Historismus - Eine Epoche in der Historiographiegeschichte

Von der Spätaufklärung bis in die 1960er Jahre war der Historismus die vorherrschende Art und Weise des historischen Denkens.

Als Historismus bezeichnet man eine Epoche in der Geschichte der Geschichtsschreibung. Genauer gesagt geht es um eine Art und Weise des historischen Denkens, die von der Spätaufklärung bis in die 1960er Jahre über Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft bestimmte. Eben jenes Set an Themen und Methoden gilt heute vielen Historikern als überholt, anderen dagegen nach wie vor als Kernbestand der Disziplin. Wo liegen die Grenzen, aber auch bleibenden Leistungen des Historismus?

Individualität statt Gesetzmäßigkeit

Der Historismus grenzte sich von der Aufklärungshistorie und Geschichtsphilosophie ab. Deren Gebrauch naturrechtlicher und metaphysischer Theorien wurde als spekulativ und quellenfern kritisiert. Im Unterschied zur Natur werde die Geschichte nicht von abstrakten Gesetzmäßigkeiten regiert. Der Historismus geht von der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit historischer Zustände und Ereignisse aus. Daher lehnt eine konsequent historistische Geschichtsschreibung die Anwendung theoretischer Modelle und die Durchführung diachroner Vergleiche ab.

Entwicklung statt Fortschritt

Die Aufklärungshistorie konstruierte die Geschichte als Fortschritt der Menschheit zur Vernunft (so u.a. Georg Wilhelm Friedrich Hegel). Der Historismus lenkte, wohl unter dem Einfluss der Exzesse der Französischen Revolution und der Napoleonischen Herrschaft, diese Betrachtungsweise in eine historische Entwicklungstheorie um. Gegenwart und Zukunft seien als Fortentwicklung der Vergangenheit zu verstehen, nicht als Bruch mit ihr. Zwar geht der Historismus vom Kontinuum der Geschichte (als Kollektivsingular) aus, unterstellt ihr allerdings keinen erkennbaren Endzweck. Jede Epoche müsse in ihrem eigenen Recht betrachtet werden. Die Entwicklungstheorie erhielt ihre entscheidenden Impulse von der konservativen politischen Theorie Edmund Burkes (1729- 1797) und der historischen Rechtsschule um Friedrich Carl von Savigny (1779- 1861).

Primat der Politikgeschichte

Ebenfalls in Abgrenzung zur Aufklärungshistorie verengte der Historismus die Geschichtsschreibung wieder auf eine personen- und ereigniszentrierte Politikgeschichte. Historiker haben den Staat und seine höchsten Repräsentanten zu thematisieren. Handlungsleitende Intentionen geschichtsmächtiger Akteure bestimmen den historischen Prozess. Heinrich von Treitschke hat diese Annahme mit seinem berühmten Diktum „Männer machen Geschichte“ auf den Punkt gebracht.

Hermeneutik

Um die hinter den Haupt- und Staatsaktionen stehenden Intentionen zu ergründen, bediente sich der Historismus der von Johann Gustav Droysen (1808- 1884) entwickelten historischen Hermeneutik. Droysen behauptete, dass sich die Methodik der Geistes- und Naturwissenschaften grundlegend voneinander unterscheiden. Der Historiker analysiert seine Untersuchungsgegenstände nicht, sondern versucht, sie verstehend zu durchdringen, indem er sich in die Lage der damals Handelnden versetzt. Folglich könne eine korrekte Interpretation der Geschichte immer nur aus dem Verstehenshorizont der Beteiligten erfolgen. Dies bedeute allerdings nicht, deren Sichtweisen schlicht nachzuerzählen, denn mittels Quellenkritik könne der Historiker Aussagekraft und Wahrheitsgehalt seiner Quellen prüfen. An Droysens Hermeneutik zeigt sich besonders deutlich, wie der Historismus die Geschichtswissenschaft auf die Arbeit mit schriftlichen Traditionsquellen und die Frage nach Intentionen großer Denker, Politiker und Herrscher reduzierte.

Objektivitätsideal

Die wissenschaftliche Institutionalisierung der Geschichte und die gewachsenen Ansprüche an Quellennutzung und Quellenkritik, förderten die Ansicht, Geschichtsschreibung habe nicht der Deutung und Erbauung, sondern der Gewinnung objektiver Erkenntnisfortschritte zu dienen. Leopold von Ranke (1795- 1886) forderte von seinen Historikerkollegen, sich allen Werturteilen zu enthalten und nur darzustellen, „wie es eigentlich gewesen ist“. Das „eunuchenhafte“ Objektivitätsideal Rankes ist bereits innerhalb des Historismus umstritten gewesen. Vor allem die Vertreter der „Borussischen Schule“ wie Heinrich von Sybel (1817- 1895) und Heinrich von Treitschke (1834- 1896) haben ihre Geschichtsschreibung offensiv als Beitrag zur nationalen Identitätsstiftung betrieben. Auch Ranke selbst hat nie den Anspruch erhoben, dass sein Objektivitätsideal die Standortgebundenheit des Historikers aufheben könne.

