhundert vom Gartenbauinspektor und Gartenarchitekt Johann Metzger angelegte romantische Park entscheidenden Einfluss haben. Schließlich ist der Disibodenberg zu Hildegards Zeiten zunächst Baustelle, und dann ein dicht besiedeltes Gelände gewesen. Den Zauber der heutigen Natur dürfte der Berg selbst also zu Hildegards Zeit gerade nicht gehabt haben, berichtet doch Hildegard selbst über die immer währenden Bauarbeiten. Unsicher ist, abgesehen von der Tatsache ihrer Anwesenheit, wie die Frauenklause ausgesehen haben mag, vor allem aber, wo überhaupt sie gelegen haben könnte.

Wo lag die Frauenklause?

Spät erst hat die Diskussion um ihre Lokalisierung eingesetzt. Der auf dem Berg ausgeschilderte Platz, darüber sind sich die meisten mittlerweile im Klaren, dürfte es größter Wahrscheinlichkeit nach nicht gewesen sein. Nikitsch, der auch bei dieser Fragestellung zu den Anregern gehört, hatte ehedem anlässlich seiner Mitarbeit an den Sicherungs- und Grabungsmaßnahmen von Günther Stanzl den Westflügel des Kreuzgangs ins Auge gefasst. Die Grabungen, die Stanzl seit 1985 begonnen und mit einem Forschungsbericht 1992 abgeschlossen hatte, brachten jedoch keinen Anhaltspunkt zur Stützung dieser Hypothese. Vieles spricht für eine erste Klause an der sogenannten Friedhofskapelle. Die nämlich könnte mit der Kirche des dem Kloster vorangegangenen Kanonikerstiftes identisch sein. An allem anderen, dessen Überbleibsel der Besucher heute vorfindet, wurde zu Hildegards Zeiten oder später noch gebaut.

Ein Wohnturm als Klause?

Dass die wachsende Schwesterngemeinde jedoch noch zu Hildegards Zeiten innerhalb des Klosters in ein neues Gebäude umgezogen sein könnte, vermutet Gabriele Mergenthaler, die die klösterliche Baugeschichte aufs Gründlichste erforscht hat. Dann wäre das noch heute links vom Eingang liegende Gebäude möglicherweise als Hildegards und ihrer Mitschwestern letzte Wohnung auf dem Disibodenberg zu identifizieren. Historische Stiche aus der Zeit des 30-jährigen Krieges weisen ein mehrstöckiges Gebäude an dieser Stelle zwischen Pforte und Kapelle aus.

Ein Ort der Gedankenspiele

Hoch ragen noch heute die Mauern der in späterer zisterziensischer Zeit fertig gestellten Gebäude, Hospiz und Abteigebäude. Wie ein Klosterplan liegen allerdings die oft kaum in ein zwei Lagen über den Grund herausragenden Mauern der zentralen um Kirche und Kreuzgang versammelten Bauten der benedektinischen Bauphase nach der Grundsteinlegung vom 30. Juni 1108.

An den Gedankenspielen, wo auf dem Disibodenberg welche Funktion eines Kloster ihren Platz gefunden haben könnte, wird kaum ein Besucher vorbei kommen. Der Kunstführer von Nikitsch dürfte eine vortreffliche Hilfe darstellen. Umfangreich, zahlreiche Aspekte der Klostergeschichte anstoßend, ist der noch relativ neue Sammelband des Römisch-Germanischen Zentralmuseums „Als Hildegard noch nicht in Bingen war“, der ebenfalls bei Schnell & Steiner erschienen ist.

  • Falko Daim, Antje Kluge-Pinsker (Hrsg.). Als Hildegard noch nicht in Bingen war, RGZM, Schnell & Steiner 2009
  • Eberhard J. Nikitsch, Kloster Disibodenberg, Schnell & Steiner 1998

Gruppenführungen sind am Disibodenberg ganzjährig über die Stiftung buchbar. Für Einzelbesucher gibt es Führungen allerdings nur im Sommer. Auch ist bedauerlicherweise der Museumsladen noch nicht wieder in Betrieb. So verlasse man sich nicht darauf, Literatur vor Ort zu bekommen. Doch finden sich hilfreiche Informationen auch im Netz in reicher Zahl.

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