Ein relativ schmales Buch macht Geschichte – in doppelter Hinsicht. Der Band ist ein Klassiker, wenn auch einer von der eher stillen Sorte und nicht im Sinne großer Weltliteratur. Weltumspannend ist er allemal, zeitübergreifend ebenso – er beginnt in der Altsteinzeit, also mit den frühesten Zeugnissen menschlicher Existenz, und reicht bis in die unmittelbare Gegenwart – jedenfalls, wenn man den zweiten Band hinzunimmt. Denn von Anfang an war er zweigeteilt, der "dtv-Atlas Weltgeschichte". Der erste Teil reicht "Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution", und soeben ist er in seiner 40. Auflage erschienen.

Nachschlagewerk für Generationen von Schülern

Generationen von Schülern und anderen Wissbegierigen ist er ein zuverlässiger Begleiter (gewesen). Ein knappes halbes Jahrhundert hat er auf dem Buchrücken, in Brasilien gibt es ihn in der Landessprache ebenso wie in Japan und Ungarn. So kompakt schafft es kaum ein Buch, das Leben von damals bis heute auf insgesamt rund 600 Seiten zusammenschnurren zu lassen.

Freilich ist es keins, mit dem man es sich abends auf der Couch gemütlich macht; es bleibt eher in Griffweite auf dem Schreibtisch oder im Regal. "Fakten, Fakten, Fakten" – das Motto, das sich ein deutsches Nachrichtenmagazin auf die Fahnen geschrieben hat, gilt für den "Weltatlas" seit jeher. So hangelt sich die Weltgeschichte an einem Gerüst von Jahreszahlen entlang und ist weitgehend auf telegrammkurze Infos eingedampft, die immerhin ausreichend und ausführlich genug sind, um den Überblick zu behalten und das große Ganze nicht aus dem Auge zu verlieren – sozusagen der Antipode zum munter daher geplauderten und sachkundig an der Oberfläche entlang schrammenden Werk des Anglisten Dieter Schwanitz, der uns 1999 (ebenfalls ungemein erfolgreich und auflagenstark) unter dem bündigen Titel "Bildung" erzählte, was wir alles wissen müssen.

Ausführlicher Streifzug durchs Mittelalter

Wer sich anschließend tiefer in eine der im "Atlas" kursorisch behandelten Epoche versenken möchte, kann dies in dem ebenfalls im dtv-Verlag erschienenen Buch "Das Mittelalter – Geschichte und Kultur" von Johannes Fried tun. Der Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt/Main hat tausend Jahre auf 600 Seiten abgehandelt. Dies ist natürlich auch ein kolossales Unterfangen, doch der Wissenschaftler schlägt souverän, stringent und nachvollziehbar den Bogen von etwa 500 bis 1500, gemeinhin die als Mittelalter epochalisierte Zeitspanne, die in ihrer politischen, kulturellen, wissenschaftlichen, religiösen und sozialen Vielfalt vor dem Auge des Lesers lebendig wird. Dass gemeinhin als trockene Wissenschaft verschrieene Tatsachen spannend und unterhaltsam aufbereitet werden kann – Fried beweist es von Kapitel zu Kapitel in einer lebendigen Erzählweise. Den ausführlichen Fußnotenapparat sowie die notwendigerweise verknappte Bibliografie wird der interessierte Leser als willkommene Hilfestellung zur Fortsetzung und Vertiefung der Lektüre sehen.

Literatur:

  • "dtv-Atlas Weltgeschichte, Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution", hg. von Hermann Kinder/Werner Hilgemann, 287/XVIII Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011,10,90 Euro.
  • Johannes Fried, "Das Mittelalter. Geschichte und Kultur." Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011, 14,90 Euro.