
- Schulkinder von Sainte Rose de Lima - Patrick Thomas
Am 12. Januar war es ein Jahr her, dass Haiti bebte, als über das ärmste Land der westlichen Hemisphäre in 35 Sekunden die apokalyptische Katastrophe hereinbrach. Das Epizentrum lag nahe der Hauptstadt Port-au-Prince. Viele verloren das Wenige, was sie vorher besaßen. Tausende starben unter den Trümmern ihrer Häuser. Bis heute ist die Bevölkerung traumatisiert. Keiner will mehr die Häuser betreten, die noch stehen – die „Phobie vor Beton“ ist zur Volkskrankheit geworden. Doch die Welt dreht sich unbarmherzig weiter. Neue Katastrophen ziehen den Blick und die Spendenfreudigkeit der internationalen Staatengemeinschaft an andere Orte der Erde – während auf Haiti immer noch zirka 1,5 Millionen Menschen in den Zeltstädten leben und aktuell auch noch die Cholera ausbricht.
Jahrestag: Das schlimmste Erdbeben auf Haiti am 12. Januar 2010
Patrick Thomas kennt Haiti und weiß, dass es dort kein soziales Netzwerk, keine Krankenversicherung, keine Sozialversicherungen gibt. „Wer auf der Straße lebt, lebt auf der Straße – ich will sagen, der hat schlichtweg nichts.“ Auf Haiti helfen sich die Menschen gegenseitig. Thomas lebt in München, ist verheiratet, Vater von vier Kindern und ein selbstständiger Internetexperte. Er besucht Haiti jährlich, denn es ist die Heimat seiner Mutter. Sie kam als junge Frau mit einem Stipendium nach Deutschland, um Klavier zu studieren – heiratete und blieb.
Die schreckliche Nachricht am 12. Januar diesen Jahres war für die ganze Welt ein Schock, für diese Familie eine persönliche Tragödie. Thomas wollte seine Angehörigen kontaktieren. Nur über Facebook erfuhr er, dass in seiner Familie niemand verletzt oder getötet wurde. Patrick Thomas wollte nachhaltig helfen, also flog er hin, um sich vor Ort ein eigenes Bild von der katastrophalen Situation der Überlebenden zu machen. Er sah wie die Haitianer mit bloßen Händen ihre Landsleute aus den Trümmern befreiten und lernte einen Arzt kennen, der außer einem Zelt nichts weiter besaß, das er neben der katholischen Schule „Sainte Rose de Lima“ in der Hauptstadt Port-au-Prince aufschlug.
Eine der wichtigsten Hilfaktionen, der Wiederaufbau der Schulen auf Haiti
Diese Privatschule gehört zu den acht Schulen des Lehrinstituts „Soeurs de Saint Joseph de Cluny“ und gilt als die beste Mädchenschule in Haiti. Seit vielen Generationen können dort Schülerinnen das Abitur auf französischem Bildungsniveau erreichen. Die Leiterin von Sainte Rose ist Schwester Anne-Marie – Patrick Thomas‘ Tante. Vor dem Erdbeben waren 950 Mädchen an der Schule, jetzt sind nicht einmal mehr die Hälfte von ihnen da, weiß Thomas von seiner Tante. Nicht weil die Kinder beim Erdbeben ums Leben kamen, sondern weil die Eltern aus der arbeitenden Mittelschicht Haitis schlichtweg kein Geld mehr verdienen, um ihren Kindern eine Schulausbildung zu ermöglichen. Denn in Haiti sind 90 Prozent der Schulen privat. Saint Rose ist mit 40 Euro Schulgeld im Monat für die Mittelschicht noch einigermaßen bezahlbar. Die Eliteschulen kosten bis zu 800 US-Dollar im Monat, im Vergleich dazu verdienen Lehrer oder Ärzte gerade einmal 300 US-Dollar monatlich. Viele Menschen bleiben demzufolge Analphabeten.
Patrick Thomas kennt die Mentalität der Haitianer, die sich ihrem Schicksal eher ergeben, als etwas zu verändern. „Wer hier arm geboren ist, der wird arm sterben, ist ihre Auffassung.“ Das Erdbeben war ein schlimmer Rückschlag für dieses Land, war doch zuvor eine gewisse Aufbruchsstimmung unter der jungen, gebildeten Bevölkerung Haitis zu erkennen, die weniger als früher das eigene Land verließen, um in der Heimat zu bleiben und sie voran zu bringen, weiß Thomas.
„Fondation Boisette“ - Stiftungsfonds sucht Bildungspaten für Schulkinder auf Haiti
Denn Haiti ist es wert, dafür zu kämpfen, war es doch die erste freie schwarze Republik der Welt, nachdem die Sklaven die Kolonialmacht Frankreich besiegten und 1804 ihre Unabhängigkeit erklärten. Es ist das "Afrika in der Karibik" mit rund neun Millionen Einwohnern, das im westlichen Teil der Insel an die Dominikanische Republik grenzt.
Als Patrick Thomas im Frühjahr aus Haiti zurückkehrte, gründete er den „Fondation Boisette“ Stiftungsfonds. Seit dem Frühjahr sucht der Münchner nach Bildungspaten, die pro Monat die 40 Euro Schulgeld für ein Mädchen übernehmen. Das Geld geht direkt an die Schulen. Die Paten erhalten Namen, Geburtsdatum, Adresse und laufend aktuelle Informationen über das Schulkind. Auf der passwortgeschützten Mitgliederseite des Stiftungsfonds im Internet soll es sogar künftig einen Einblick in den Notenspiegel des Kindes geben. Dass das Geld auch direkt in der Schule ankommt, dafür garantieren der Münchner und seine Tante, die 70-Jährige Schwester Anne-Marie in Haiti.
Für Patrick Thomas gibt es kein authentischeres Land als Haiti. Es ist ein traditionelles Land, wo die alte Voodoo-Kultur heute noch gelebt wird, wo immer noch die Trommeln von den Bergen herunter zu hören sind. Es ist ein Land, wo viel gelacht aber auch viel geweint wird, sagt Patrick Thomas. „Für die Menschen in Haiti muss sich etwas ändern, wenn nicht jetzt, wann dann?“
