
- Plakat zur Ausstellung - DHM
Auch 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bleibt die Frage, „Wie war Hitler möglich?“ brisant. Beinhaltet sie doch die Suche nach Gründen für die breite Akzeptanz in der deutschen Bevölkerung, auf die sich die NS- Diktatur, selbst als ihr terroristischer Charakter in Weltkrieg und Völkermord offenkundig geworden war, stützen konnte. Diesem Thema widmet sich nun eine Ausstellung mit dem Titel „Hitler und die Deutschen“, die vom 15. Oktober 2010 bis 6. Februar 2011 im Deutschen Historischen Museum (Unter den Linden) zu sehen ist. Wie der Titel bereits suggeriert, soll es nicht allein um Adolf Hitler gehen, sondern um das Zusammenspiel von Führer, Partei und deutscher Gesellschaft.
Gliederung und Präsentation
Die Ausstellung gliedert sich in acht thematische und grobchronologische Unterabteilungen: Führermythos und Führerbewegung, Hitler und die NSDAP, Machtübertragung und nationale Revolution, die deutsche Gesellschaft und Hitler, der „Führerstaat“, Führerherrschaft und Vernichtungskrieg, die deutsche Gesellschaft im Krieg, Hitler und kein Ende (d.h. die mediale Auseinandersetzung mit Hitler nach 1945). Zahlreiche und gut ausgewählte Objekte, Schrift-, Bild-, Film- und Tondokumente illustrieren das propagandistische Geschick der Nationalsozialisten, die im Einsatz von modernen Medien und der Mobilisierung von Massen ihren politischen Konkurrenten überlegen waren. Viele Deutsche projizierten ihre Sehnsüchte nach sozialer Sicherheit, Wohlstand und nationaler Größe auf Hitler. Mit der Volksgemeinschaft bediente der Nationalsozialismus geschickt das Verlangen nach sozialer Harmonie, verknüpfte es jedoch mit einer Ausgrenzungs- und letztendlich Vernichtungspolitik gegen alle aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen als „gemeinschaftsfremd“ definierte Gruppen. Dass der Vernichtungswille den eigentlichen Kern des Regimes ausmachte offenbarte sich spätestens im Zweiten Weltkrieg, der es ermöglichte, die schon in „Mein Kampf“ geschilderten NS- Großprojekte Lebensraumpolitik und die so genannten „Endlösung der Judenfrage“ in Angriff zu nehmen.
Die Aufdeckung der Verschränkung von propagandistischer Selbstdarstellung und verbrecherischer politischer Praxis gelingt der Ausstellung überzeugend. Neben dem Besuch der Ausstellung selbst, ist auch ein Blick auf das wissenschaftliche und kulturelle Begleitprogramm empfehlenswert.
Unklare thematische Ausrichtung
Die Stärke der Ausstellung ist es, Hitler als historisches Phänomen in den Kontext der deutschen Gesellschaft zu stellen. Dieses Unterfangen wirft jedoch einige konzeptionelle Probleme auf. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Ausstellung eine klare thematische Ausrichtung fehlt. Geht es nun um Hitler als Person und Politiker, die Geschichte der NSDAP, die nationalsozialistische Propaganda oder die Verstrickung der deutschen Gesellschaft in die Verbrechen des Dritten Reiches? Offenbar konnten sich die Kuratoren nicht entscheiden, so dass von jedem etwas gezeigt wird. Weite Teile der Ausstellung widmen sich gar nicht „Hitler und den Deutschen“, sondern der Vorgeschichte und Geschichte des Dritten Reiches – also einem viel allgemeiner gehaltenen Thema. Der vorgebildete Besucher wird, mit Ausnahme einiger selten gezeigter Ausstellungsstücke, daher wenig Neues entdecken. Auch auf die Leitfrage „wie war Hitler möglich“ erhält man eher konventionelle Antworten, die in erster Linie auf die krisenhaften Verhältnisse in der Weimarer Republik verweisen. Langfristige mentalitäts- und sozialgeschichtlichen Kontinuitäten – man erinnere sich an die These vom „deutschen Sonderweg“ – werden nicht in die Ursachenforschung einbezogen.
Verfehlte Wirkung?
Im Vorfeld kursierte in den Medien die Befürchtung, dass die Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ Neonazis auf den Plan rufen und ungewollt Begeisterung für nationalsozialistisches Gedankengut wecken könnte. Wer die Ausstellung gesehen hat, kann diese Bedenken nicht nachvollziehen. Erstens hat es schon viele Ausstellungen zu Techniken und Methoden nationalsozialistischer Propaganda gegeben, die „problematischeres“ Bild-, Ton- und Filmmaterial gezeigt haben. Zweitens ist die Präsentation so gestaltet, dass der schöne Schein der Propaganda stets hinterfragt und mit den Verbrechen des Regimes kontrastiert wird. Drittens ist es prinzipiell wenig wahrscheinlich, dass in den Wänden eines Museums präsentierte Ausstellungsstücke überhaupt dieselbe Wirkung entfachen können wie in ihrem ursprünglichen historischen Zusammenhang.
