
- Altersbild: Fotograf Edward Steichen (1879-1973) - Hans Hammarskjöld, Centre National de l'Audiovisue
Mit einem so mutigen wie gelungenen Wurf betritt die junge amerikanische Autorin Emily Mitchell die öffentliche Bühne der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Mutig deshalb, weil sie sich mit dem Leben eines der bedeutendsten Fotokünstlers des 20. Jahrhunderts beschäftigt hat, an dessen Biografie sich bislang erstaunlich wenig Sachbuchautoren und schon gar keine belletristischen Schriftsteller gewagt haben. Gelungen ist ihr Romanerstling deshalb, weil sie mit einem einfachen Mittel aus der Trickkiste erzählerischen Schreibens eine fantastische Spannungskurve erzeugt, die den Leser vorantreibt und in Atem hält.
Amerikanischer Roman "The Last Summer of the World"
Leider, wenn auch aus verständlichen Marketinggründen, verpasste der Verlag btb (Random House) dem Buch keinen sehr anspruchsvollen Titel und dem Cover eher ein süßliches Erscheinungsbild, das dazu einlädt, diesen Roman als seichte Strand- und Balkonlektüre und nicht als nachdenklichen Beitrag über die Verwandlung eines lebenslustigen jungen Fotografen durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs in einen ernsten und bedeutenden Avantgarde-Künstler und eine Art Urvater der künstlerischen Fotografie. Kurz: Die deutsche Übersetzung des historischen Romans "The Last Summer of the World" ("Bilder eines Sommers") kann unbedingt zur Lektüre empfohlen werden und ist ein gut gefüllter Steinbruch für diejenigen, die sich für die Geschichte der Fotografie und das europäische Künstlerleben im frühen 20. Jahrhundert interessieren.
Edward Steichen - Pionier der Kunstfotografie
In ihrem Debütroman beschreibt Emily Mitchell die erste Lebenshälfte des berühmten amerikanischen Fotografen Edward Steichen, der als einer der Pioniere der Kunstfotografie gilt. Steichen konzentrierte sich in seinem Frühwerk darauf, die Fotografie überhaupt als Kunstform zu etablieren. Während des Ersten Weltkriegs veränderte sich sein Kunst- und Fotografieverständnis erheblich. Er lebte bei Kriegsausbruch mit seiner Familie in Frankreich, er hatte ein Haus an der Marne und traf sich oft dort oder in Paris mit befreundeten Malern und anderen Künstlern wie dem ebenfalls in Nordfrankreich lebenden Henri Matisse, dem Mentorenfreund August Rodin, der Schriftstellerin Gertrude Stein und dem Galeristen und Kunstförderer Alfred Stieglitz, der ihm in den USA zum künstlerischen Durchbruch verholfen hatte.
Kunstfotografie und Kriegsfotografie von Edward Steichen
Steichen setzte seine fotografischen Erfahrungen als Kriegsfotograf ein, nicht nur mit Reporterfotos der flüchtenden und leidenden Bevölkerung, sondern vor allem mit Luftaufnahmen der auf Paris vorrückenden deutschen Truppen und ihrer Aktivitäten am Boden. Gerade diese sehr gefährliche Mission als Flugaufklärer, die Edward Steichen aus Überzeugung für die mit Frankreich alliierte amerikanische Armee ausführte, nimmt in dem biografischen Roman eine wichtige Position ein. Es gelingt der Autorin, Steichens Gewissenskonflikte, seine traumatischen Erlebnisse beim Fotografieren der verdreckten und todgeweihten oder schon zerstückelten jungen Soldaten in den Schützengräben, das Lazarettleben und -sterben mit einer ebenso verzweifelten wie anrührend Liebesgeschichte zu verknüpfen.
Ehebruch, Gefühlschaos, Gerichtsprozess
Steichen, der mit der durch die Eheschließung als Pianistin und Sängerin gescheiterten Künstlerin Clara verheiratet war und zwei Töchter mit ihr hatte, begeht in dieser Zeit einen Ehebruch. Dieser erlebt nach Kriegsende ein demütigendes Nachspiel in einem New Yorker Gerichtsprozess: Clara verklagt ihre Freundin Marion wegen "Entfremdung ehelicher Zuneigung" ihres Gatten, Der dekorierte Kriegsoffizier Edward muss als Zeuge auftreten. Dies führt unweigerlich zur Scheidung. Es zeugt von der Reife der Schriftstellerin Emily Mitchell, dass sie den Lesern sowohl die Perspektive des kriegsbedingt einsamen, verliebten Ehemannes als auch die in zeitgenössischer Sicht gesellschaftlich noch unverstandenen Bedürfnisse der Ehefrau nach einer eigener Künstlerkarriere und nach gleichberechtigter Selbstverwirklichung verständnisvoll nahebringt. Ihr Mitfühlen gilt beiden, dem gut aussehenden, charismatischen Frauenliebling Edward und der rachsüchtigen betrogenen Clara.
Leben und Biografie von Edward Steichen
Die späteren Ereignisse im Leben und Werk von Edward Steichen sind nicht mehr Teil des Romanthemas. Auch im Zweiten Weltkrieg kämpfte Steichen für die US-Army, als Fotochef der US-Marine. Weltweite Berühmtheit erlangte er als Schöpfer der Bildserie "Family of Man" (1955), die bis heute im News Yorker MoMa (Museum of Modern Art) zu sehen ist, deren Fotografie-Direktor Steichen 15 Jahre lang war, bevor er das Amt 83jährig aufgab. Er wurde 95 Jahre alt. Eine Biografie des Künstlers ist im deutschsprachigen Buchmarkt überfällig.
Die erfolgreiche Nachwuchsautorin Emily Mitchell
Emily Mitchell wurde 1975 in London geboren, studierte am Brooklyn College in New York bei Michael Cunningham Literatur und lebt nach Auskunft des Verlages heute, nach längeren Aufenthalten in Japan und England, in San Francisco. Ihre Kurzgeschichten wurden von der Literaturzeitschrift "AGNI" und in der "Indiana Review" veröffentlicht.
Emily Mitchell: Bilder eines Sommers. Roman. Aus dem Amerikanischen von Karen Nölle. btb Verlag. Gebunden. 416 Seiten. 19,95 Euro
