Historische Bildpostkartensammlung fasziniert

Digitale Schatzkiste für Geschichtsfans im Internet

An den Rhein - Sammlung Historische Bildpostkarten
An den Rhein - Sammlung Historische Bildpostkarten
Fast 10.000 historische Bildpostkarten umfasst die digitale Bildpostkartensammlung von Prof. Sabine Giesbrecht - eine wahre Fundgrube für Geschichtsfans und Historiker.

Annähernd 10.000 digitalisierte Bildpostkarten, eingeteilt in 17 Themenkreise und diese wiederum in sich aufschlussreich differenziert: Die „Sammlung Historische Bildpostkarten“, angelegt von Frau Prof. Dr. em. Sabine Giesbrecht an der Universität Osnabrück, ist eine wahre Schatzkiste und Fundgrube für all jene, die historisches Bildmaterial zur Geschichte vom Kaiserreich bis in den Nationalsozialismus suchen. Und das allerschönste: Die Sammlung ist komplett digitalisiert und von jedermann leicht einzusehen. Unter http://www.bildpostkarten.uni-osnabrueck.de/index-flash.shtml präsentiert sich die unerhörte Vielfalt eines Geschichtsbildes, dessen Fülle und Faszination gleichermaßen auf den enormen Sammlerfleiß der Macherin Sabine Giesbrecht zurückzuführen ist.

Musikwissenschaftliches Interesse inspirierte die Sammlung

Die 1938 in Ostpreußen geborene Musikwissenschaftlerin begann bereits Anfang der 80er Jahre mit der Sammlung historischer Bildpostkarten, wobei ihr Sammlungsschwerpunkt von Anfang an musikwissenschaftlicher Natur war. Verständlich also, dass Sabine Giesbrecht hierfür gleich mehrere Themenfelder wie etwa „Lieder und ihr Umfeld“, „Komponisten und ihre Werke“, „Öffentliche Musikausübung“ oder auch „Privatmusik“ reserviert hat.

Ihr Anliegen ist aber nicht allein die bloße Präsentation von Karten mit Musikbezug, sondern auch „die Dokumentation des sozialen und politischen Kontextes, in dem die Musikkultur in Erscheinung tritt. Das Musikleben soll als Teil des gesellschaftlichen Lebens veranschaulicht werden, das sich einerseits im engen Kreis des bürgerlichen Hauses, im Schutz der Familie und insbesondere der Frauen sowie im Rahmen privater Beziehungen abspielt. Andererseits ist das regionale Umfeld, die Stadt oder die "Heimat" mit ihren touristischen Attraktionen, mit ihren Festen und kulturellen Ereignissen als Teil der bürgerlichen Lebenswelt in den Bilderkatalog aufgenommen worden. Im weitesten Sinne schlägt sich schliesslich - unübersehbar - die Macht der politischen Systeme in Bildern und Texten nieder.

Wissenschaftlicher Wert und unerhörte Themenvielfalt

Über den wissenschaftlichen Wert der Sammlung lässt sich eigentlich gar nicht streiten, insbesondere im Hinblick auf ihre sozial- und kulturgeschichtlichen Potentiale. Als Bildquellen und im Hinblick auf ihre Motive geben sie einen Einblick in das politische, soziale und ästhetische Denken der kleinbürgerlichen Kultur ihrer Zeit, deren Vorlieben und Überzeugungen, Abneigungen und Positionen sie in millionenfacher Auflage verbreiteten. Angesichts des einzigartigen Umfangs der Sammlung, ihrer thematischen Breite und der überzeugenden, leicht nachvollziehbaren Technik ihrer Verzeichnung ist schließlich festzuhalten, dass die Sammlung enormes Potential für die Forschung bereithält. Der Umstand schließlich, dass die Sammlung nicht etwa hinter dicken Archivtresoren allein einem erlauchten Forscherkreis, sondern für jedermann frei zugänglich im Internet bereit steht, lässt ihre Relevanz für Forschung und Geschichtsvermittlung noch weiter steigen.

