
- Traurige Legasthenikerin - Sonja v. Eisenstein
Die kleinen, sensiblen legasthenischen Kinder haben es schwer, sich unter Nichtlegasthenikern durchzusetzen, besonders dann, wenn Legasthenie mit einem überdurchschnittlichen IQ und Hochbegabung verbunden ist. Wenn die kleinen Legastheniker in manchen Lernbereichen ihren Mitschülern weit voraus sind oder in einem oder mehreren Bereichen außerordentliche Begabungen zeigen, wie etwa in Mathematik, in Kunst, im Zeichnen, in der Musik und Schauspielerei. Solche Hochbegabungen erwecken bei anderen Schülern oft frustrierende Neid- oder Unterlegenheitsgefühle. Wie schön, wenn die legasthenischen Schwächen ihnen dann Angriffsflächen bieten, auf denen sie ihren Frust abladen können! Da wird den kleinen Legasthenikern häufig recht unsanft, mit oft verletzend beißendem Spott ihr Unvermögen an den Kopf geworfen, mit Buchstaben und Worten richtig umgehen zu können. Für das meist auch hoch sensible, legasthenische Hochbegabtenkind, das unter seiner Behinderung ja selbst am allermeisten leidet, ist das wie Salz in die Wunde streuen! Verunsichert und gekränkt zieht es sich mit seinen Begabungen in sein Schneckenhaus zurück.
Je verletzlicher ein legasthenisches Kind ist, um so mehr neigt es dazu, Gefühle zu verbergen
Legasthenische Kinder haben aufgrund ihrer hohen Sensibilität eine ganz besondere Begabung, Gefühle oder Geisteshaltungen, die ihnen entgegengebracht werden, wie ein Seismograph wahrnehmen zu können. Eine solche Fähigkeit kann sie im späteren Leben zu überdurchschnittlicher Menschenkenntnis und außergewöhnlichem Einfühlungsvermögen führen, mit dessen Hilfe sie ihre legasthenischen Schwächen geschickt zu verbergen vermögen. Dadurch gelangen sie oft zu außergewöhnlichen Erfolgen, wie etwa der große, britische Staatsmann Winston Churchill, dessen berechtigtes Misstrauen gegenüber Hitler mit der frühen Erkenntnis, dass seine Politik auf einen neuen Krieg hinauslief, ganz im Gegensatz zu Chamberlains beschwichtigenden Appeasementpolitik stand, der für Verhandlungen mit Hitler und dem Deutschen Reich eintrat. Typisch für einen hochbegabten Legastheniker hatte Churchill aufgrund seiner gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit, Hitlers Geisteshaltung früher als andere wahrnehmen und die daraus resultierenden Entwicklungen vorhersehen können. Aber wenn bei einen legasthenischen Kind solche hervorragenden Fähigkeiten auch zu überdurchschnittlichen Erfolgen führen können, so können sie bei einem anderen wiederum zu überdurchschnittlichen Misserfolgen führen.
Wenn legasthenische Kinder Verletzbarkeit nicht zeigen können
Die Gefahr ist groß, dass kleine Legastheniker im Spiegel bewusster oder unbewusst wahrgenommener Geisteshaltungen anderer, unter der sie sich verletzt fühlen, plötzlich aufhören ihre Gefühle nach außen auszudrücken, nicht mehr zeigen, was in ihnen vorgeht, was sie schmerzlich berührt – und auch nicht darüber sprechen. Wenn das passiert, erscheinen sie Außenstehenden in bestimmten Situationen regelrecht gefühllos. Es scheint so, als könnte ihm nichts etwas anhaben. Aber dieser Schein trügt! Es kommt nicht selten vor, dass ein legasthenisches Kind sich zum Weinen über etwas, worüber es sich kränkt, in die Toilette einsperrt, um dort seinen Tränen freien Lauf zu lassen und erst wieder heraus kommt, wenn es sich beruhigt hat und so tun kann, als würde es von nichts berührt werden. Aber es fühlt sich allein gelassen - und dieses Gefühl übersetzt sich in den Nächten oft in traurige, düstere Träume.
