
- Faszinierender Roman: Das Heiligenspiel - hajo-hempel / pixelio.de
Im ausgehenden Mittelalter verbreitet sich durch ein Missverständnis das Gerücht, die Augsburgerin Anna sei eine Hungerheilige, was der jungen Frau nicht nur Wohlwollen einbringt.
Verbannung aus Augsburg
Die junge Anna wächst zusammen mit ihrer Halbschwester Veronika bei ihrer Mutter Barbara in ärmlichen Verhältnissen auf. Anna hat es nicht leicht, muss sie doch ständig mit der Ablehnung ihrer Mutter leben. Diese begründet sich auf dem stillen Vorwurf, an ihres Vaters Tod und damit an der Misere, in der sich die Familie befindet, schuld zu sein.
Als Anna durch eine vermeintliche Freundin das Opfer einer Intrige wird, muss sie einiges erleiden: Sie wird mit Rutenschlägen aus der Stadt Augsburg vertrieben und verbannt. Anna steht plötzlich völlig allein da, denn sogar ihre Mutter versagt ihr jede Hilfe.
Kräuterweib als Lebensretterin
Zuflucht findet Anna bei der Kräuterfrau Oda, die sich ihrer und ihrer Wunden annimmt. Anna bleibt bei der alten Frau, die ihr mehr zur Mutter wird, als ihre eigene es jemals war, und lernt von ihr alles darüber, wie die Kraft der Natur Krankheiten zu heilen vermag. Anna fühlt sich sicher bei Oda und scheint langsam über die Schmach und den Schmerz der Verbannung hinweg zu kommen. Trotzdem leidet sie an Heimweh und Oda gelingt es, für Anna eine Begnadigung zu erwirken, so dass diese in ihr geliebtes Augsburg zurückkehren kann.
Von der Seelschwester zu Hungerheiligen
Zurück in der Stadt findet Anna Arbeit und Unterkunft in einem Seelhaus. Nach einer Magenverstimmung ist die Hostie beim Abendmahl das Erste, was sie wieder bei sich behalten kann. Schnell macht das Gerücht die Runde, sie sei eine Hungerheilige, die sich ausschließlich von der Heiligen Hostie ernähre.
Heilkunst und Nächstenliebe
Fortan wird Anna als Heilige betrachtet und viele Menschen suchen sie auf, um sich von ihr weise Ratschläge zu holen oder von ihrem umfangreichen Wissen über die Naturheilkunst profitieren. Auch sind viele Menschen in Sorge und Not dankbar, wenn sie sich ihrer Gebete versichern können. Aber obwohl Anna ihren Status als Heilige und den damit verbundenen Wohlstand vor allem dazu nutzt, Menschen in Not zu helfen, wird ihr nicht nur Wohlwollen entgegengebracht.
Wo die Liebe hinfällt
Als Anna sich in den reichen Kaufmann Anton Welser verliebt, hängt der Himmel nicht nur voller Geigen. Hatte Anna schon vorher einige Neider, so entwickelt sich ihre Beziehung zu Anton zu einem echten Problem, denn Antons Familie fühlt sich gedemütigt und will Annas Untergang...
Historischer Roman der Extraklasse
Das Heiligenspiel ist ein hervorragend recherchierter historischer Roman, der den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Ursula Niehaus nimmt ihre Leser mit durch eine Reise durch das Augsburg des ausgehenden Mittelalters, führt durch Straßen und Viertel dieser schönen Stadt und macht bekannt mit damaligen gesellschaftlichen Gepflogenheiten.
Faszinierende Protagonistin
Die Gestaltung der Figuren in Das Heiligenspiel ist durchweg gelungen: Jede einzelne Figur wirkt authentisch. Besonders gilt das für die Protagonistin der Geschichte, die Anna Laminit. Anna Laminit, die tatsächlich gelebt hat, gilt in der Geschichtsschreibung als recht umstritten. In Ursula Niehaus’ Roman jedoch ist die "Laminitin" eine faszinierende und starke Frau, der viel Unrecht widerfahren ist und der zeit ihres Lebens nie ungetrübtes Glück vergönnt war. Es mag sein, dass die Autorin in Das Heiligenspiel eine Lanze für die historische Figur Anna Laminit gebrochen hat und wer das Buch gelesen hat, wird es ihr gleichtun. Als Leser liebt man Anna von Anfang an, man leidet mit ihr, man hofft und wünscht ihr endlich, endlich Glück. Ob sie es findet? Um das herauszufinden, gibt es nur eine Möglichkeit: Lesen. Sie werden es nicht bereuen, versprochen!
Lesetipp: Niehaus, Ursula: Das Heiligenspiel. Knaur. München 2008. EUR 16,95
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