Historismuskritik und Lamprechtstreit

In dem berühmt gewordenen Essay Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1873) attackierte der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844- 1900) die mangelnde lebensweltliche Verankerung der Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert. Die antiquarische Betrachtung aller Dinge unter dem Aspekt ihrer historischen Genese behindere die Schöpfungskraft der gegenwärtig Lebenden. Der protestantische Theologe Ernst Troeltsch (1865- 1923) warf dem Historismus moralischen Relativismus vor. Die Forderung, Geschichte stets nur aus der Perspektive der damals Handelnden zu verstehen, negiere die Existenz überzeitlicher Werte.

Als am nachhaltigsten erwies sich die Kritik der jungen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, die sich im 19. Jahrhundert am Rande der etablierten Geschichtswissenschaft bewegte oder in die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten abgedrängt wurde. Historisch arbeitende Soziologen wie Gustav Schmoller (1838- 1917) und Max Weber (1864- 1920) prangerten die Ignoranz gegenüber überindividuellen Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft an. Im Zeitalter von Industrialisierung und „sozialer Frage“ forsche der Historismus an den großen historischen Deutungsbedürfnissen der Gegenwart vorbei.

In den 1890er Jahren lieferte Karl Lamprecht (1856- 1915) mit seiner umfassenden Kulturgeschichte einen Gegenentwurf zum Historismus. Er importierte Theorien aus Ökonomie und Völkerpsychologie in die Geschichte, während die Politik nur noch als abhängige Größe von überindividuellen Strukturen vorkam. Damit löste Lamprecht einen heftigen Methodenstreit in der deutschen Geschichtswissenschaft aus. Sein, im Detail in der Tat fehlerhafter, Ansatz wurde von der historischen Zunft als unwissenschaftlich und materialistisch verworfen. Nach dem Scheitern Lamprechts ist es vor den 1960er Jahren zu keinen grundlegenden Erneuerungsversuchen in der deutschen Geschichtswissenschaft mehr gekommen. Bemerkenswert ist allerdings der Versuch Friedrich Meineckes (1862- 1954), nach dem Zeiten Weltkrieg den Historismus demokratisch zu läutern und ihn gegenüber der Ideen- und Geistesgeschichte zu öffnen.

Was bleibt vom Historismus?

Von zeitloser Relevanz ist der Anspruch des Historismus geblieben, Geschichte wissenschaftlich zu betreiben. Die Institutionalisierung des Fachs an den Universitäten, die hohen Ansprüche an Quellenkritik, das Verstehen von vergangenem Denken und Handeln vor dem Hintergrund des historischen Kontexts, sind Verdienste, die man den Historikern des 19. Jahrhunderts nicht streitig machen kann.

Als überwunden kann hingegen die thematische und methodische Enge des klassischen Historismus gelten. Der Bedeutungsgewinn der Sozialgeschichte hat in Deutschland seit den 1960er Jahren, in anderen westeuropäischen Ländern deutlich früher, die Dominanz der Politikgeschichte beendet. Darüber hinaus hat sie analytische Verfahren belebt, indem sie theoretische Modelle der Nachbarwissenschaften als heuristische Mittel in der Geschichtswissenschaft nutzt.

Die Frage, ob es im Rahmen der „neuen Kulturgeschichte“ zu einer Renaissance des Historismus gekommen ist, lässt sich aufgrund der thematisch und methodisch amorphen Gestalt dieser Teildisziplin nicht eindeutig beantworten. Im Zeitalter des „linguistic turn“ haben Historiker die sprachliche, bzw. textuelle Gebundenheit alles Wissens um die Geschichte wiederentdeckt. Die nunmehr eher literaturwissenschaftlich oder soziologisch angehauchten Verfahren der Textinterpretation (- oder wie man heute sagt: Diskursanalyse -) haben allerdings wenig mit Droysens intuitiv- nachlebender Hermeneutik zu tun. Auch der in den letzten Jahren zu beobachtende Bedeutungsgewinn der Politikgeschichte lässt sich nur sehr bedingt mit dem Etikett „Neohistorismus“ versehen. Die „neue Politikgeschichte“ hantiert mit einem sehr weit gefassten Politikbegriff, der im Gegensatz zum Historismus das „Politische“ nicht auf Staatshandeln reduziert.

Literatur

Jaeger, Friedrich/ Rüsen, Jörn, Geschichte des Historismus. Eine Einführung, München 1992.

Jordan, Stefan, Historismus, in: Ders. (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2002, S. 171-174.

Muhlack, Ulrich, Leopold von Ranke (1795- 1886), in: Lutz Raphael (Hg.), Klassiker der Geschichtswissenschaft, Bd.1, München 2006, S. 38-63.

Nipperdey, Thomas, Historismus und Historismuskritik heute, in: Ders., Gesellschaft, Kultur, Theorie, Göttingen 1976, S. 59-73.

Oexle, Otto G., Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus, Göttingen 1996.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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