Das Leben der Legastheniker früher und heute
Die Entwicklung eines Legasthenikers hängt zunächst sehr von seinem Elternhaus ab. Legasthenische Kinder aus sozial schwachen und bildungsarmen Familien haben es um ein Vielfaches schwerer, ihre Legasthenie einigermaßen in Griff zu bekommen oder gar in seinen Stärken und Begabungen gefördert zu werden. Nicht selten landen sie in Hilfsschulen und Klassen für geistig Zurückgebliebene. Trotz überdurchschnittlicher oder normaler Intelligenz. Besonders noch vor vierzig, fünfzig oder sechzig Jahren war die Gefahr groß, vom damaligen Schulsystem als geistig behindert abgeschoben zu werden. Waren die Legastheniker auch noch Linkshändler, wie das ja häufig der Fall ist, wurde ihnen nicht selten die linke Hand am Stuhl festgebunden, um sie zum Rechts schreiben zu zwingen. Der Begriff „Legasthenie“ steckte noch in den Kinderschuhen und kam erst langsam von Amerika herüber. Und fiel doch einmal das Wort „Legasthenie“, wurde er in Unkenntnis seiner wahren Bedeutung mit den absurdesten Bewusstseinsinhalten und Meinungen „erklärt“ – wie etwa als geistige Zurückgebliebenheit, einer Form „leichtgradiger Schwachsinnigkeit“, Lernunfähigkeit und so weiter.
Viele Berühmtheiten unter den Legasthenikern
Neben Winston Churchill, Albert Einstein, Leonardo da Vinci, Alfred Hitchcock, Ernest Hemingway, Walt Disney, Agatha Christie, gibt es auch unter den heute lebenden, erfolgreichen Legasthenikern viele Berühmtheiten aus verschiedenen Bereichen. Dustin Hoffmann, Steven Spielberg, Alfons Haider (Wiener Kabarettist), Tom Cruise und viele mehr. Das Leben vieler Legastheniker ist durch die Aufklärung in den Medien leichter geworden. Hilfestellung durch Psychologen und Verbände, Schulungen, Training, Therapien, mit deren Hilfe die legasthenische Behinderung – wenn schon nicht ganz beseitigt – so doch zunehmend besser in Griff zu bekommen ist.
Computer – die große Hilfe für Legastheniker
Was früher dem hochgradigen Legastheniker noch zum Fallstrick werden konnte, ist mit Hilfe des Computers leicht zu beseitigen. Buchstaben verwechseln oder auslassen beim Schreiben, Rechtschreibschwächen, nicht genau wissen, wie ein Wort geschrieben wird – alles kein wirkliches Problem mehr, sobald der Umgang mit dem Computer erlernt wurde. Vorbei mit den Unsicherheiten bei Schulaufgaben oder Bewerbungsschreiben. Häufig zeigen Legastheniker auch eine besondere Begabung für Technik und Computer. Wenn ein Legastheniker einmal den Umgang mit Buchstaben einigermaßen beherrscht und anfängt auf dem Computer Schreibarbeiten zu erledigen, wird er sich in vielen Dingen leichter tun.
Psychopharmaka – die heutige Gefahr für kleine Legastheniker
Der Ehrgeiz mancher Eltern, die schulischen Leistungen ihres Kindes zu verbessern, lässt sie nicht selten viel zu leichtfertig zu Psychopharmaka greifen; bessere Konzentration, das Kind wird ruhiger, pflegeleichter. Auch meinen sie, ihrem Kind damit etwas Gutes zu tun. Psychopharmaka sollten wirklich der letzte, der allerletzte Ausweg sein! Bei Kinder im Allgemeinen, aber in ganz besonderem Masse bei einem legasthenischen Kind. Denn eine Frage sollte uns zu denken geben: Albert Einstein war alles andere, als ein bequemes, angepasstes Kind. Er war aufrührerisch, aggressiv, wurde als respektlos eingestuft und machte es seiner Umwelt nicht leicht. So, wie er sich auf seiner berühmten Fotografie mit provokativ, herausgestreckter Zunge präsentierte, so war er von Beginn an in seinem ganzen Wesen. Und von einer solchen Haltung sind so manche wehrhafte Legastheniker geprägt. Aber die Frage ist: Hätte der kleine, unbequeme und aufrührerische Einstein – der übrigens erst mit drei Jahren sprechen gelernt haben soll – sein Genie entfalten können, hätte man ihn mit Psychopharmaka voll gestopft? Er hat sich aufsässig gewehrt gegen die von Zucht und Ordnung geprägten Schulsysteme des Deutschen Kaiserreichs. Und solche Kinder gibt es unter den Legastheniker heute noch. Nur all zu oft wehren sie sich gegen etwas - mit gutem Grund.
