Hintergründe zu "Das Reichsorchester"

Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus

Die DVD ist im Arthaus-Verlag erschienen - Arthaus
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Vier Jahre suchte Enrique Sánchez Lansch nach Angehörigen und sondierte tausende Filmschnipsel aus dem Bundesfilmarchiv. Ein Bericht über die Deutschlandpremiere.

Zum zweiten Mal nähert sich der Regisseur von Rhythm is it!, Enrique Sánchez Lansch, mit einer dokumentarischen Filmarbeit den Berliner Philharmonikern. Das Reichsorchester erforscht in knapp 100 Minuten das Überleben jener klassischen Musiker zur Zeit des Nazi-Regimes. Die Premiere fand am 16. Dezember 2007 im Hamburger Abaton-Kino statt. Ungefähr 30 Besucher, darunter auch Angehörige verfolgten die Kronzeugenberichte der letzten noch Lebenden ehemaligen Orchestermitglieder. Im Dunkel der vereinzelt belegten Sitze hörte man gelegentlich ein staunendes „Ooh!“, manchmal auch ein verstehendes „Aha!“.

Vom Lohn- zum Staatsorchester

Die Berliner Philharmoniker waren das einzige Orchester, dass bis Kriegende probte und regelmäßig Auftritte im In- und Ausland vorzuweisen hatte. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 übernahm das Reich die finanzielle Sicherung des Orchesters unter der Leitung Wilhelm Furtwänglers. Zum ersten Mal waren die Philharmoniker kein Lohnorchester mehr, sondern wurden staatlich subventioniert und konnten auf sogenannte populäre Konzerte verzichten. Mit der Übernahme kam auch die Verpflichtung das Musik-Programm des Nazi-Regimes zu erfüllen.

Die Kinder haben nichts gewusst

Nach Filmende plaudert der Regisseur noch aus dem Nähkästchen: Vier Jahre hat Sánchez Lansch nach Angehörigen gesucht und Filmschnipsel aus dem Bundesarchiv sondiert. Er spricht dabei von einem Puzzlespiel. Überraschenderweise meldet sich während des Vortrags eine Angehörige zweiten Grades, die bei der Recherche zum Film noch nicht auftauchte. Eine schwierige Recherche-Barriere, erklärt Sánchez Lansch, war der Zugang zu den privaten Foto- und Filmarchiven einiger Nachkommen. Aber nicht, weil die Bereitschaft zur Mitarbeit nicht vorhanden wäre sondern weil sie selbst, als Kinder, von ihren Eltern zum eigenen Schutz nicht informiert wurden. Später in der Zeit des Wiederaufbaus hätten die Eltern dann nur nach vorne gesehen und wären bei Fragen ihrer Kinder ausgewichen.

Menschen wie Du und Ich

Das Orchester hatte nur vier jüdische Mitglieder. Dies sei 1933 „im Vergleich zu anderen Organisationen im kulturellen Leben von Berlin“ eine sehr geringe Zahl gewesen, so der Regisseur. Ob man zu diesem Zeitpunkt schon versucht hatte die Zahl bewusst gering zu halten oder ob dies ein Zufall war, weiß Sánchez Lansch nicht. Der Regisseur wünscht sich abseits der informellen Ebene eine differenzierte Betrachtung seines Films. Man solle nicht einfach da sitzen und wissen „aha, das sind die Guten und das sind die Bösen“ sondern, ergänzt er noch „merken, dass man auch selber ein bisschen involviert ist“ und das es „allesamt Menschen sind, die wie Du und Ich funktionieren, die sich in ähnlichen Situationen auch ähnliche Fragen stellen.“

Das sind Fragen nach der eigenen Rolle in einem repressiven System, Fragen nach der eigenen Verantwortung zu Handeln, Fragen nach der eigenen Instrumentalisierung. Sánchez Lansch betont, dass es gut sei sich bewusst zu machen das solche Fragen schwer zu beantworten sind. Ein solcher Film könne aber vielleicht dazu beitragen „sich besser und klarer in die Situation hineinzuversetzen“ ohne, wie er weiter ausführt „von außen darauf zu schauen und das Gefühl zu haben man könne genau beurteilen wie das war“.

Das Für und Wieder

Der Film verurteilt die jungen Künstler nicht, nimmt sie aber auch nicht in Schutz. Vielmehr wird die komplizierte Situation verdeutlicht, in der sich die Musiker befinden. Das Für und Wieder. Die Entscheidung zwischen Freiheit und Sicherheit. Eine Entscheidung, die nie an Aktualität verliert.

Marco Breddin, Freier Autor & Journalist, Marco Breddin

Marco Breddin - Sein Studium nutzte der Dipl.-Designer für die Produktion eigener Dokumentarfilme. Nach einem Abstecher in die Film/TV Postproduction ...

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