Tatsächlich geht die „Sammlung historischer Bildpostkarten“ heute auch thematisch weit über das ursprünglich inspirierende musikwissenschaftliche Interesse hinaus. Eigenständige Rubriken etwa für „Frauen- und Männerbilder“, „Familien- und Paarbeziehungen“, „Religion und Mythen“, aber auch für „Grußkarten“, „Karikaturen“ sowie für „Monarchie und Königshaus“ erfassen die gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte der deutschen Gesellschaft zur Jahrhundertwende umfassend.

Bildpostkartensammlung zum Ersten Weltkrieg

Einen besonderen Stellenwert nehmen schließlich die Bildpostkarten ein, die Frau Prof. Dr. Giesbrecht zum Ersten Weltkrieg gesammelt und für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung gestellt hat. Allein drei Rubriken (Nr. 13-15) mit über 2.300 Motiven sind hierfür reserviert: „Der Erste Weltkrieg auf der Bildpostkarte“, „Kämpfe 1914-1918“ sowie „Heimat und Front 1914-1918“. Der besondere Stellenwert, den die Bildpostkarten des Ersten Weltkrieges für die Zeitzeugen hatten, erschließt sich rasch. Insbesondere auf dem Lande standen alternative Bildquellen zum Kriege kaum zur Verfügung. Die ländlichen Tageszeitungen hatten oftmals kaum die technischen Möglichkeiten, Fotografien vom Schlachtenlärm an den Fronten Europas zu präsentieren, und der Einzug des Kinos auf dem Lande folgte erst deutlich später. Insofern gab es für all jene, die sich an der Heimatfront ein Bild vom Kriege machen wollten, nicht allzu viele Alternativen. Quellenkritisch gilt es allerdings zu realisieren, dass die Bildmotive, die auf dem Feldpostweg millionenfach zwischen Front und Heimat versandt wurden, vielfach absichtsvoll manipuliert waren, Kriegsrealität also in verzerrter Weise darzustellen suchten. Insofern gewinnen Bildpostkarten zum Ersten Weltkrieg ihren Erkenntniswert als Quellen zur Wahrnehmungsgeschichte und Propaganda einer Zeit und ihrer Protagonisten.

Ausstellungstipp: Der Krieg auf der Bildpostkarte

Übrigens, eine spannende Präsentation zu den Bildpostkarten des Ersten Weltkrieges wird derzeit vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge als Wanderausstellung präsentiert. Unter dem Titel „Der Krieg auf der Bildpostkarte“ werden 60 Motive in sechs Themenkreisen vorgestellt. Die Themenkreise sind: Kriegsausbruchspropaganda, Feindpropaganda, Alltag an der Front, Kriegsinvalidität und Massensterben, Leben und Überleben an der Heimatfront mit dem Sonderthema des allgegenwärtigen Spenden- und Sammelwesens. Die Themenkreise werden mit einzelnen Tafeln erläuternd eingeführt. Die Bildpostkarten selbst sind mit speziellen motiverläuternden Texten so versehen, dass sich die Ausstellung selbst erklärt. Nächster Ausstellungsort ist das Städtische Museum in Herford; vom 31. Oktober bis zum 20. Dezember 2009 macht sie hier Station.

Insgesamt besticht die „Sammlung historischer Bildpostkarten“ in Umfang, Archivierungsstruktur und übrigens auch im Hinblick auf die Bequemlichkeit ihrer Nutzung. Wer sich selbst ein „Bild von der Geschichte“ machen will, dem sei die digitale Bildpostkartensammlung von Sabine Giesbrecht wärmstens ans Herz gelegt.

Dr. Richard Sautmann, Dr. Richard Sautmann

Richard Sautmann - Dr. Richard Sautmann, von Beruf Historiker und freiberuflicher Autor. Nach dem Magisterstudium an der Universität Oldenburg und ...

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